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Zentralisierungsprozesse in der hellenistischen Poliswelt

"Zentralisierungsprozesse in der hellenistischen Poliswelt"

Das erste Teilkolloquium des Netzwerkes: „Sympolitien, Polisgenese und administrativ-politische Infrastrukturen“ fand im Zeitraum vom 25.10. bis 26.10.2007 in den Räumen der Kommission für Alte Geschichte und Epigrafik statt.
Um einem interessiertes Publikum die Ergebnisse und besprochenen Thesen des Kolloquiums zugänglich zu machen, haben die Teilnehmer des Kolloquiums Zusammenfassungen Ihrer Beiträge verfasst, die im folgenden aufgelistet sind.


Zentralisierungs- und Dezentralisierungstendenzen in hellenistischen Bundsstaaten am Beispiel des Achäischen Bundes (Klaus Freitag)
Für die Geschichte des Achäischen Bundes sind Zentralisierungs- und Dezentralisierungsprozesse prägend. Die Voraussetzungen für Expansion waren schon in der klassischen Zeit geschaffen worden, als der Bund mit der Einverleibung von Kalydon die engeren ethnischen Grenzen des landmannschaftlichen Verbandes überschritten hatte. Ethnische Exklusivität spielte in hellenistischer Zeit demzufolge keine Rolle mehr, die Argumentation, mit der der Bund seine Attraktivität vor der griechischen Öffenntlichkeit verdeutlichte, verlief eindeutig in die politische Richtung, die Nichtmitgliedern gleichberechtigten Zugang zu allen Entscheidungsorganen versprach, den Altmitgliedern hingegen keinerlei Privilegien zusicherte. Die letzte Konsequenz aus dieser Verfahrensweise, die Umbenennung von „Bund der Achaier“ in „Bund der Peloponnesier“ ist man dann doch nicht gegangen. Die offene Strategie war vor allem für die Angehörigen der städtischen Oberschichten überaus attraktiv, da ein schneller und problemloser Zugang zu höchsten Bundesämtern möglich und in Aussicht stand. Dabei hat die Zentralisierungskonzeption der Achäer im Verlauf der Zeit offensichtlich mehrere Verschiebungen und Akzentänderungen erfahren. Stand in der ersten Phase noch die Wiederherstellung des Bundes in den Grenzen der klassischen Zeit im Vordergrund, änderten sich mit dem Beitritt von Sikyon (251), Korinth (243), Megalopolis (235) und Argos (229) die Schwerpunktsetzungen im Bund von seinem politischen und militärischen Gewicht her besehen grundlegend. Noch eines ist auffällig: mit der Eingliederung von nach hellenistischem Standard Großpoleis vollziehen in ihrer jeweiligen Nachbarschaft weitere Städte den Eintritt in das Koinon, um weiter in die traditionell gewachsenen regionalen sozialen und wirtschaftlich Kommunikationsräume der Peloponnes eingebettet zu sein und der Gefahr zu entgehen, isoliert zu werden. Am Beispiel von Korinth wird diese Vorgang deutlich, wenn man an die zeitgleiche Einbeziehung von Megara, Epidauros und Troizen denkt. Für Argos und Megalopolis lassen sich strukturell vergleichbare Prozesse greifen. Die dritte und letzte Phase, in der der Zentralisierungsprozeß im Koinon der Achaier noch einmal eine neue Richtung verfolgt, beginnt mit der Umorientierung der Achaier auf die Seite Roms und der entschiedenen Politik des Philopoimen, die sich die Einigung der gesamten Peloponnes zum Ziel gesetzt hat. Nun gelingt es, die auch teritorial großen und traditionsreichen Poleis wie Elis, Messene und Sparta zu integrieren, ohne dass man in der Lage ist, den Bestand dieses Großbundes dauerhaft zu bewahren. Vor diesem Hintergrund bedeutet die schrittweise Einigung der Peloponnes mit Blick auf die Geschichte der Achäer weit mehr, als nur das konsequente militärische Ausnutzen von Möglichkeiten, die sich infolge der inneren Schwäche der Poleis auf der Peloponnes boten oder sich durch für die Achäer günstige Waffenbündnisse mit starken Partnern eröffneten. Neben der Zentralisierungskonzeption ist aber auch eine Dezentralisierungsstrategie für die Politik der Achäer in hellenistischer Zeit kennzeichnend. Ein wesentlicher Grundsatz der Integrationspolitik der Achäer lautete, daß parallel zur Eingliederung von mächtigeren Großpoleis zuvor abhängige Landstädte von diesen abgetrennt werden sollten, die sich dann verselbständigten, indem ihnen der Status von bundesunmittelbaren Gliedsstaaten gewährt wurde. Eines der frühen Beipiele für einen derartigen Vorgang ist Megara, dessen zuvor abhängige Hafenorte Pagai und Aigosthenai als eigenständige Bundesmitglieder in das Koinon aufgenommen wurden. In Korinth 243 (Tenea), Argos (Kleonai, 235), Lakonien/Sparta (192), Messene (191 und 182), Elis (triphylische Städte) und Megalopolis (kleinere Städte in Südwestarkadien und Triphylien) lassen sich vergleichbare Vorgänge nachweisen. Hinter dieser Strategie stand nicht nur die Zielvorstellung, die Großpoleis zu schwächen, zumal derartige Vorgänge keineswegs immer durch militärische Intervention in Gang gesetzt wurden, sondern der Versuch, quasi geerbte Spannungen im Bund aufzulösen und gleichzeitig den Ambitionen der kleineren und mittleren Polisgemeinden gerecht zu werden. Insofern ist der Achäische Bund der einzigartige Versuch, 60 Staaten unterschiedlicher Größe gleichberechtigt in einem politischen Gebilde zusammenzufassen


