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Die hellenistische Residenzstadt Lysimacheia
Die hellenistische Residenzstadt Lysimacheia:
Lysimacheia wurde 309/08 v. Chr. von dem Diadochen
Lysimachos an einer zuvor offenbar unbesiedelten, jedoch strategisch
bedeutsamen Ortslage – an der Schnittstelle zwischen Asien und Europa – als
Hauptstadt seines Reiches neugegründet. In der Folgezeit prosperierte
Lysimacheia und stand im Focus hellenistischer Großmächte, bevor es schließlich
144 v. Chr. endgültig von den Thrakern zerstört wurde. Das Resultat der nur 165
Jahre währenden Existenz der Stadt ist ein enger chronologischer Rahmen für
alle materiellen Hinterlassenschaften – ein einmaliges Zeitfenster.
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Abb. 1: Marmorschild Philipps V. aus Lysimacheia [aus L. Robert, Hellenica 10 (Paris 1955) Taf. 35 (© Editions Adrien Maisonneuve)]
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Bis vor kurzem war die Lokalisierung der ausschließlich
aus literarischen Quellen bekannten Stadt umstritten, nun aber ist sie aufgrund
eines Inschriftenfunds durch M. Sayar bei dem türkischen Ort Bolayır gesichert.
Wenige Altfunde aus diesem Gebiet befinden sich im Archäologischen Museum
Istanbul (Abb. 1), zudem sind in den
letzten Jahren einige zufällig oder durch Raubgrabungen zu Tage gekommene
Marmorskulpturen und Grabinventare ins Museum Çanakkale gelangt. Systematische
archäologische Untersuchungen hat es jedoch in Lysimacheia bislang nicht
gegeben.
Die antike Stadt erstreckt sich an
der engsten Stelle der Gallipoli-Halbinsel auf einem zum Teil beträchtlich
abfallenden Höhenrücken über mehrere Hügel, Senken und Plateaus.
Der moderne Ort Bolayır liegt zwischen der höchsten Erhebung eines Höhenrückens
im Süden und eines Steilabfalls im Norden. Antike Besiedlung kann innerhalb der
modernen Ortschaft und insbesondere auf den umliegenden, landwirtschaftlich
genutzten Flächen beobachtet werden. Der höchste Punkt ist ebenso unüberbaut,
wie das südlich davon abfallende Gelände, das sich zu einem ca. 2 x 2 km großen
Plateau öffnet (Abb. 2). Einen
Großteil dieser Fläche nahm die antike Stadt ein. Bestimmte Areale im Gelände
sind durch die Anlage von Bunkern aus dem 2. Weltkrieg allerdings stark
gestört.
Von antiken Bauten sind oberirdisch
keine Strukturen in situ erhalten,
das antike Siedlungsgebiet lässt sich dennoch anhand der Oberflächenfunde
relativ gut eingrenzen. Durch landwirtschaftliche Aktivitäten wurden und werden
ständig Artefakte an die Oberfläche gepflügt, von denen viele außergewöhnlich
gut erhalten sind. Das gilt nicht nur für Architekturfragmente und Keramik,
sondern auch für Pavimentteile, Wandverputz, Metallfunde und organisches
Material.
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Abb. 2: Blick von Westen auf das antike Siedlungsgebiet südöstlich von Bolayır (Foto © WWU Münster)
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Die archäologischen Schichten scheinen sich relativ oberflächennah zu
befinden, da sich zusammenhängende Fundkomplexe noch sehr gut oberirdisch
abzeichnen. An den Feldrändern und nahe bei Gehöften und Wegen liegen
zahlreiche von den Bauern angelegte Lesesteinhaufen, die neben zum Teil
behauenen Steinen auch Keramik beinhalten. Viele antike Steinobjekte wurden
zudem als Spolien im modernen Ort Bolayır verbaut.
