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Die Rolle und Sichtbarkeit des Religiösen in der hellenistischen Polis
Am 21. und 22.11.2008 wurde im "Kardinal-Wendel-Haus" in München
Schwabing das zweite Treffen des Netzwerkes unter dem Titel "Die Rolle
und Sichtbarkeit des Religiösen in der hellenistischen Polis" abgehalten.
Um einem interessiertes Publikum die Ergebnisse und besprochenen Thesen
des Kolloquiums zugänglich zu machen, haben die Teilnehmer des
Kolloquiums Zusammenfassungen Ihrer Beiträge verfasst, die im folgenden
aufgelistet sind.
Soziale Konstruktionen religiöser Funktionsträger in hellenistischen Poleis
(Peter Probst) Im
Mittelpunkt der Untersuchung stehen die religiösen Funktionsträger, die
in den vier ausgewählten hellenistischen Poleis Athen, Kos, Pergamon
und Priene in Erscheinung treten. Ausgehend von einem
prosopographischen Ansatz sollen mit Hilfe der in den Kulten tätigen
Funktionsträger Aussagen über die Akzeptanz, das Ansehen und die
Bedeutung dieser Kulte sowohl für die Bürgergemeinschaft, als auch für
einzelne Gruppen getroffen werden. In einem ersten Arbeitsschritt
wurden die Inschriften aus Priene vollständig gesammelt, anschließend
in einer nach den Erfordernissen des Teilprojekts konzipierten Datenbank
nach einer Reihe von Kategorien (jedoch ohne Text) eingegeben und so
für verschiedene Suchabfragen und Sortierungen nutzbar gemacht.
Relevante Inschriften wurden zwecks genauerer Untersuchung mitsamt
ihrem Text gesondert aufgenommen und jeweils mit einem umfassenden
Kommentar, einer Verschlagwortung der erwähnten Personen und ihrer
Funktionen sowie einem Literaturverzeichnis versehen. Die bisher
erfolgte Auswertung ermöglichte es, sich einen ersten Eindruck von den
in hellenistischer Zeit relevanten Kultfunktionsträgern zu machen. Wie
sich in einem Stemma
anschaulich darstellen lässt, gab es vom späten 3. bis zum frühen 1.
Jh. v. Chr. eine große Anzahl von Priestern, die in engen
verwandtschaftlichen Beziehungen zueinander standen. Neben der
Bandbreite an Kulten wird zudem deutlich, dass es auch familiäre
Traditionen bei der Übernahme von Priestertümern gab.
Dauerhafte
Sichtbarkeit: Inschriften religiöser Funktionsträger im Demeter und
Kore-Heiligtum von Eleusis (4. Jh. v. – Anfang 1. Jh. n. Chr.)
(Marietta Horster) Religiöse
Funktionsträger – die Priester wie Hierophant, Daduch und die Demeter
und Kore-Priesterinn ebenso wie auch z.B. die Herd-Mysten und
Kanephoren – sind in Inschriften im Heiligtum von Eleusis über die
Jahrhunderte auf unterschiedliche Art und in unterschiedlicher
Quantität präsent. Bei den erhaltenen Inschriften von der
klassischen Zeit bis in die frühe Kaiserzeit wandelt sich der Charakter
der ehrenden Texte. Sind es im 4. Jh. vor allem die Eleusinier, die in
ihrem Demenheiligtum ehrende Dekrete für verdiente Männer publizieren,
so ist es im 3. Jh. vor allem die Gruppe der in Eleusis stationierten
Soldaten, die mit ihren Ehrenbeschlüssen visuell die epigraphische
Szene beherrschen. Von den Priestern werden lediglich einige
Hierophanten durch solche Ehrendekrete in klassischer und
frühhellenistischer Zeit hervorgehoben. Ab dem 2. Jh. spielen die
Dekrete auf Stelen nur noch eine geringe Rolle: nun treten dagegen die
ehrenden Weihungen – oft eine Basis mit Inschrift als Weihung an die
Göttin und der dazugehörigen Statue des Geehrten – in den Vordergrund. Bei
den statuarischen Ehrungen werden nun die Kinder-Herd-Mysten prominent
in den Vordergrund gestellt, die zumeist durch ihre Eltern eine sie
verewigende statuarische Darstellung als Weihung an die Göttinnen
erhalten. Die Priesterinnen der Demeter und Kore, die rein
‚statistisch‘ durch Inschriften aus dem Heiligtum ab dem späten 2. Jh.
