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Die Chora von Pergamon
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Projektbeschreibung



Landstädte, Dörfer und Gehöfte in der Chora des hellenistischen Pergamon

Während die Entwicklung Pergamons zur hellenistischen Großstadt im Zuge der Grabung recht gut erforscht ist, sind die Kenntnisse über die ländlichen Siedlungen in der Chora noch sehr begrenzt. In dem Projekt soll daher versucht werden, anhand eines Ausschnittes aus der Chora und der Umgebung von Pergamon die historische Entwicklung benachbarter Zentralorte und kleinerer ländlicher Siedlungen in hellenistischer Zeit zu erschließen. Ein zentrales Anliegen des Projektes ist die Beantwortung der Frage, wie sich der Ausbau der Metropole Pergamon im 3.-1. Jh. v. Chr. auf die überwiegend seit archaischer und klassischer Zeit bestehenden Nachbarsiedlungen ausgewirkt hat und welche Folgen es für die Siedlungsstrukturen im ländlichen Raum insgesamt hatte.
Die ausgewählte Region ist zu diesem Zweck möglichst umfassend zu erschließen, wobei die Landstädte Atarneus und Perperene Ausgangspunkt der Feldforschungen sein sollen. Diese Kombination erscheint besonders vielversprechend, da ein Ort im Gebirge mit einer Siedlung am Meer verglichen werden kann und sich so die unterschiedliche Auswirkung der topographischen sowie verkehrsgeographischen Lage beobachten läßt. Die antiken literarischen und numismatischen Quellen lassen ferner unterschiedliche ökonomische Grundlagen erkennen: Während die Siedlung am Meer seit klassischer Zeit für ihren Getreidereichtum bekannt war, wurden im Bergland in erster Linie Wein- und Olivenanbau betrieben. Auch scheint die Entwicklung beider Landstädte sehr unterschiedlich gewesen zu sein. Atarneus, noch 4. Jh. v.Chr. die bedeutendste Polis der Region und politisches Zentrum eines Städtebundes, verliert vom 3. bis zum 1. Jh. v. Chr. kontinuierlich an Bedeutung und wird im 1. Jh. v. Chr. in die pergamenische Chora integriert. Perperene hingegen wächst in hellenistischer Zeit kontinuierlich und prosperiert mit anhaltender Selbständigkeit bis in die Kaiserzeit. In hellenistischer Zeit haben sich durch den Aufstieg der Metropole die Gewichte in der Siedlungsstruktur deutlich verschoben haben. Diesen Vorgang in seinen Einzelheiten besser zu verstehen, ist ein Anliegen des Projektes.
Die beiden Orte bieten sich für Feldforschungen an, da die sichtbaren archäologischen Überreste tragfähige Aussagen über die Siedlungsgeschichte und die Beantwortung unterschiedlicher Fragen zu Stadtbild, Wirtschaft sowie den sozio-politischen Strukturen zulassen. Auf diese Weise sollen die urbanen Strukturen und die Ausstattung mit größeren Bauten ermittelt werden, wobei zugleich auch die Entwicklung dieser Strukturen und die Unterschiede zwischen den beiden Städten beschrieben werden sollen. In Atarneus wird die Befestigung der Siedlung neben der Agora mit zugehörigem Tempel als besterhaltene öffentliche Bauten einen Schwerpunkt der Arbeiten darstellen. Im Fall von Perperene kann zudem anhand der baulichen Überreste von Theater, Tempel, Aquädukt und Hallenbau sowie der erhaltenen Bauornamentik geprüft werden, in welchem Umfang die Architektur der Landstadt jener Pergamons ähnelt. Anhand der unterschiedlich gut erhaltenen Monumente in Atarneus und Perperene soll demnach untersucht werden, welche urbanen Elemente man in hellenistischer Zeit als Grundausstattung eines Poliszentrums für wesentlich erachtete und welche Rolle dabei die Monumentalisierung der nahen Metropole spielte. Um die historische Entwicklung der Orte verstehen zu können, ist auch das an der Oberfläche auflesbare Keramikspektrum zu erforschen. Angesichts einer sehr reichen Scherbenstreuung wird es möglich sein, nicht nur die diachrone Verteilung sowie zeitliche Schwerpunkte zu ermitteln.
Um die urbanen Gestalt wie der Ortsgeschichte dieser Hauptorte besser einordnen zu können, sollen weitere Subzentren hinzugezogen werden. Zum Vergleich können im Fall von Atarneus die Siedlungsreste von Teuthrania sowie anderer Siedlungshügel im Kaikostal, die in Sichtweite der Stadt liegen, untersucht werden. Ähnliches gilt für das Gebiet von Perperene. Hier sollen zum Vergleich die dorfartige Siedlung von Trarion und die Festung von Kytonion als Subzentren erforscht werden. So wird es möglich sein, regional typische Architektur- und Siedlungselemente sowie die Grundlinien der historischen Veränderungen in hellenistischer Zeit an anderen seit archaischer Zeit bewohnten Siedlungen zu überprüfen, zu ergänzen und mögliche Abweichungen wahrzunehmen.
Eine Begehung des Umlandes und die Erfassung aller vorhandenen Siedlungsreste verspricht ferner Aufschluß über die agrarische Nutzung der städtischen Umgebung und mögliche Veränderungen in der Bewirtschaftung. Während das Kaikostal selbst aufgrund der starken Erosionsaufschwemmung keine Spuren von Besiedlung an der Oberfläche zeigt, bietet das Bergland östlich von Atarneus sowie westlich und nördlich von Pergamon gute Möglichkeiten für Feldforschungen. Insbesondere das Kozakgebirge bietet ein reichhaltiges Spektrum unterschiedlicher Siedlungstypen. In diesem Zusammenhang sind auch andere grundlegende Fragen des ländlichen Raumes zu untersuchen. Hierzu gehört die Rekonstruktion des antiken Wegenetzes und der Hauptverkehrsverbindungen, die Grundlage der Kommunikation in der Region waren.
Um die Bindung der Metropole an ihre Chora zu verdeutlichen, können die Inschriften der Stadt genutzt werden. In den Ephebenlisten der Stadt, die zur Zeit von H. Müller bearbeitet werden, werden beispielsweise eine Reihe von Toponymen ländlicher Siedlungen genannt, die zwar nicht zu lokalisieren sind; aber immerhin lassen sie die Identifizierungen von Siedlungstypen zu, denen möglicherweise entsprechende Überreste im Umland zuzuordnen sind. Damit läßt sich die Ausstrahlung der Metropole in die Region und die Vernetzung der Eliten besser verstehen. Es ist der Frage nachzugehen, ob sich ländlicher Großgrundbesitz mit zentralen Großgehöften nachweisen läßt und möglicherweise sogar die inschriftlich sowie literarisch überlieferten königlichen Domänen greifbar sind.

