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Konzepte öffentlichen und privaten Raums in der hellenistischen Polis
Netzwerktreffen 19./20. Februar 2010 in München: Zusammenfassungen der Präsentationen:
Marianne Mathys/Ralf
von den Hoff,
Das Gymnasion von Pergamon 2006 – 2009: Die
visuelle und funktionale Gestaltung eines urbanen Raumes in hellenistischer
Zeit
Der Beitrag gibt einen Überblick
über die Ergebnisse der im Rahmen des SPP durchgeführten Forschungen zum
Gymnasion von Pergamon auf der Grundlage der Auswertung der Funde und Befunde,
der abgeschlossenen Dissertation von M. Mathys zum Euergetismus in Pergamon und
der noch laufenden Dissertation von Verena Stappmanns zur Baugeschichte und
Architektur des Pergamener Gymnasions.
Programmatisch wurde der Baukomplex
als herrscherliche Stiftung und zugleich größtes Bauwerk ins Zentrum der
eumenischen Stadterweiterung gesetzt und markiert damit topographisch und
ideell die Präsenz der Herrscher im Kern der Polis. Das grundlegende Baukonzept
ist das einer symmetrisch geplanten, den natürlichen Berghang gänzlich
überprägenden und auf Fernwirkung
bedachten Terassenanlage, deren Ausführung beständige Plananpassungen
und aufwändigste Baumaßnahmen erforderte. Eine stadionlange Laufbahn wurde auf
der oberen Terrasse in innovativer Weise mit der für Gymnasia typischen
Palaestra baulich verzahnt. Zugleich wurde ein Heiligtum mit Tempel auf der
mittleren Terrasse in den Baukomplex integriert und das Bauwerk im Westen und (nachträglich)
im Norden von Tempelfassaden gerahmt. Der zentral gelegene, größte Raum der
oberen Terrasse war mit Herrscherstatuen ausgestattet und markierte die Fokussierung
des Baukonzepts auf die Könige, doch ist die sonstige Ausstattung der Räume im
2. Jh. v. Chr. noch relativ bescheiden. Seit dem späteren 2. Jh. v. Chr.
übernahmen die Bürger Pergamons die Rolle der nun kompetitiv auftretenden
Stifter gerade im Gymnasion. Im Laufe des 1. Jhs. v. Chr. traten dabei besonders
wenige einzelne Euergeten auch durch vielfache visuelle Präsenz deutlich
hervor, doch blieb die Präsenz der Herrscher im inneren Erscheinungsbild des
Gymnasions als pergamenische Erinnerungsfigur langfristig erhalten.
Marietta Horster,
Forschungsüberblick Idia kai demosia,
idion kai koinon
Der Begriff der
Öffentlichkeit wird in modernen Fachdiskursen von Historikern und Philosophen
meist mit dem der politischen Öffentlichkeit gleichgesetzt. In der deutschen
Sprache verweist das Wort öffentlich und Öffentlichkeit nicht nur auf den Raum
in dem etwas geschieht (public space), sondern auch auf Gemeinschaftliches, auf
Volk und Staat, auf das Offensichtliche und Offenkundige und damit auf Allgemeinheit und Bekanntheit (vgl. P.
von Moos 1998). Es ist die Polysemie der Begriffe des öffentlichen aber auch
des privaten in modernen Sprache, die es erschweren, griechische Begriffe damit
zu korrelieren. Wörter, wie im
griechischen idios, idion, idia
(privat, Privatbesitz, koinon
(gemeinschaftliches) und demosios,
demosion, demoteles (öffentliches
Eigentum, bezahlt von der oder für die Gemeinschaft) scheinen in ihrem
zentralen Bedeutungsgehalt über die Jahrhunderte gleich zu bleiben, auch wenn
sich die damit verbundenen Anwendungsbereiche ausweiten oder auch eingrenzen
können. Die Anwendung der modernen Begriffe öffentlich und privat,
gemeinschaftlich und individuell entspricht vor allem in der Praxis von
Finanzierung, der Praxis von Kulten und in juristischen (besonders
eigentumsrechtlichen) Kontexten den griechischen Begriffskontexten am ehesten.