Zentralisierung im triphylischen Städtebund (C. Rohn – J. Heiden)
Vor Gründung des triphylischen Bundes im 4. Jh. v. Chr. kann man in der südlichen Elis von einer Reihe größerer oder kleinerer Orte, Poleis und Heiligtümer ausgehen, die dezentral nebeneinander existierten. Sicherlich gab es schon in dieser Zeit reichere Poleis oder wichtigere Heiligtümer, die sich von anderen unterschieden, doch nahm keiner dieser Orte eine zentrale Stellung innerhalb Triphyliens ein. Alle Orte waren seit der 1. Hälfte des 6. Jh. v. Chr. noch von Elis aus bestimmt und abhängig. Die Forschung spricht im spartanischen Sinne von Perioikenstädten.
Ab 400 v. Chr. erlangten die einzelnen Städte nach jahrhunderte langer Abhängigkeit von Elis einen selbstständigen Status. Sie schlossen sich in dieser Zeit als freie Poleis zu einem Bund zusammen und nannten sich Triphylien. Mit dem Städtebund setzen auch unsere Gedanken zum Zentralismus im bisher untersuchten nördlichen Triphylien ein.
Wir vermuten, dass die stark befestigten Poleis wie Samikon und Platiana Neugründungen nach 400 v. Chr. sind, auf die die mächtige Polis Makistos im Norden Triphyliens besonderen Einfluss hatte. Weiterhin könnte auch der Ausbau und die Einrichtung weithin sichtbarer kleiner Heiligtümer an den triphylischen Grenzen zum verfeindeten Elis hin zu einem zentralen Gedanken gehören, der möglicherweise von Makistos ausgeht. Wie der Bau eines großen Peripteros auf der Akropolis zeigt, war Makistos vermutlich schon vor 400 v. Chr. durch Größe und Reichtum dominant. Die zentrale Rolle von Makistos für den Norden zeichnet sich auch in seiner Lage ab. Von dieser Stadt sind alle Orte im Lapithosgebirge und auch die Orte nördlich von Makistos sehr gut einsehbar. Dass Makistos nach Strabon (VIII 3.13) das Bundesheiligtum der Triphylier, welches weit von Makistos entfernt am Meer lag, verwaltete, betont einmal mehr die dominante Rolle dieser Polis für das nördliche Triphylien.

