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"Topographie und Siedlungsbild der hellenistischen Polis"

Stadtprospekte in Triphylien
(Corinna Rohn und Joachim Heiden)
Die Städte Samikon und Platiana in Triphylien liegen auf exponierten Höhenlagen im Lapithosgebirge. Von den Tälern oder vom Meer sind die starken Befestigungsmauern mit ihren Türmen besonders auffällig, auch sind einzelne Stadtbereiche von weitem sichtbar, die sich durch ihre markante Lage wie Stadtprospekte in der Landschaft abzeichnen. Das Bild, das der Besucher von den Städten bekommt, ist von allen Richtungen unterschiedlich. Die Stadt Samikon am westlichen Ende des Lapithosgebirges besitzt nach Westen zum Meer hin eine massive Befestigungsmauer mit großen Türmen, Innerstädtische Stadtbereiche sind nicht sichtbar. Während nach Norden hin man von der Küstenstraße oder vom nordöstlichen Innland kommend, einen guten Einblick in die Stadtterrassen des Wohngebietes der Stadt bekommt. Ähnlich ist es in der anderen großen Stadt im Lapithosgebirge in Platiana. Hier präsentiert sich die Stadt nach Norden mit einer starken Befestigungsmauer, die nur auf einer Seite erhalten ist und nicht die gesamte nördliche Unterstadt einschließt. Wie neuangefertigte Stadtpläne gezeigt haben, sind keine Terrassen oder Wohnbereiche in diesem steilabfallenden Nordstadtgebiet vorhanden. Obwohl hier eine repräsentative Fläche mit guter Blickbeziehung zur der im Norden liegenden Stadt Makistos vorhanden wäre, wurde nur ein langer Mauerzug mit einer Toranlage errichtet. Die in regelmäßigen Rastern, fast in einem Insulasystem, angeordnete Hausbebauung der Wohnstadt erstreckt sich über den steilen Südabhang, so dass hier das Bild einer dicht bebauten, wohl geordneten Polis entsteht. Die öffentlichen Gebäude der Stadt lagen auf dem schmalen Bergkamm, der nach Osten hin leicht abfallend terrassiert ist. Nur von Osten, von Arkadien aus, konnten die Terrassen der öffentlichen Gebäude des Innenstadtbereiches eingesehen werden – nicht von Norden und vermutlich auch nicht von Süden, da die Befestigungsmauer der Oberstadt wohl so hoch anstand, dass sie die Gebäude verdeckte. Ob die Ausrichtung der Städte und die Präsentation zufällig sind, sich nach der Topographie richten oder tatsächlich auch als Stadtprospekt gedacht waren, lässt sich mit den Mitteln eines Surveys nicht klären, doch werden diese Betrachtungen in der Gesamtuntersuchung der Städte immer eine Rolle spielen.




Bybassos und sein Hafen
(Winfried Held)
Die Siedlung Bybassos auf der Karischen Chersones ist heute auf dem Hügel Hisartepe zwischen zwei Küstenebenen gelegen. Es gibt Hinweise darauf, dass diese Ebenen erst durch rezente Sedimentation entstanden sind, so dass Bybassos in der Antike eine Halbinsel mit je einer geschützten Bucht im Norden und im Süden gewesen sein muss. Auf dem Sattel zwischen der Siedlung auf dem Hisartepe und dem angrenzenden Heiligtum Oyuklu Tepe wurde ein ausgedehntes Speicherviertel dokumentiert, das etwa die gleiche Fläche einnimmt wie die Siedlung und im frühen 3. Jh. v. Chr. errichtet worden ist. Es ist in einem rechtwinkligen Raster angelegt und lässt nach seiner Topographie und Ausdehnung darauf schließen, dass sich im Norden ein Handelshafen befand. Ebenfalls in diesem Kontext ist ein rechtwinkliger Quaderbau zu interpretieren, der am Nordhang des Hisartepe in die Ebene hineinragt und eine Mole gewesen sein könnte. Die Größe des Speicherviertels lässt auf eine Funktion Bybassos’ als überregionaler Exporthafen für den ‚rhodischen Wein’ schließen. Zum Schutz eines solchen Hafens ist in Bybassos auch ein Militärhafen zu vermuten, der in der Südbucht gelegen haben könnte.
Durch geophysikalische Prospektion konnten trotz anfänglicher Schwierigkeiten aufgrund der ungünstigen geologischen Beschaffenheit des Grunds einige zusätzliche Beobachtungen gemacht werden, die diese Interpretation stützen. Sie soll 2009 fortgesetzt werden.