Sie erscheint dagegen weniger geeignet für die Beschreibung sozialer Praxis und
sozialer Räume zu sein.
Der präsentierte Forschungsüberblick
basiert im Wesentlichen auf den folgenden Arbeiten:
Baslez, M.F., Les
associations dans la cité grecque et l’apprentisage du collectif, Ktema 23,
1998, 431-439 ; Casevitz, M., Note sur le vocabulaire du privé et du
public, Ktema 23, 1998, 38-45 ; Dasen, V.; M. Piérart (Hgg.), Idia kai demosia : Les cadres « privés » et
« publics » de la religion grecque antique, Liège 2005 (Kernos Suppl.
15) ; de Polignac, F., P. Schmitt-Pantel, Public et privé en Grèce ancienne:
lieux, conduites, pratique. Introduction, Ktema 23, 1998, 5-13; Finley, M. I.,
Studies in Land and Credit in Ancient Athens 500-200 B.C.: The Horos
Inscriptions, 1952, ND New Brunswick 1973; Fouchard, A., Dèmosios et dèmos: sur
l‘état grec., Ktema 23, 1998, 59-69 ; Horster, M., Landbesitz griechischer
Heiligtümer in archaischer und klassischer Zeit, Berlin 2004 ; Kavoulaki,
A., Crossing Communal Space: The Classical Ekphora,
‚Public‘ and ‚Private‘, in: Dasen/Piérart 2005, 129-145 ; Ktema 23,
1998 : Public et privé en Grèce ancienne: lieux, conduites, pratiques ;
Lewis, D.M., Public Property in the City, in: O. Murray, S. Price (Hgg.), The
Greek City from Homer to Alexander, Oxford 1990, 245-263 ; Nielsen, I.
(Hg.), Zwischen Kult und Gesellschaft: Kosmopolitischen Zentren des antiken
Mittelmeerraumes als Aktionsraum von Kultvereinen und Religionsgemeinschaften,
Augsburg 2007 (="""" Hephaistos 24, 2006). Pirenne-Delforge, V., La cité, les
dèmotelè hiera et les prêtres, in: Dasen/Piérart, 2005, 55-68. Ustinova, Y., Lege et consuetudine : Voluntary cult associations in the
Greek Law, in: Dasen/Piérart, 2005, 177-190.
Wulf Raeck,
Privates und Öffentliches im archäologischen Befund
hellenistischer Städte
Der Beitrag gilt der Frage, wieweit sich private und
öffentliche Bereiche im materiellen Befund hellenistischer Städte fassen und
unterscheiden lassen, und ob nachweisbare Veränderungen im Verhältnis beider
zueinander mit Veränderungen von politischen oder sozialen Rahmenbedingungen in
Zusammenhang gebracht werden können. Der Wortgebrauch von „öffentlich“ bzw.
„privat“ sieht hier von Definitionsdiskussionen ab und meint entsprechend der
gängigen terminologischen Praxis einerseits den öffentlichen Raum im
pragmatischen Sinne (Straßen, Plätze, Heiligtümer, Versammlungsbauten usw.),
andererseits vor allem Wohnhäuser. Die vorgetragenen Überlegungen stützen sich nicht auf nennenswerte Materialrecherchen,
sondern sollen aus einzelnen Fallbeispielen heraus Fragen und Anregungen
entwickeln. Die Beispiele sind überwiegend dem im Rahmen des Netzwerks
bearbeiteten Forschungsgegenstand Priene entnommen.