namentlich bekannt sind, treten dagegen selten aktiv oder als geehrte
in Erscheinung: ihnen bleibt meist die Rolle der eponymen Priesterin
vorbehalten, sicher eine große Ehre, auf den Inschriften aber eine
marginalisierte, in der letzten Zeile erwähnte passive Rolle, die
diesen Frauen zugewiesen wird. Anders als im Stadt-Eleusinion, in
dem die Priesterinnen für Demeter und Kore schon früh statuarische
Ehrungen erhalten und größere Objekte weihen, scheint das Heiligtum in
Eleusis von den weiblichen Priestern für eine derartige
Selbstdarstellung in Konkurrenz mit den anderen, männlichen Priestern
und religiösen Funktionsträgern als nicht geeignet angesehen worden zu
sein.
Kultplatz und Heiligtum im hellenistischen Kybelekult. Eine neue Diagraphe aus Priene
(Daniel Kah) Eine
bislang unbekannte Inschrift, die den Kult der Kybele in Priene
dokumentiert, wirft neues Licht auf die Kultverfassung der Stadt und
die frühe Geschichte des Kybele-Kultes in griechischen Städten. Bei der
Marmorstele, die in der byzantinischen Basilika südlich des Theaters
als Wandverkleidung verbaut ist, handelt es sich um eine diagraphe,
eine Zusammenstellungen der Rechte und Pflichten der Priesterin, die
für den Verkauf des Priestertums angefertigt wurde; sie dürfte aus dem
3. oder frühen 2. Jahrhundert v. Chr. stammen. Der Verkauf von
Priestertümern ist in der hellenistischen Zeit vor allem im westlichen
Kleinasien und den vor¬gelagerten Inseln belegt; für die Polis Priene
war er bislang erst in einem Fall sicher bezeugt. Der neue Text
folgt in seinem Aufbau dem Muster, das wir aus den zahlreichen
diagraphai der polis Kos kennen. Geregelt werden für den Kult der
Kybele, die in Priene als ‘Phrygische Mutter’ (Meter Phrygie) verehrt
wurde, unter anderem die lebenslange Amtszeit der Priesterin und die
ihr verliehenen Privilegien, die Opfer mit den der Priesterin jeweils
zustehenden Opferanteilen und dem von ihr zu leistenden Beitrag, die
Zuweisung eines heiligen Bezirks (temenos) für den Kult und die mit dem
Kult verbundene Kollekte. Die neue diagraphe ermöglicht es, erstmals
eine deutliche Vorstellung von den enormen Unterschieden in der
Bedeutung einzelner Priestertümer der Polis Priene zu gewinnen, denn
gegenüber der einzigen bisher bekannten diagraphe dieser Stadt – für
den Kult des Dionysos Phleos aus dem späten 2. Jh. v. Chr. –, markiert
sie eine Art Gegenpol. Besonders augen¬fällig wird das an den
Kaufsummen: Für das Priestertum des Dionysos wurden über 12000
Drach¬men gezahlt, während dasjenige der Kybele für gerade einmal 340
Drachmen verkauft wurde. Auch die inhaltlichen Schwerpunkte der
beiden diagraphai unterscheiden sich deutlich: Dem Käufer des
Priestertums des Dionysos wurden in erster Linie Privilegien in
Aussicht gestellt: einerseits die Befreiung von verschiedenen
kostspieligen Leistungen für die Stadt (Liturgien), andererseits die
führende Rolle bei städtischen Kulthandlungen und das Recht, bestimmte
Kleidungsstücke und goldene Kränze zu tragen – also Vorrechte, die der
Statusdistinktion innerhalb der Bürgerschaft dienten. Privilegien
dieser Art genoß die Kybelepriesterin nicht. Ihr wurden vor allem
Einnahmen in Form der Opferanteile und der Kollekte zugesichert. Die
Kybelepriesterin trat offenbar selten in der Öffentlichkeit hervor, war
aber – und das ist bemerkenswert – berechtigt, Klagen gegen Amtsträger,
die es unterließen, Verstöße gegen ihre Rechte zu ahnden, selbst vor
Gericht zu bringen. Verschiedene Aspekte weisen darauf, dass die
Polis Priene mit dieser diagraphe auf Probleme der Kultpraxis reagiert:
Das temenos wird – offenbar in Abgrenzung von anderen, ebenfalls
möglichen Kultplätzen – neu festgelegt. Hierbei wird unter
Strafandrohung angeordnet, dass mit dem Kult verbundene Gegenstände von
den Gläubigen bis zu einem bestimmten Termin wieder in das temenos
zurückzubringen waren. Zudem wird eingeschärft, dass Einweihungen in
den Kult nur von der öffentlich bestellten Priesterin (demosie hiere)
vorgenommen werden durften. Für die mit dem Kult verbundene Kollekte
wird festgelegt, dass sie an einem bestimmten Termin und unter Leitung
der Priesterin durchgeführt werden musste. Zusammengenommen weisen
diese Details darauf, dass es zu einem Hiat in der Kultausübung
gekommen war, der sich am einfachsten damit erklären lässt, dass die
Vorgängerin der neuen Priesterin – z. B. aufgrund fortgeschrittenen
Alters – nicht in der Lage gewesen war, ihren Funktionen nachzukommen.