Seit 2006 ist die archäologische Untersuchung der
hellenistischen Residenzstadt Lysimacheia auf der thrakischen Chersones das
Ziel eines Forschungsprojektes unter der Leitung von Prof. Dr. Dieter Salzmann,
PD Dr. Achim Lichtenberger und Dr. H.-Helge Nieswandt vom Institut für
Klassische Archäologie und Frühchristliche Archäologie/Archäologisches Museum
der Universität Münster. Ermöglicht wird dieses Vorhaben durch die Förderung im
Rahmen des Schwerpunktprogrammes ‚Die hellenistische Polis als Lebensform’ der
Deutschen Forschungsgemeinschaft, sowie die Unterstützung durch die
Rolf-Dierichs-Stiftung und die Westfälische Wilhelms-Universität Münster.
Angesichts der Verhältnisse am Ort
sollten zu Beginn verschiedene Prospektionsmethoden im Vordergrund stehen,
hierbei zunächst ein extensiver Survey zur Klärung der Ausdehnung der antiken
Besiedlung und zur Suche nach besonderen Fundkonzentrationen. Ziel ist es, eine
genauere Vorstellung von der Topographie zu gewinnen und auffällige Bereiche im
Gelände für eine nähere Untersuchung zu ermitteln. Das heißt, dass in ausgewählten Bereichen ein intensiver Oberflächensurvey
in 5x5 m Quadranten durchgeführt werden soll, bei dem alle antiken Objekte
dokumentiert werden. Dieser verfolgt das Ziel, die Oberflächenfunde
quantifizierbar und vergleichbar zu machen und Charakteristika verschiedener
Siedlungsbereiche zu ermitteln. Die verstreut liegenden Lesesteinhaufen, die
zum Teil schon bei früheren Besuchen oder durch den extensiven Survey entdeckt
wurden, sollen systematisch umgeschichtet werden und auf antikes Material hin
untersucht werden. Auf diese Weise können die zahlreichen großformatigen
Architekturfragmente in diesen Lesesteinhaufen dokumentiert werden und zugleich
ein erster Überblick über das großformatige Keramikspektrum (vorwiegend
Dachziegel und Pithoi) gewonnen werden, ohne dass archäologische Fundsituationen
gestört werden. Auch ein Spoliensurvey innerhalb des modernen Dorfes dient
diesem Ziel.
Mit diesen Arbeiten war das Team,
das aus 12 Studierenden und Doktoranden der Klassischen Archäologie und der
Alten Geschichte von der Universität Münster sowie aus zwei Architektinnen von
der TU Karlsruhe bestand, während der Kampagne im August 2006 beschäftigt.
Aufgrund bedauerlicher Abstimmungsprobleme und Schwierigkeiten mit unserem
türkischen Kooperationspartner Prof. Dr. M. Sayar musste die Kampagne 2006
vorzeitig abgebrochen werden. In den Jahren 2007 und 2008 scheiterte eine
Fortführung der Feldforschungen in Bolayır an der fehlenden Genehmigung durch
die türkische Antikendirektion. Die Hoffnungen ruhen nun auf der Möglichkeit
einer Fortführung des Surveys 2009. In diesem Fall sind großflächig
geophysikalische Prospektionen vorgesehen, für die das Gelände vorzüglich
geeignet ist. Mit Dr. Harald Stümpel von der Universität Kiel konnte ein
ausgewiesener Experte für diese Aufgabe gewonnen werden.
Durch die in der königlichen Residenzstadt Lysimacheia
bereits durchgeführten und geplanten archäologischen und
naturwissenschaftlichen Untersuchungsmethoden wird es schon bald möglich sein,
weitreichende Aussagen zu dieser bedeutenden Sonderform der hellenistischen Polis zu machen. Da
bisher nur wenige, immer wieder diskutierte Beispiele archäologisch erforscht
sind, ist die Vertiefung der Kenntnis der Urbanistik hellenistischer
Residenzstädte ein wichtiges Desiderat. Das weitgehend unüberbaute Stadtgebiet
von Lysimacheia
eignet sich auch durch seinem festen chronologische Rahmen (309 und 144 v. Chr.)
dafür besonders gut. So können hier urbane Strukturen und bürgerliche
Identitäten einer neu gegründeten Polis vor dem Hintergrund königlicher Präsenz
zu untersucht werden. Für die Erweiterung unseres Wissens über die materielle und geistige Kultur
hellenistischer Städte stellt dies einen enormen Fortschritt dar.