Sympolitien in Nordgriechenland (A. V. Walser)
Der erste Teil des Vortrages widmete sich der Entwicklung der Polisstruktur in der Region von Metropolis in Westthessalien während der hellenistischen Zeit. In den politisch turbulenten Jahrzehnten am Ende des 3. Jh. und Anfag des 2. Jh. gelang es Metropolis, nach und nach und im Wettstreit mit anderen Grosspoleis der Region eine Reihe kleinerer, aber älterer Nachbarpoleis wie Onthyrion und Ithome in das eigene Territorium einzugemeinden. Eine andere Form der Zentralisation wurde in einem zweiten Teil mit der Neugründung von Demetrias am Golf von Pagasai in den Blick genommen. Die Analyse des Inschriftenmaterials zeigte, dass die alten Poleis der Region Magnesia, aus denen sich die Neugründung konstituierte, als Siedlungen weiterexistierten und auch politisch weiterhin eine Rolle spielten. Abschliessend wurde die Frage nach den Motiven für die unterschiedlichen Formen der sympolitischen Vereinigung gestellt; es konnte gezeigt werden, in welcher Weise die beiden unterschiedlichen Zentralisationsprozesse die politischen Strukturen der Region insgesamt veränderten.

Reconfiguring the Political Geography of Karia (Gary Reger)

Die Veränderung der politischen Geographie während der hellenistischen Zeit in Karien, in deren Verlauf über 50 Poleis verschwanden, war der Gegenstand von G. Regers Beitrag. Welche Ursachen sind für diesen dramatischen Wandel, in dem Sympolitien eine grosse Rolle spielten, verantwortlich zu machen? Reger identifizierte den Synoikismos von Halikarnassos und mehr noch denjenigen von Rhodos als Modelle, die angesichts ihres Erfolgs im 4. Jh. für den Zusammenschluss karischer Poleis in hellenistischer Zeit als Vorbilder gedient haben dürften. Dass besonders Rhodos eine wichtige Rolle gespielt haben könnte, legt der Vergleich mit dem im Hellenismus phasenweise von Rhodos beherrschten Lykien nahe, in dem ebenfalls eine grosse Zahl sympolitischer Vereinigungen fassbar werden. Während Rhodos in Lykien die politische Landschaft möglicherweise durch direkte Eingriffe umgestaltete, wirkte das rhodische Vorbild in Karien nach Reger wohl eher dadurch, dass die Rhodos geltenden politischen Grundprinzipien von den karischen Gemeinden übernommen wurden.


Polisneugründungen im hellenistischen Kleinasien – Zentralisierung oder Dezentralisierung? (Christian Mileta)

Während der hellenistischen Zeit entstanden im kleinasiatischen Binnenland etwa 100 neue Poleis, und zwar als vollständige Neugründungen oder – was weit häufiger vorkam – durch die Umgründung bestehender makedonischer Militärkolonien sowie indigener Städte oder Dörfer in Poleis. Der Vortrag behandelte die Frage, ob die Gründung dieser neuen Poleis die Zentralisierung oder aber die Dezentralisierung der politisch-administrativen, kulturellen und wirtschaftlichen Strukturen im anatolischen Binnenland bewirkte.
Dabei ergab sich als Resultat zunächst, daß die Gründung der neuen Poleis Teil eines staatlich kontrollierten, also von den Monarchen und ihren Verwaltungen gewollten und beförderten Prozesses lokaler und regionaler Zentralisierungen war. Dabei stütze man sich, vor allem in der Seleukidenzeit, freilich vielfach auf bestehende indigene Zentren, wie etwa Sardeis oder Kelainai, die nicht in jedem Fall sofort in eine Polis umgegründet wurden. Zumindest im 3. Jh. v. Chr. bestand demnach kein zwingender Zusammenhang zwischen der Funktion als lokales bzw. regionales oder gar überregionales urbanes Zentrum und dem Polisstatus. Allerdings wurden auch jene neuen Poleis, die schon in vorhellenistischer urbane Zentren gewesen waren, spätestens mit ihrer Umgründung in Poleis zu hellenistisch geprägten urbanen Zentren. Als solche wirkten sie kulturell wie wirtschaftlich, unter Umständen auch politisch-administrativ, weit in ihr jeweiliges, indigen geprägtes Umland hinein. Der Beitrag, den die neuen Poleis zur Hellenisierung des kleinasiatischen Binnenlandes leisteten, kann somit kaum überschätzt werden.
Bei der Frage nach möglichen Dezentralsierungstendenzen ergab sich, daß die Zentralisierung auf lokaler bzw. regionaler Ebene durchaus mit der Dezentralisierung des Zentralstaates einhergehen konnte. Dies war in seleukidischer Zeit der Fall, wo diese Dezentralisierung in der 2. Hälfte des 2.Jh. v. Chr. bis an die zeitweilige Einflußlosigkeit des Zentralstaates in Kleinasien reichte. Unter diesen Umständen waren es überwiegend die alten und neu- bzw. umgegründeten urbanen Zentren, die den Schutz der Bevölkerung des kleinasiatischen Binnenlandes gewährleisten mussten. Die relativ lockere Einfügung der urbanen Zentren des Binnenlandes in die Strukturen des hellenistischen Staates endete spätestens mit dem Beginn der Attalidenherrschaft über weite Teile Kleinasiens. Sie wurden nun durchgängig in Poleis umgewandelt und fest in das Gefüge des attalidischen Staates eingebaut. Die wichtigsten urbanen Zentren erhielten die Stellung von Hauptstädten attalidischer Reichsprovinzen. Sie sollten später dann zu Diözesanvororten der römischen Provinz Asia werden.