Während des auf sechs Jahre angelegten Surveys soll es demnach um die möglichst vollständige Rekonstruktion der Siedlungsentwicklung der gewählten Region in hellenistischer Zeit gehen. Dabei werden folgende Ebenen untersucht:

a) Erschließung der ländlichen Siedlungsstrukturen sowie der Urbanistik der Landstädte
Hierzu gehören:
- die Zentralorte der unmittelbar benachbarten Poleis Atarneus und Perperene
- die zugehörigen Subzentren von Teuthrania, Trarion und Kytonion
- Dörfer und Gehöfte im Umland dieser Siedlungen
- die verkehrsgeographische Infrastruktur, Ermittlung der Polisgrenzen und weitere Formen der Landnutzung (Steinbrüche, Minen usw.)

b) Erforschung des historischen Wandels dieser Strukturen und der Stadtbilder vom späten 4. bis zum 1. Jh. v.Chr.
Erforscht werden:
- die Wechselwirkungen zwischen der neuen, allmählich wachsenden Metropole Pergamon und ihrem ländlichen Raum sowie dessen urbaner Zentren
- Wandel der urbanen Ausstattung in den Landstädten vor dem Hintergrund der zeitgenössischen Standards
- wirtschaftliche und sozio-politische Entwicklung im Rahmen der landwirtschaftlichen Nutzung sowie der Gestaltung der Region als Kulturlandschaft
- Einfluß der attalidischen Herrschaft auf den Siedlungsraum und dessen Gestalt mit den zeitlichen Schwerpunkten:
o klassische und frühhellenistische Zeit (Ausbildung attalidischer Herrschaft; Ausbau der Stadt unter Philetairos und Eumenes I.)
o 3./2. Jh. v.Chr. mit der ersten Blüte der hellenistischen Metropole (Höhepunkt attalidischer Herrschaft)
o Ende der attalidischen Herrschaft und 1. Jh. v.Chr.

In dieser Zielsetzung deckt sich das Projekt partiell mit den von F. Pirson geplanten Arbeiten im pergamenischen Hafen Elaia. In der Planungsphase beider Projekte wurde daher bereits eine enge Kooperation eingegangen, die sich in der organisatorischen Verbindung mit der Pergamongrabung niederschlägt.
bs © visual4.de
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Überblick über das Arbeitsgebiet

Einen Überblick über das Arbeitsgebiet vermittelt folgendes Panorama:
http://www.fotografiezimmermann.de/teuthrania/
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Letzte Änderung: 04.04.2012