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Projektbeschreibung
Stadtgeschichte
Mit der Gründung seiner nach ihm
benannten Residenzstadt im Jahre 309 v. Chr. an der Nahtstelle zwischen Europa
und Kleinasien offenbarte Lysimachos Ambitionen, die über seine damalige
Reichsgrenze hinausreichten. Denn erst mit dem Sieg bei Ipsos 301 v. Chr.
konnte er sein Herrschaftsgebiet über Thrakien hinaus bis nach Kleinasien
ausdehnen. Besonders Lysimacheia wird von dem Zuwachs an Reichtum aus diesen
Gebieten profitiert haben. Die Stadt wurde ex
novo an einer zuvor wahrscheinlich unbesiedelten Stelle auf der engsten
Stelle der thrakischen Chersones errichtet und zunächst durch Synoikismos der
Hafenstädte Kardia und Paktye bevölkert. Eine erste Zerstörung der Neugründung
resultiert aus dem schweren Erdbeben von
287 v. Chr. Nach dem Tod des Lysimachos fällt die Stadt 281 v. Chr. an Seleukos
I., der aber im darauf folgenden Jahr von Ptolemaios Keraunos in Lysimacheia
ermordet wird. Bereits 279 v. Chr. muss der Ptolemäer dem Ansturm der Gallier
weichen. Im Jahre 275 v. Chr. gewannen die Seleukiden wieder die Oberhand auf
der thrakischen Chersones, wurden jedoch 243 v. Chr. erneut von den Ptolemäern
abgelöst. Die Mitgliedschaft Lysimacheias im Aitolischen Bund währte nur von
207/5 v. Chr. bis zur Übernahme der Stadt durch den Makedonenkönig Philipp V.
202 v. Chr. Die Zerstörung im Zuge des Thrakereinfalls von 197 v. Chr. konnte
er jedoch nicht verhindern. Im Folgejahr überschritt Antiochos III. den
Hellespont und nahm Lysimacheia in Besitz, um es als Residenz für seinen Sohn
Seleukos wiederaufzubauen. Nach dem Rückzug aus Europa fiel die Stadt 190 v.
Chr. zunächst an die Römer, nach dem Frieden von Apameia 188 v. Chr.
schließlich an die Attaliden von Pergamon. 144 v. Chr. waren es erneut Thraker,
die unter der Führung von Diegylis Lysimacheia zerstörten – diesmal
endgültig.
Bisherige Forschungen
So wichtig die strategische
Bedeutung der Ortslage für die Errichtung von Lysimacheia an besagter Stelle
war, so sehr stand sie auch der bisherigen Erforschung dieses Geländes
entgegen. Bereits D. Hereward (Archaeology 11, 1958, 112) wies auf eine hohe
Funddichte im Bereich südlich von Bolayır hin. Bis in die 1980er Jahre
verhinderten militärische Interessen archäologische Untersuchungen auf der
thrakischen Chersones. Erst mit dem 1982 von M. Özdoğan durchgeführten
extensiven Survey erfolgte eine erste großflächige Geländeaufnahme, allerdings
beschränkt auf prähistorische Spuren. So beschäftigen sich die bisherigen
Abhandlungen zu Lysimacheia mit den literarischen und epigraphischen Quellen,
numismatischen Zeugnissen, Zufallsfunden und geomorphologischen Aspekten, ohne
die formulierten Thesen jedoch durch gezielte archäologische Feldforschungen
untermauern zu können. Daraus resultiert die abweichende Lokalisierung der
Stadt in Ortaköy, Kavak, Bakla Burnu (Kardia!) und Bolayır. Der von 1998-2006
jährlich von M. Sayar in Thrakien durchgeführte extensive Inschriftensurvey
erlaubt nun die genaue Lokalisierung der Stadt auf dem Isthmus der Halbinsel.