Sympolitien im kaiserzeitlichen Lykien (Christof Schuler)
Christof Schuler begann seinen Vortrag mit einem Überblick über die Entwicklung der politischen Geographie Lykiens seit der ersten Übernahme griechischer Polis-Institutionen durch die lykischen Städte im 4. Jh. v. Chr. Charakteristisch ist ähnlich wie in Karien eine extreme Fragmentierung der politischen Landschaft, da vielfach selbst kleine und kleinste Gemeinden zunächst als selbständige Poleis auftraten. In der Folge gingen jedoch während der hellenistischen Zeit viele dieser kleinen, politisch und wirtschaftlich schwachen Gemeinden in größeren Poleis auf. In einigen Fällen läßt sich zeigen, daß solche Integrationsprozesse als Sympolitien organisiert wurden. Im kaiserzeitlichen Lykien (1.-3. Jh.) sind mehrere Zusammenschlüsse von drei bis vier Poleis belegt, die sich im ausschließlich epigraphischen Quellenmaterial als sympoliteuomenoi demoi bezeichnen. Die Entstehung dieser Sympolitien läßt sich bisher nicht genauer datieren. Da einige der beteiligten Gemeinden aber in späthellenistischer Zeit noch als eigenständige Poleis belegt sind, scheint es sich um ein spezifisch kaiserzeitliches Phänomen zu handeln, das vielleicht dem Einfluß der römischen Provinzialverwaltung zuzuschreiben ist. Zu den charakteristischen Zügen dieser Sympolitien gehört es, daß die Bürger ihren gemeinsamen Status mit dem Ethnikon des jeweiligen Vorortes bezeichnen, Mitglieder der Teilgemeinden aber zusätzlich ihre Herkunft angeben, z. B. Akalisseus apo Idebessou. In den letzten Jahren sind mehrere neue Belege für solche Ethnika bekannt geworden, was die weite Verbreitung derartiger Zusammenschlüsse in Lykien unterstreicht. Das Phänomen ist bemerkenswert, weil es in der Kaiserzeit ansonsten so gut wie keine Belege für Sympolitien mehr gibt. Die besondere Form des Ethnikons hat nur Parallelen in den Staatenbünden der hellenistischen Zeit, so daß die lykischen Sympolitien als Bundesorganisationen im Miniaturformat erscheinen. Insgesamt scheinen sie nicht in erster Linie einer Stärkung der Vororte und damit einer Zentralisierung gedient zu haben, wie es bei Sympolitien sonst in aller Regel der Fall ist. Die Sympolitien im kaiserzeitlichen Lykien waren vielmehr recht locker konstruierte Vereinigungen, unter deren Dach die beteiligten Kleinpoleis sich ein Höchstmaß an Selbständigkeit bewahrten. Die Sympolitie wird so zu einem Hilfsmittel, um eine kleinteilige und dezentrale politische Struktur aufrechtzuerhalten.




Letzte Änderung: 09.02.2009