Grenzverschiebungen zwischen beiden Bereichen scheinen mit
Händen zu greifen, wenn bauliche Strukturen beeinträchtigt, verdrängt oder
überbaut werden. Wenig überraschend sind Fälle, in denen öffentliche Gebäude
Wohnbauten beschneiden oder verdrängen, erklärungsbedürftiger scheint der
umgekehrte Fall. Soweit Überbauung von Straßen und Gassen durch Wohnhäuser in
späthellenistischer Zeit festzustellen ist, stellt sich die Frage nach dem
Zusammenhang mit der dominierenden Rolle einzelner Bürger zu dieser Zeit. Neue
Untersuchungsergebnisse von F. Rumscheid haben für Priene jedoch bereits ältere
Beispiele aufgezeigt, so daß man entweder von dieser Erklärung absehen oder sie
auf einen längeren Zeitraum beziehen müßte. M. Trümper weist auf zahlreiche Beispiele von Überbauung
öffentlichen Raumes durch Privatbauten auf Delos hin. Aufschlußreich wäre in
jedem Fall ein Vergleich mit Befunden klassischer Zeit.
Die mehrfache Erwähnung der Bewirtung der gesamten
Einwohnerschaft von Priene oder großer Teile derselben durch Amtsträger an
Feiertagen bzw. bei Amtsantritt im späten Hellenismus wirft die Frage auf, ob
hier eine möglicherweise zeittypische Verlagerung von früher im öffentlichen
Raum angesiedelter Praxis in den privaten Bereich vorliegt. Als
architektonischer Rahmen muß zweifellos das Peristylhaus angenommen werden, das
allerdings gerade in Priene nur sehr schwach vertreten ist (es ist aber noch
immer weniger als die Hälfte der im Hellenismus bebauten Stadtfläche bekannt).
Zumindest literarisch läßt sich die Vorstellung der Bewirtung einer ganzen
Stadt im Privathaus bis ins 4. Jh. zurückverfolgen (Aristot. eth. Nic.), für
frühere Zeit scheint dergleichen angesichts der bekannten Wohnarchitektur
auszuschließen.
Ein weiteres Beispiel für das Hereinholen oder Imitieren von
Teilen des öffentlichen Raumes in die Privatsphäre könnte das Phänomen der
Aufstellung von Porträtstatuen in Wohnhäusern sein, was öffentlich aufgestellte
Ehrenstatuen zu simulieren scheint. Auf Delos lassen sich, wie wiederum M.
Trümper anmerkt, dem bekannten Beispiel von Kleopatra und Dioskurides noch
weitere zur Seite stellen, in Priene könnte der Fund des Fragmentes einer
männlichen Gewandstatue im Haus 33 in die gleiche Richtung weisen.
Die skizzierten Überlegungen führen auf Fragen der
Architektursemantik. Ausgehend von der Säule in der römischen Luxuskritik der
späten Republik und frühen Kaiserzeit stellt sich die Frage nach der sich
möglicherweise verändernden Konnotation von Säulenarchitektur seit der
spätarchaischen Zeit. Vor dem Aufkommen und der Verbreitung privater
Peristylhäuser muß Architektur mit Säulenstellungen in der zeitgenössischen
Erfahrung mit öffentlichen Bauten (Tempel, Säulenhallen) verbunden gewesen
sein, oder aber mit den Wohnpalästen von Fürsten und Tyrannen, also einer
zumindest aus Sicht der hochklassischen Polis problematischen Vermischung
privater und öffentlicher Sphäre. Mit der Verbreitung des Peristylhauses kann
diese Konnotation keinen Bestand mehr gehabt haben. Die größten und vielleicht
auch vorbildhaft wirkenden Peristyle fand man in den Palästen der
hellenistischen Könige, die ja auch nicht zuletzt den Empfängen größerer
Besucherzahlen dienten, wie sie auch für die Spitzen der hellenistischen
Polisbürgerschaft überliefert sind (s. o.). In Hinsicht auf die Außenwirkung
unterscheiden sich aber die hellenistischen Wohnhäuser nach wie vor radikal von
öffentlichen Bauten und Herrscherpalästen. Während hier zunehmend prächtige
Säulenfronten die Fassaden dominieren, bleiben die Außenwände der Wohnhäuser
schlichte Flächen, in denen allenfalls die Türen zurückhaltend gerahmt werden,
aber ohne Hervorhebung durch Säulen, Giebel oder dergl.