Topographie
Das antike Stadtgebiet erstreckt
sich an der engsten Stelle der Gallipoli-Halbinsel auf einem zum Teil
beträchtlich abfallenden Höhenrücken über mehrere Hügel, Senken und Plateaus.
Der moderne Ort Bolayır liegt zwischen der höchsten Erhebung einer Hügelkette
im Süden und eines Steilabfalls im Norden, der auch die nördliche Begrenzung
Lysimacheias markiert haben wird. Antike Besiedlung kann innerhalb der modernen
Ortschaft und insbesondere auf den süd-südöstlich anschließenden,
landwirtschaftlich genutzten Flächen beobachtet werden. Der höchste Punkt ist
ebenso unüberbaut, wie das südlich davon abfallende Gelände, das sich zu einem
ca. 2 x 2 km großen Plateau öffnet. Die Form wird durch einen tiefen Einschnitt
durch ein Flusstal im Ostabhang vorgegeben. Die ersten Geländebegehungen legen
nahe, dass die antike Stadt einen Großteil dieser Fläche einnahm, ohne dass
jedoch zu diesem Zeitpunkt bereits eine genaue Umgrenzung möglich wäre. Auch im
Westen wird die maximale Ausdehnung Lysimacheias durch einen tief
einschneidenden Flusslauf limitiert, so dass besonders die Klärung der
südlichen Grenze des Siedlungsbereichs in das Zentrum der Forschungen rücken
muss. Mit Blick auf die Dardanellen erfasst man mit Maltepe einen deutlich
erkennbaren prähistorischen Tell, der vermutlich den antiken Küstenverlauf
markiert, nun aber 600 m vom Meer entfernt ist. An dieser Stelle werden
intensivere Untersuchungen wahrscheinlich zur Lokalisierung der antiken
Hafenstadt Paktye führen. Starke Verlandung lässt sich ebenfalls an der Küste
zum Golf von Saroz beobachten, dies gilt besonders für die Ebene südlich von
Bakla Burnu, in der einst das Hafenbecken von Kardia gelegen haben wird. Die Lage
dieser Hafenstadt kann durch reiche oberflächliche Streufunde zweifelsfrei
abgelesen werden.
Die strategisch günstige Lage
Lysimacheias wird noch heute dadurch dokumentiert, dass bestimmte Areale im
Gelände durch die Anlage von Bunkern aus dem 2. Weltkrieg stark gestört sind.
In dem sehr hügeligen Gebiet westlich davon konnten im Satellitenbild mehrere
mittelalterliche Forts geortet werden, von denen mit Çimpe Kalesi sogar eines
bis in das 20. Jh. genutzt wurde.
Survey
Die Orientierung im Felde konnte zu
Beginn in Ermangelung
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Abb. 3: Satellitenbild (© WWU Münster)
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Abb. 4: Topographische Karte (© WWU Münster)
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von Kartenmaterial in geeignetem Maßstab nur durch
Satellitenbilder (IKONOS, Quickbird) in hoher Auflösung gewährleistet werden (Abb. 3), mittlerweile wurde in
Kooperation mit dem Fachbereich Geowissenschaften der Universität Münster
daraus eine topographische Karte erstellt (Abb.
4). Das zu untersuchende Gebiet wurde bereits im Vorfeld in Quadranten
aufgeteilt, deren Staffelung (Seitenlänge: 1000m, 100m, 20m und 5m) eine
differenzierte Herangehensweise ohne Änderung der Systematik erlaubt. Die
Etablierung der Suchquadranten im Kerngebiet erfolgte über
Tachymetereinmessung, die
Positionsabfrage in den lateralen Bereichen über GPS-Geräte. Dort wurde
zunächst das Gelände nur extensiv begangen, um Aufschluss über die Ausdehnung
der Stadt und ihrer Befestigung zu erhalten.