Stadt und Hafen: Zum Verhältnis von Topographie und Siedlungsbild in Elaia, dem Haupthafen von Pergamon
(Felix Pirson / Stefan Feuser)
Elaia liegt am nordöstlichen Ende der gleichnamigen Bucht unweit der Mündung des Kaikos. Das Stadtgebiet wird im Norden durch mehrere, bis zu 20 m hohe Hügel bestimmt. Das Gelände südöstlich davon ist deutlich flacher und steigt gleichmäßig sanft nach Osten an, ehe es in die Ausläufer des Yünd Dağ übergeht. Im Norden schließt sich eine flache, sehr sanft nach Nordosten ansteigende ungefähr 500 m in nord-südlicher Richtung messende Ebene an, die im Norden vom Höhenrücken des Bozyertepe begrenzt wird, der bis auf über 50 m ü. NN ansteigt.
Die maritime Topographie ist schwierig zu rekonstruieren, da sich die heute anzutreffende Situation sehr von der antiken unterscheidet. „Schuld“ daran ist der Kaikos, der in der Nähe von Elaia in das Meer mündet und größere Alluvialmassen in die Bucht eingebracht hat. Durch geoarchäologische Untersuchungen konnten nun erste Erkenntnisse zur maximalen Meerestransgression gewonnen werden: Demnach reichte das Meer bis weit in die Ebene hinein, die sich heute zwischen Bozyertepe und Akropolishügel erstreckt. Der Zeitpunkt dieser maximalen Transgression dürfte in prähistorischer Zeit gelegen haben.
Welche Schlüsse lassen sich für Elaia im Hinblick auf das Verhältnis zwischen Topographie und Siedlungsbild ziehen? Im Falle der Stadtmauern wirkte das Geländerelief unmittelbar auf deren Verlauf im Norden ein, da dort die wichtigen Höhenzüge integriert werden mussten. Nur so konnte eine sichere Verteidigung in diesem Gebiet gelingen. Der Verlauf im Südosten wurde dagegen vor allem von dem Wunsch geleitet, eine lange, an dem Küstenverlauf orientierte Front für Hafenanlagen zu erhalten. Die fortifikatorischen Nachteile durch einen langen Mauerverlauf nahm man dagegen in Kauf. Das weite Ausgreifen der Stadtmauer nach Osten bis an die Ausläufer des Yünd Dağ wiederum ermöglichte die Kontrolle der Straße, die von Pergamon nach Smyrna entlang der Küste verlief. Dieser Mauerverlauf dürfte zwar bei einer möglichen Belagerung Nachteile eingebracht haben, da die Angreifer die Hänge im Osten für die Aufstellung von Geschützen nutzen konnten. Wichtiger war aber wohl die Kontrolle der Küstenstraße.
Das Verhältnis zwischen Topographie und Siedlungsbild verdeutlicht für Elaia damit vor allem zwei Dinge: 1.) Die Stadt war zum Meer hin ausgerichtet und primär als Hafenstadt konzipiert. 2.) Die Stadt ermöglichte die Kontrolle und Absicherung der Küstenstraße. Beide Punkte unterstreichen die große taktische Bedeutung Elaias für die Herrscher in Pergamon.