Ein abschließender genereller Vergleich der Gewichtung von
öffentlicher und privater Architektur im hellenistischen Stadtbild scheint vor
dem Hintergrund der weitverbreiteten Auffassung vom Rückzug ins Private als
bestimmendem Merkmal der hellenistischen Gesellschaft besonders interessant.
Während, wie oben skizziert, das Privathaus von außen nicht oder nur wenig mehr
in Erscheinung tritt als früher, wird im öffentlichen Raum eine ganze Reihe von
Architekturformen und Gebäudetypen, wenn nicht erfunden, so doch entwickelt,
monumentalisiert und zu flächendeckender Verbreitung gebracht, so die Agora als
geschlossener Platz, das Bouleuterion, das Theater und vor allem das Gymnasion.
Das Repertoire der öffentlichen
Architektur wird also erweitert und diversifiziert; die öffentlichen Bauten prägen das Erscheinungsbild der
Stadt in stärkerem Maß und großflächiger als zuvor.
Hierfür bieten sich verschiedene z. T. gegensätzliche
Erklärungen an. Man könnte den öffentlichen Bauaufwand als Kompensation für den
Verlust an Bedeutung von Öffentlichkeit auffassen, aber auch als Ausdruck
gewachsener Wertschätzung für die Institutionen der Polis. Zumindest in Bezug
auf das Gymnasion dürfte die 2. Lösung zutreffen, wird doch Erziehung im
Hellenismus zunehmend als wichtige Aufgabe der Polisgemeinschaft erkannt. Ob
ähnliches für die mit anderen Gebäudetypen verbundenen Funktionen gilt, mag zu
einem späteren Zeitpunkt umfassend diskutiert werden.
Ulrich Mania, Das
Gymnasion als Bestandteil öffentlicher Raumplanung
Monika Trümper, Privates und Öffentliches in hellenistischen
Bädern Dieser Beitrag analysiert das Problem privat – öffentlich, das bislang noch
nicht umfassend für griechische Bäder diskutiert wurde, aus verschiedenen
Blickwinkeln.
In einem ersten Schritt wird kritisch erörtert, ob und wie man die Begriffe
öffentlich und privat für griechische Bäder anwenden kann, basierend auf einer
differenzierenden Diskussion folgender Aspekte: Eigentümer, Betreiber,
Zugänglichkeit bzw. Nutzer und Funktion von Badevorrichtungen. Ein Überblick
über die verschiedenen Kontexte von Badevorrichtungen ergibt kein homogenes
Bild mit klaren Kategorien bzw. eindeutig identifizierbaren privaten versus
öffentlichen Anlagen. Am sinnvollsten scheint es, die Kategorien privat –
öffentlich anhand der Zugänglichkeit bzw. intendierten Nutzerschaft zu
bestimmen und nicht anhand der Eigentümer oder Betreiber. Ordnet man die
Badeanlagen in verschiedenen Kontexten nach dem Grad der Zugänglichkeit bzw.
intendierten Öffentlichkeit, könnte man folgende Skala rekonstruieren:
Wohnbauten („private“ Eigentümer) mit abgelegenen einfachen Badezimmern;
Wohnbauten („private“ Eigentümer) mit gut zugänglichen, ausgedehnten
Badesuiten; Badeanlagen in Vereinsbauten (quasi „private“ Eigentümer);
Badevorrichtungen in Sportanlagen der Poleis (Polisbesitz); unabhängige, für
kollektive Nutzung intendierte Badeanlagen (überwiegend „private“ Eigentümer).