Da von der antiken Architektur
oberirdisch keine Strukturen im Bauverband sichtbar sind, kann das antike
Siedlungsgebiet nur anhand der Oberflächenfunde eingegrenzt werden. Dies wird
dadurch ermöglicht, dass durch landwirtschaftliche Aktivitäten ständig eine
Vielzahl meist gut erhaltener Artefakte aus unterschiedlichen Materialien an
die Oberfläche gepflügt werden, die eindeutig der hellenistischen Besiedlung
zuzuordnen sind. Die archäologischen Schichten scheinen sich relativ
oberflächennah zu befinden, da sich Fundkomplexe noch sehr gut oberirdisch
abzeichnen. Ziel des intensiven Surveys soll es sein, diese Zusammenhänge
topographisch, quantitativ und qualitativ auswertbar zu machen. Zu diesem Zweck
wird an ausgesuchten Stellen in engmaschigen Quadranten (5x5 m) sämtliches
antikes Material aufgesammelt und dokumentiert.
An den Feldrändern und nahe bei
Gehöften und Wegen liegen zahlreiche von Bauern angelegte Lesesteinhaufen, die
sowohl behauene Steine als auch Keramik beinhalten. Neben diesen leicht
zugänglichen Funden wurde in Bolayır eine große Anzahl antike Architekturteile
und Artefakte modern als Spolien verbaut, deren Dokumentation einen wichtiger
Teilbereich des Surveys darstellt.
Geophysik
Die Eignung des Geländes der
ehemaligen Stadt Lysimacheia für den Einsatz geophysikalischer
Untersuchungsmethoden ist offenbar. Die Stadt zählt durch ihren gesicherten
Baubeginn im Jahre 309 v. Chr. noch zu den frühen hellenistischen Neugründungen
und wurde in kurzer Zeit neu errichtet, ohne auf Vorgängerstrukturen Rücksicht
nehmen zu müssen. Da sie nach ihrer endgültigen Zerstörung 144 v. Chr. nicht
wiederaufgebaut wurde, ergibt sich durch die nur 165 Jahre währende Existenz
für alle materiellen Hinterlassenschaften ein enger chronologischer Rahmen, der
die Überlagerung vieler Bauphasen kaum erwarten lässt. Daher wird besonders die
geophysikalische Prospektion der agrarisch genutzten Flächen entscheidend zur
Klärung der Topographie und Struktur der hellenistischen Stadt selbst in ihrer
Gründungsphase beitragen können. Die in Lysimacheia direkt unter dem
Pflughorizont erhaltenen Befunde sind für diese Methodik besonders gut
geeignet. Im Falle einer Arbeitsgenehmigung für 2009 könnte etwa ein Sechstel
der antiken Siedlungsfläche durch den Einsatz der Geomagnetik unter der Leitung
von Dr. H. Stümpel untersucht werden. Dadurch werden erste Aussagen zur
Stadtmauer, zum Straßennetz, zur Parzellierung und zu Funktionsbereichen
möglich.
Ergebnisse 2006
Bereits während der verkürzten
Kampagne 2006 konnten die Feldforschungen in Lysimacheia erste wichtige
Erkenntnisse zur Größe und zum Erscheinungsbild der antiken Stadt liefern:
Die Gesamtfläche wird nach
bisherigen Schätzungen 300-350 Hektar eingenommen haben. Basis hierfür sind die
während der extensiven Geländebegehungen gemachten Beobachtungen. Die
Lokalisierung der literarisch belegten Stadtmauer gelang bisher nicht, da sich
oberirdisch keine Spuren erhalten haben.
Auf der Akropolis im Nordbereich
von Lysimacheia wird, anhand der Funde zu urteilen, ein weithin sichtbarer
dorischer Tempel zu rekonstruieren sein. Es wurde dort unter anderem ein
Geisonblock gefunden, dessen Dimensionen auf eine dorische Sakralarchitektur
hindeuten, die selbst den Athenatempel in Ilion an Größe übertrifft.
Generell präsentiert sich
Lysimacheia offenbar als eine durchweg in dorischer Ordnung errichtete Stadt,
da den bisher 10 gefundenen Kapitellen keine ionischen gegenübergestellt werden
können. Da die Forschungen noch am Anfang stehen, kann zu diesem Zeitpunkt nur
über eine programmatische Intention im Sinne der Vermittlung von
Altehrwürdigkeit spekuliert werden.