Es ist daher denkbar, dass der öffentliche Kybelekult in Priene
vorübergehend sozusagen ‘privatisiert’ worden war. Die Gläubigen hatten
Kultgegenstände – um sie vor unbefugtem Zugriff zu schützen? – mit nach
Hause genommen. Kulthandlungen wie Einweihungen oder Kollekten waren
von Frauen ausgeübt worden, die nicht den Status einer städtischen
Priesterin hatten. Die Polis Priene zeigt sich in der neuen
diagraphe bemüht, religiöses Handeln der Kontrolle durch die
Bürgerschaft zu unterwerfen. Hierfür schränkt sie die private
Kultpraxis ein, legt den Kultort neu fest und monopolisiert die
Ausübung eines Kultes, der immerhin Mysterien¬charakter hatte, bei
einer öffentlich bestellten Priesterin. Verstöße sollen durch die
Organe der Polis geahndet werden, der Priesterin wird bei Unterlassen
sogar ein Klagerecht gegen städtische Mandatsträger eingeräumt. Auch
der neue Text zeigt wieder, dass von einem nachlassenden politischen
Gestaltungswillen der hellenistischen Polis keine Rede sein kann.
Knidos und die dorische Hexa-/Pentapolis: Lage und Ausgestaltung der Heiligtümer
(Wolfgang Ehrhardt) Unsere
Untersuchung der Sakralbezirke im westlichen Stadtsektor von Knidos war
bisher auf drei Heiligtumsbezirke begrenzt. Es wurde zum ersten Mal
eine gesicherte Stra-tigraphie und einer nachvollziehbare, sukzessive
Ausgestaltung der Rundtempelterrasse sowie der Terrassen mit dem
Apollon Karneios-Tempel und dem Dorischen Peripteros er-arbeitet. Die
architektonischen Merkmale dieser Bezirke, ihre Monumentalität, Pracht,
In-szenierung und Altertümlichkeit, wurden auf struktureller Ebene mit
Phänomenen paralleli-siert, welche A. Chaniotis anhand der
Sakralgesetze als konstitutiv für hellenistische Riten ansieht. Diese
Resultate sollten nicht nur zu den weiteren ebenfalls im westlichen
Stadtsektor der Stadt Knidos konzentrierten Heiligtumsbezirken
(Terrasse mit dem Korinthischen Tempel, Bezirk mit dem Dionysostempel)
in Bezug gesetzt werden. Über diesen begrenzten regio-nalen Rahmen
hinaus sollten nun Lage und Ausgestaltung der knidischen Sakralbezirke
mit den Anlagen in den anderen Städten der dorischen Pentapolis -
Ialysos, Kamiros, Kos, Lindos - sowie in Rhodos verglichen werden. Es
stellt sich Frage, ob sich Gemeinsamkei-ten und/oder Unterschiede
aufzeigen lassen, welche in ähnlicher Weise wie beim Bund der Städte um
Ilion in der Troas auf eine Konkurrenz zwischen diesen Städten
hinweisen. Die Herausstellung des Hauptheiligtums ist allen
genannten Städten gemeinsam. Man kann wie in Knidos und Rhodos für alle
sichtbar Tempel in aufsteigender Staffelung sicht-bar präsentieren,
oder wie in Kamiros und Lindos den Tempel hinter einer prächtigen, auch
weithin sichtbaren Hallenanlagen verschwinden lassen. Diese
Herausstellung der Sakralbezirke am höchsten Punkt der Stadt propagiert
deutlich die fromme Hinwendung der Polis zu den betreffenden Gottheiten. Nur
in Knidos und in Rhodos werden alle Tempelanlagen in ihrer Ausrichtung
dem allge-meinen Stadtraster unterworfen. In Kamiros, Kos und Lindos
ergibt sich zwischen Wohn-bebauung und Heiligtumsbezirken ein Bruch. In
allen drei Städten existierten schon die Heiligtümer schon seit dem
ersten Viertel des 1. Jahrtausends v. Chr. Für sich genommen und von
innen betrachtet folgen die Bezirke allerdings allgemeinen
hellenistischen Charakteristika: Die Bauwerke sind mit geringen
Abweichungen orthogonal zueinander ausgerichtet, aber nicht durchgehend
achsial aufeinander bezogen. Die Tem-pel werden im Vollzug der Riten zu
einem funktionalen Element neben anderen. Dort wo mehrere Tempelanlagen
wie in Knidos und Rhodos auf unterschiedlichen Höhenniveaus
zusammengebracht werden, wird mittels unterschiedlicher
Architekturtypen und -formen eine Hierarchisierung erkennbar. Häufiger
als in den rhodischen Städten wird in Knidos Marmor und nicht Poros als
Bauma-terial verwendet. Die Heiligtumsbauten in Knidos vertreten schon
im Außenbau alle drei griechischen Bauordnungen, sind differenzierter.