Topographie und Siedlungsbild von Atarneus
(Albrecht Matthaei)
Dem Vortrag lag die Frage zu Grunde, in welcher Weise die topographischen Gegebenheiten des Siedlungshügels von Atarneus, die Entwicklung und das Erscheinungsbild des Ortes bedingen. Auf diese Weise konnten die Grenzen der Entwicklungsmöglichkeiten des Ortes von zwei Seiten umrissen und eine hypothetische Antwort auf die Frage nach den Ursachen für den Niedergang des Ortes im 2 Jhd. v. Chr. formuliert werden.
Der Kaleh-Tepe, der Siedlungshügel von Atarneus ragt auf drei Seiten steil aus dem nordwestlichen Ausläufer der Kaikosebene empor und ist nur nach Nordwesten über einen schmalen Sattel im Norden mit den südlichen Ausläufern des Kozakgebirges verbunden. Diese Lage bietet eine äußerst gute, natürliche Verteidigungsposition für eine Siedlung. Der Mangel an größeren, natürlichen Wasservorkommen auf dem Hügel und die wenigen flachen Passagen an den Hängen, die die Anlage von Bauland erleichtern, stellt hingegen einen Ungunstfaktor für die Entwicklung einer Siedlung dar.
Aufgrund seiner Lage ist dieser Hügel prädestiniert um von hier aus die östlich gelegenen Küstenebene und den südlich gelegenen, nordwestlichen Zugang in die Kaikosebene zu kontrollieren.
Dass die topografischen Voraussetzungen die menschliche Nutzung des Hügels für eine lange Zeit prägen, geht aus einer Reihe von Schriftquellen deutlich hervor: vom 6. bis zum Ende des 5. Jh. v. Chr. dient der Ort zur Kontrolle der chiotischen Peraia, die sich über den Küstenstreifen westlich von Atarneus erstreckte. Nach einem Umsturz der Führungsschichten auf Chios wird Atarneus zur Heimat für eine Gruppe von Exilchioten, denen der Festungscharakter des Ortes für Ihre Rückeroberungspläne entgegen kommt. Im Lauf der ersten Hälfte des 4. Jh. v. Chr. werden unterschiedliche Herrscher für die Stadt überliefert, deren gemeinsamer Nenner jedoch in der Tatsache besteht, dass sie den Ort als Ausgangspunkt für Überfälle nutzen. Um die Mitte des 4 Jh. v. Chr. bricht die Überlieferung zu dem Ort weitgehend ab und setzt erst im 1. Jh. n. Chr. mit wenigen Hinweisen über die Aufgabe des Siedlungsplatzes wieder ein.
Die archäologischen Befunde auf dem Siedlungshügel scheinen dieses Bild weitestgehend zu bestätigen. Das Fundspektrum (insbesondere: Keramik und Münzen) belegt eine kontinuierliche Nutzung des Siedlungsplatzes in der Zeit vom 6. bis in das 1. Jh. v. Chr. mit einer bemerkenswerten Konzentration im 3 Jh. Dieses Bild wird durch die Architekturbefunde ergänzt, unter denen zwei massive Mauerringe hervorstechen. Diese sind aufgrund ihrer Bautechnik zwei deutlich unterschiedlichen Phasen zuzuordnen, wobei der zeitlich mit Sicherheit ältere Mauerring am unteren Rand des Hügels verläuft und den zeitlich jüngeren, oberen Mauerring einschliesst.
Der scheinbare Gegensatz aus einem Ausbau der Stadt und einer Konzentration von Keramik und Münzen im 3. Jh. gegenüber der Auflassung im späten 2. bis 1. Jhd. erklärt sich nach Meinung des Vortragenden aus dem historischen Bild. Der in topografischer Hinsicht vor allem für Festungen prädestinierte Siedlungshügel kontrolliert den nordwestlichen Zugang in das Kaikostal und damit in die Chora von Pergamon. Für die ersten Attalidenherrscher war es somit eine Notwendigkeit diesen Ort zu sichern und so weit zu stärken, dass sich hier kein Gegner einrichten konnte. Da diese Entwicklung in erster Linie militärischer Natur war, kommt es in dem =""rt"" trotz einem größeren Ausbau zu keinem nachhaltigen wirtschaftlichen Wachstum. Als sich mit dem Beginn des 2. Jh. in der Folge des Friedens von Apameia die Grenzen des Pergamenischen Reichs verschieben, verliert die Siedlung auf dem Kaleh Tepe für Pergamon an Bedeutung und hat gleichzeitig keine eigene Kraft mehr, um sich langfristig in der Nähe der Metropole zu halten.
Die Topografie des Ortes, die dem Siedler ein beschwerliches aber sicheres Leben verspricht ist eine Attraktion in Zeiten kleinräumiger Territorien und den damit verbundenen Gefahren plötzlicher Überfälle. So fügt es sich gut in das Bild, dass der Ort in byzantinischer Zeit erneut belebt wird.





Letzte Änderung: 20.07.2009