Die Menge und Qualität der Funde,
die zunächst noch ohne konkreten Kontext betrachtet werden müssen, übertraf die
Erwartungen. Sie zeugen von sakralem, öffentlichem und privatem Leben in der
hellenistischen Polis und dem Ausstattungsluxus, der einer königlichen
Residenzstadt gebührt.
Wenn wir die Einzelfunde
betrachten, so ist zu betonen, dass aus dem Stadtgebiet bislang keine sicher
vor- oder nachhellenistischen Stücke geborgen werden konnten. Der
archäologische Befund bestätigt also bisher die in den antiken Quellen genannte
Existenz Lysimacheias von 309-144 v.
Chr. – ein methodischer Glücksfall.
Ziele
Es ist offensichtlich, dass durch unseren
Stadtsurvey die Chance besteht, vielfältige Informationen über die materielle
Kultur einer neugegründeten Königsstadt zu erlangen. Mit den Methoden eines
Oberflächensurveys wird es aber selbstverständlich nur eingeschränkt möglich
sein, die einzelnen Funde und Befunde kontextuell auszuwerten, so dass
mittelfristig auch Ausgrabungen an ausgewählten Stellen des antiken
Stadtgebietes anschließen müssen. Gleichwohl bleibt die Interpretation der
materiellen Kultur nicht in antiquarischen Detailfragen stecken. So stellt sich
z.B. bei der Verwendung der dorischen Ordnung die Frage, ob es sich um
programmatische Rückgriffe auf ältere Epochen oder um ein Festhalten an
traditionellem Formgut handelt. Hier bieten sich gute Ansatzpunkte aus dem
oberirdisch Vorhandenen Fragen städtischer und königlicher Identität
anzusprechen, so zum Beispiel, ob sich bei einigen Architekturen eine Tendenz
zur Monumentalisierung nachweisen lässt.
Mit der Auswertung aller
verfügbaren geowissenschaftlichen Informationen und der Erstellung einer Karte
wurde bereits Grundlagenarbeit zur Topographie des Geländes geleistet,
weiterhin bleibt aber die archäologische Erforschung der antiken Stadt und
ihrer Chora ein zentrales Ziel. Wirklich präzise und eindeutige Aussagen zu
städtischen und königlichen Identitäten, zur Kommunikation zwischen Stadt und
König und zu baulichen Entwicklungen wird man aber erst durch eine Ausgrabung
oder zumindest Sondagen erlangen können. Bis dahin gilt es, alle zusätzlich zur
Surveyarchäologie zur Verfügung stehenden Quellen auszuwerten, womit wir nicht
nur die literarischen und epigraphischen Zeugnisse meinen, sondern insbesondere
auch die städtische und die königliche Bronzeprägung des Lysimachos, deren
komparatistische Untersuchung neue Ergebnisse zur Kommunikation zwischen König
und Polis liefert.
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Laufende Abeiten
In der Sommerkampagne 2006 konnten
durch verschiedene Surveymethoden (s. Projektbeschreibung) erste Erkenntnisse
zur Ausdehnung des Stadtgebietes sowie zur Funktion und Ausstattung einzelner innerstädtischer
Areale gewonnen werden. Die intensivierte Kenntnis des Geländes und seiner
Besonderheiten erlaubt nun die weitere Optimierung der Feldforschungsstrategien
für die geplante Kampagne 2009. Neben der Fortführung des extensiven
Umlandsurveys und des intensiven Stadtsurveys sollen dann auch ausgesuchte
Flächen geophysikalisch untersucht werden, um in Ermangelung oberirdischer
Baureste Aussagen zur Infrastruktur Lysimacheias machen zu können. Die
Oberflächenfunde können danach auch im Kontext erster Befunde ausgewertet
werden.