In einem zweiten Teil wird analysiert, ob sich eine deutliche Korrelation
zwischen bestimmten Kontexten und bestimmten Badeprogrammen nachweisen läßt,
d.h. es geht um die Frage, ob sich etwa in „privaten“ Kontexten andere
Badeformen als in „öffentlichen“ finden und wie mögliche Differenzen zu
erklären sind. Ein Überblick über alle in hellenistischer Zeit verfügbaren
Badeformen und ihre Kontexte läßt nur wenige Restriktionen erkennen, die vor
allem in spezifischen sozial-gesellschaftlichen Praktiken begründet gewesen
sein dürften. Dies ist besonders in der Ausprägung und Entwicklung der
Athletenbäder reflektiert, die bis in die späthellenistische Zeit nur
Kaltwasserbecken sowie kollektive Kaltwassertauchbecken und keine der sonst
üblichen Warmbadeformen aufwiesen: Kaltbäder galten als asketisch-abhärtend und
damit einzig geeignet für Athleten, die durch Warmbäder physisch wie moralisch
verdorben und verweichlicht worden wären. In allen anderen Kontexten ist
dagegen, unabhängig von Zugänglichkeit und Eigentümerschaft, eine erstaunliche
Durchlässigkeit bzw. parallele Entwicklung zu konstatieren. Überall finden sich
gleichermaßen reinigende individuelle Warmbadeformen wie die im Hellenismus
eingeführten entspannenden, kollektiven Warmbadeformen, wobei Innovationen wohl
zuerst erst in unabhängigen Bädern eingeführt (in über 60% aller Anlagen) und
dann in einigen wenigen Wohn- und Vereinsbauten imitiert wurden (oft in
bescheidenerer Ausführung: z.B. vorwiegend, aber nicht ausschließlich als individuelle
Badeformen; ohne Hypokaust).
Als letztes wird das Verhältnis „privater“ und „öffentlicher“ Badeanlagen
in Städten untersucht, vor allem im Hinblick auf die Frage, ob „öffentliche“
Anlagen als Substitut für fehlende „private“ Pendants dienten oder
möglicherweise aus anderen Gründen errichtet und aufgesucht wurden, etwa wegen
sozial-geselliger Aspekte oder signifikant differierender Badestandards und
–programme. Da diese Frage aufgrund mangelnder aussagekräftiger Befunde derzeit
nicht systematisch zu untersuchen ist, werden nur einige Fallstudien diskutiert
(Athen, Kerkouane, Priene, Krokodilopolis, Delos). Diese lassen im Hinblick auf
die Verfügbarkeit von Badeanlagen in Städten kein homogenes Bild, sondern im
Gegenteil markante Differenzen rekonstruieren, die von lokalen Konditionen,
Ressourcen und wohl vor allem sozial-gesellschaftlichen Praktiken und
Einstellungen bestimmt wurden. Deutlich wird allerdings, daß unabhängige Bäder,
die potentiell am öffentlichsten zugänglich waren, in der klassischen und
hellenistischen Zeit keine zentrale Bauaufgabe der Poleis bildeten. Inwieweit
und wo diese unabhängigen Bäder einen Ersatz für fehlende häusliche Pendants
bildeten, ist zwar derzeit nicht sicher zu bestimmen. Aber sie ermöglichten in
der klassischen Zeit exklusiv und in der hellenistischen Zeit vermutlich auch
noch weitgehend etwas, das den meisten häuslichen Badeanlagen fehlte: Baden als
sozial-geselliges Phänomen, das wesentlich durch die Bereitstellung luxuriöser
entspannender Badeformen gesteigert und bereicherte wurde. Wie wichtig diese
Komponente des Badens war oder wurde, verdeutlicht gerade die insgesamt sehr
seltene, aber dennoch nachweisbare Etablierung kollektiver Badeanlagen in
Vereinsbauten und ausgedehnter luxuriöser Badesuiten für den Gastempfang in Wohnhäusern.
Dirk Steuernagel,
Private Weihungen in griechischen
Tempeln
In inhaltlicher Anknüpfung an den Vortrag beim
vorangegangenen Plenarkolloquium stellte sich die Frage, inwiefern Tempelräume
durch Aufstellung von Weihgeschenken zu Schauplätzen individuellen sozialen und
religiösen Handelns wurden. Dazu wurden das archäologische Fundmaterial, mehr
noch aber inschriftlich überlieferte Inventare von Tempeln (z. B. aus Athen,
Delos, Didyma) befragt.