Auf Rhodos herrscht die dorische Ord-nung vor im Unterschied zu den
vergleichweise variantenreich ausgestalteten knidischen Sakralbezirken.
Vielleicht wollte man mit der Verwendung dieser altertümlichen Ordnung
in Rhodos nicht nur ein gewisse Anciennität, sondern auch „Dorertum“
ausdrücken.
Griechische Tempel im Hellenismus: Instrumente und Orte sozialer Kommunikation
(Dirk Steuernagel) Fragestellungen
und methodische Ansätze des Projektes wurden an Hand der beiden
bekannten Tempel von Magnesia, für Zeus Sosipolis und für Artemis,
exemplarisch vorgestellt. Dabei stand die Frage im Mittelpunkt,
inwiefern eine Kombination von Aussagen verschiedener Quellengattungen
möglich ist. Dieses grundsätzliche Problem sorgte auch in der
anschließenden Diskussion für den meisten Gesprächsstoff. Zunächst
ging es um die Frage von Auftraggebern und Anlässen für die Bauten. Die
Inschriften, die immer wieder in diesem Zusammenhang zitiert werden
(Kern, Inschriften von Magnesia Nr. 16. 98. 100) geben darüber leider
keine direkte Auskunft. Die Inschrift von der Ante des
Zeus-Sosipolis-Tempels (Nr. 98) liefert beispielsweise einen wenigstens
ungefähren terminus ante quem für dessen Errichtung, geht aber auf den
Vorgang selbst inhaltlich eben nicht ein, sondern setzt ihn voraus.
Ähnlich verhält es sich mit der Satzung für das Fest der Eisiteria für
Artemis (Nr. 100). Die Stiftung eines anderen Kultfestes hingegen, der
Leukophryena, mag hingegen mit dem Baubeginn am Artemistempel Hand in
Hand gegangen sein. Die betreffende Urkunde (Nr. 16) erwähnt den Tempel
zwar nicht. Trotzdem wird man aus den verschiedenen Dokumenten
schließen dürfen, dass es der Wunsch der Magneten nach
‚internationaler‘ Beachtung und Anerkennung ihres Artemiskultes war,
der den Neubau des Tempels und wohl auch der großen Platzanlagen im
Stadtzentrum motivierte. Beiträge zu den Bauten von Seiten der um
Anerkennung nachgesuchten Herrscher sind nicht überliefert. Die Polis
scheint das Vorhaben aus eigenen Kräften unternommen zu haben. In
einem zweiten Teil ging es um die Einbindung der Tempelbauten in die
„städtebauliche Gesamtanlage“ (W. Hoepfner) von Magnesia. Obwohl sich
durch die neueren Grabungen unter O. Bingöl deutlicher denn je zeigt,
dass der Bauprozess bis in die frühe Kaiserzeit andauerte, ist eine
planvolle Positionierung der Tempelbauten mit Blick auf das Ganze nicht
von der Hand zu weisen. Es muss dabei unterschieden werden zwischen dem
Grundriss der Anlage von Artemision und Agora und der Wirkung der
gebauten Strukturen. Während das erste möglicherweise ausgehend von
durch den Vorgänger des Hermogenes-Tempels festgelegten Koordinaten
entwickelt wurde, ist letzteres wahrscheinlich auf der Basis eines
‚idealen Parcours‘ gesteuert worden, der vom Südwesteingang seinen
Ausgangspunkt nahm. So hat man versucht, die Wahrnehmung der Tempel zu
beeinflussen, die wohl nacheinander und nicht gleichzeitig erfolgen
sollte. In der Diskussion wurde auf Unwägbarkeiten hingewiesen, die aus
dem heute noch unzureichenden Kenntnisstand hinsichtlich einzelner
Phasen und Intentionen der Planung resultieren. Zuletzt wurde die