Nachdem die Eingabe der Funde von
2006, die sämtlich in das Museum Çanakkale
verbracht wurden, in unsere Datenbank ‚Adiuvabit’ abgeschlossen ist, kann sich
das Team nun der Auswertung des Fundmaterials zuwenden. Dafür stehen die am Ort
gemachten Photographien und Zeichnungen zur Verfügung, die eine vergleichende
Analyse erlauben. Der Schwerpunkt liegt dabei auf den Marmorfunden, die bereits
ein komplexes Bild der repräsentativen Architektur und der luxuriösen
Ausstattung vermitteln. Aber auch Handelsbeziehungen, die sich anhand der
Amphorenstempel ablesen lassen, sind von Interesse. Für die Auswertung der in
großer Menge aufgelesenen Fundkeramik wurde mit Dr. J. Gebauer ein erfahrener
Spezialist auf diesem Gebiet in unser Team beauftragt.
Unabhängig von den Feldforschungen
werden im Institut für Klassische Archäologie und Frühchristliche
Archäologie/Archäologisches Museum der Universität Münster bereits seit 2005
sämtliche Quellen und Sekundärliteratur zu Lysimacheia und ihrem Gründer
zusammengestellt. Ein besonderes Interesse gilt dabei den numismatischen
Zeugnissen.
Von besonderer Bedeutung für die
Feldforschungen und die Darstellung der Ergebnisse ist die
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Abb. 5: Höhenmodell (© WWU Münster)
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Verknüpfung aller
Satellitenbilder, Höhenmodelle (Abb. 5) und Funde in einem Geoinformationssystem (GIS) durch Dr. H. Zumsprekel. Auf
diesem Wege konnte eine dringend benötigte topographische Karte im Maßstab
1:5000 angefertigt werden, die nun unter anderem zur Planung weiterer Kampagnen
und zur Veranschaulichung der Fundlage über die Kopplung mit der Funddatenbank
dienen kann. Zudem werden gerade am dreidimensionalen Geländemodell
Sichtbarkeitsanalysen zur besseren Beurteilung repräsentativ oder strategisch
bedeutsamer Areale des Forschungsgebietes durchgeführt.
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Publikationen
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A. Lichtenberger – H.-H. Nieswandt – D. Salzmann,
Ein Porträt des Lysimachos? Anmerkungen zu einem anonymen Herrscherbild auf den
Münzen von Lysimacheia, in: E. Winter (Hrsg.), Vom Euphrat bis zum Bosporus.
Festschrift Elmar Schwertheim, AMS 65 (Bonn 2008) 391-407.
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Projektteam
Prof. Dr. Dieter
Salzmann
Westfälische Wilhelms-Universität
Institut für Klassische Archäologie und Frühchristliche
Archäologie
Domplatz 20-22
D-48143 Münster
Tel.: 0251-8324581
Fax: 0251-8325422
E-Mail: salzman
©
uni-muenster.de
PD Dr. Achim
Lichtenberger
Westfälische Wilhelms-Universität
Institut für Klassische Archäologie und Frühchristliche
Archäologie
Domplatz 20-22
D-48143 Münster
Tel.: 0251-8324586
Fax: 0251-8325422
E-Mail: lichtenb
©
uni-muenster.de
Dr. H.-Helge
Nieswandt
Westfälische Wilhelms-Universität
Institut für Klassische Archäologie und Frühchristliche
Archäologie
Domplatz 20-22
D-48143 Münster
Tel.: 0251-8325412
Fax: 0251-8325422
E-Mail: hnieswan
©
uni-muenster.de
Team 2006
Christian Golüke M.A.
Mehmet Kaşka M.A.
Neşe Kul-Berndt M.A.
Kai-Michael Meyer M.A.
Dipl.-Ing. Asita Farnusch
Dipl.-Ing. Simone Planinšek
David Biedermann
Nadine Marcinczik
Philipp Quack
Stefan Riedel
Torben Schreiber
Markus Strathaus
Marcel Wegener
Verena Wickner
Keramikbearbeitung:
Dr. Jörg Gebauer
Geologie/GIS:
Dr. Heiko Zumsprekel
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Letzte Änderung:
15.07.2010
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