Präzise ging es darum, ob individuelle Weihgaben einfach als
Erfüllungen allgemein verbindlicher Normen (z. B. in Verbindung mit der
Übernahme eines Priesteramtes) zu deuten sind oder ob sie persönliche
Strategien für die Kommunikation mit den Göttern und für gesellschaftliche
Repräsentation spiegeln. Eindeutige Entscheidungen, ob ein Votiv dem einen oder
anderen Bereich zuzuschlagen wären, waren oftmals nicht möglich, da
grundsätzlich ein Spannungsverhältnis zwischen persönlichem, individuellem
Anliegen der Weihung einerseits und seiner standardisierten Form andererseits besteht.
Nur selten war ein persönlicher Gestus fassbar, mit dem eine Gabe gebracht
wurde, so wenn eine Priesterin der Artemis in Didyma bekundete, sie habe dem
Bild der Göttin selbst ein Ornament in Blütenform angehängt (Rehm, IvDidyma Nr.
432, Z. 18-19; 271/70 v. Chr.).
In Bezug auf Bildnisweihungen, mit Darstellung der Person
des oder der Weihenden, ließ sich immerhin zeigen, dass ihre Zahl im
Hellenismus stark zunimmt. Insbesondere ist an die vielen pinakes eikonikoi zu denken, die in den Tempelinventaren von
Athen und Delos Erwähnung finden. Dass diese seit dem 3. Jh. v. Chr. meist aus
Edelmetall (gewöhnlich Silberblech) hergestellt wurden, mag dadurch motiviert
sein, dass kostbares Material eine Aufbewahrung im Tempel – und damit in der
Nähe des Kultbildes – wahrscheinlich machte. Eine Bestimmung aus dem
Asklepieion von Athen, die darauf abzielte, das Kultbild vor einer
Überschwemmung durch Pinakes zu schützen, bezeugt indirekt eine solche
Motivation (IG II2 995). Eine testamentarische Bestimmung über die
Einbeziehung von Portraitstatuen einer Stifterfamilie in periodisch
wiederkehrende Kulthandlungen am Altar und im Tempel des Poseidon von Kalaureia
weist in dieselbe Richtung (B. Laum, Stiftungen in der griechischen und
römischen Antike, 2, Leipzig – Berlin 1914, Nr. 57-58). Das Tempelinnere war
offenbar ein Ort, an dem religiöses ‚Nähebedürfnis‘ (im Verhältnis zur
Gottheit) und die Bedürfnisse sozialer Repräsentation gleichermaßen zum Tragen
kamen.
Frank Rumscheid: Wohnen im hellenistischen Priene: Zwischen öffentlichen Vorgaben, gesellschaftlichen Konventionen und privaten Ambitionen
Wie das städtische Zentrum einer Polis gestaltet wurde, hing hauptsächlich von drei Faktoren ab: 1. von den gesetzlichen Vorgaben des Demos, 2. von gesellschaftlichen Konventionen und 3. von privaten Ambitionen, die zur individuellen Nutzung verbliebener Möglichkeiten führten. In Priene lassen sich dem archäologischen Befund Auswirkungen aller drei Faktoren ablesen. Als das städtische Zentrum in der Mitte des 4. Jhs. v. Chr. auf vorher unberührtem Gelände neu angelegt wurde, waren im Plan Grundstücke für Bauten und Plätze des Demos, für einige Heiligtümer und für Wohn- und gegebenenfalls Gewerbebauten der Bürger ausgewiesen. Größe und Lage des Grundeigentums waren bei der ursprünglichen Stadtplanung, während der Erstbebauung und bei den vielfältigen, sich später ergebenden Änderungen bis zum Erdbeben gegen 140/30 v. Chr. bestimmt durch die drei genannten Faktoren. Vor allem im mittleren Bereich der Stadt besetzten Bauprojekte des Demos und der Heiligtümer immer wieder Grundstücke, die für Wohnhäuser vorgesehen gewesen waren und auf denen solche vorher auch teilweise nachgewiesen sind (z. B. anstelle der Agora-Hallen, des Buleuterions und des Prytaneions, aber auch des Athena-Heiligtums und des ‘Heiligen Hauses’). Selbst Straßen und Gassen wurden teilweise okkupiert (z. B. Theater, Buleuterion, ‘Heiliges Haus’). Der einzelne Bürger dagegen mußte sein Bauvorhaben zunächst auf den gut 200 m² des Insula-Achtels verwirklichen, das er als Grundeigentum erhalten hatte. Dabei ist der genauen Position der Hausmauern abzulesen, daß es für gemeinsame Mauern, Peristaseis und den Hauszugang detaillierte Gesetze gab. Durch Kauf und Verkauf sowie Erbfälle kam es mit der Zeit zu differenzierten Grundstücksgrößen von etwa 80 bis 500 m², doch scheint es – anders als bei den Bauten des Demos und der Heiligtümer – nur in gut begründeten Ausnahmefällen möglich gewesen zu sein, ein Grundstück über die Insula-Grenzen hinaus auszudehnen. Schon bei den Häusern, die als erste auf den gleichgroßen Ursprungsparzellen errichtet wurden, sind im Grundriß erhebliche Unterschiede festzustellen, so daß entgegen älteren Überlegungen der Demos die Hausform nicht vorgeschrieben hat. Es scheint jedoch den unverbindlichen und an die Form der prienischen Ursprungsparzellen spezifisch angepaßten Entwurf eines Prostashauses gegeben zu haben, der mehrfach umgesetzt worden und an seiner nördlichen Vierrraumgruppe aus Prostas, Andron, Oikos und Oikos-Nebenraum erkennbar ist. Aufgrund gesellschaftlicher Konvention behielt man das Element der allerdings nun deutlich größer dimensionierten Vierraumgruppe auch später bei den größten Häusern noch bei, obwohl ein repräsentativeres und angenehmeres Peristyl leicht darin Platz gefunden hätte. Bei der festen Hausausstattung scheinen sich die Priener ebenfalls einig darin gewesen zu sein, einerseits selbst in den kleinsten Häusern repräsentative Räume mit qualitätvollem, farbigem Wandstuck auszustatten und andererseits auch in den größten Häusern auf Mosaikböden sowie (fast immer) Bad oder Latrine zu verzichten. Ansonsten hatte der einzelne Bürger jedoch große Freiheiten, sein Häuser seinem Vermögen und seinen Ambitionen entsprechend zu gestalten: Indem er die Grundfläche vergrößerte, konnte er auch zusätzliche Klinenplätze schaffen, also größere Symposien veranstalten. Die reichsten Bürger ließen, um ihre Häuser aufzuwerten, bestimmte Teile in Werksteintechnik errichten, die an öffentliche Bauten erinnerte, und übernahmen aus der Palastarchitektur Raumgruppen mit zwei zusätzlichen Andrones an einem gemeinsamen Vorraum. Weitere Felder, auf denen die Bürger konkurrieren konnten, waren die bewegliche Hausausstattung vom Trinkgefäß bis zum Kunstwerk, Anzahl und Art des Haus-‘Personals’ sowie Qualität und Menge der Speisen und Weine bei Einladungen. All dies kam nicht nur zur Wirkung, wenn Freunde, Verwandte oder auswärtige Gastfreunde im Hause weilten, sondern auch und vor allem dann, wenn führende Bürger etwa anläßlich einer Amtseinführung ihr Haus zeitweise zu öffentlichem Raum machten, indem sie größere Gruppen von Bürgern oder sogar alle Stadtbewohner zu einem Süßwein-Empfang oder Frühstück dorthin einluden.
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Letzte Änderung:
21.06.2010
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