Frage nach der inszenierten Wirkung der Tempel im Rahmen öffentlicher
Rituale aufgeworfen. Zunächst einmal war festzustellen, dass die an der
räumlichen Struktur des städtischen Raums ablesbare hierarchisierte
Wahrnehmung auch auf die Tempelräume und insbesondere die Darbietung
der Kultbilder sich auswirkt. Eine unmittelbare Verknüpfung dieser
Beobachtungen mit den Informationen der bereits zitierten Inschriften
zu einzelnen Ritualen und Festen ist leider nicht möglich. Die
Inschriften erwähnen nämlich nicht diejenigen Rituale (z.B. im Giebel
des Artemistempels nachgestellte Epiphanie der Göttin; Opferung großer
Zahlen von Tieren am Artemisaltar), die wir aus der archäologischen
Überlieferung meinen erschließen zu können. Auf der anderen Seite sind
bestimmte Orte, wie der in der Festordnung für Zeus Sosipolis (Kern,
Inschriften von Magnesia Nr. 98) erwähnte Zwölfgötter-Altar im Gelände
bislang nicht lokalisiert. Deutlich ist in jedem Falle, dass es außer
dem oben angesprochenen, durch die architektonische Ordnung
suggerierten ‚idealen Parcours‘ noch weitere rituell fixierte Routen
gegeben hat, in denen die Tempelbauten möglicherweise eine gegenüber
anderen Monumenten nur nachgeordnete Rolle spielen.
Sakrale Objekte als Embleme, mediale Strategie oder neue Religiosität?
(Henner von Hesberg) Mit
dem Ende des 4. und dem Beginn des 3. Jhs. v.Chr. begegnet an einer
Reihe von Bauten in Heiligtümern Griechenlands und Kleinasiens ein
neuer Dekor in Gestalt von Kultobjekten oder Festschmuck. Die neue
Qualität liegt in der plakativen Präsentation der Motive, die etwa in
der steten Wiederholung und ungewöhnlichen Anbringungen zum Ausdruck
kommt. Im Gegensatz zum Baudekor der archaischen und klassischen Zeit
erzählt der bildliche Schmuck keine Geschichten mehr über Götter
erzählt, verweist auf Aspekte des Rituals. Damit verlagert sich
der Akzent im Diskurs über die Präsenz der Götter, die nicht mehr mit
ihren Taten, sondern in ihrer Verehrung präsent gedacht werden.
Stadt – Tempel – Priester. Zur Sichtbarkeit von Kultstätten und Kultpersonal im hellenistischen Pergamon
(Ralf von den Hoff – Marianne Mathys) Die
Annäherung an die Stadt Pergamon bedeutete in der Königszeit die
Konfrontation mit mindesten drei reich ausgestatteten periurbanen
Heiligtümern. Der Burgberg bot sich im 2. Jh. v. Chr. von Westen
kommend nicht als von einem monumentalen, hoch aufragenden Palast
bekrönt dar. Der Anblick wurde vielmehr dominiert von der
Theaterterrasse, deren Stoa den Blick auf den marmornen Dionysostempel
frei ließ, der sich darüber erhebenden, hohen Muschel des Theaters und
dem darüber stehenden Athenatempel, ganz ähnlich dem vorbildhaften
Modell der Athener Akropolis. Von Osten kommend erkannte man als
größten Bau am Hang des Burgberges das riesige Gymnasions. Auch hier
rahmten das Bauwerk ein marmorner Tempel links (Tempel R) und – seit
dem mittleren 2. Jh. – der ebenfalls aus Marmor errichtete Heratempel
darüber. Vermutlich war der Blick auf den rechts stehenden
Gymnasionstempel unverbaut, so dass das Gymnasion von Sakralbauten in
einem Dreieck gerahmt war. Die Wirkung vorstädtischen Bereichs und der
Stadtprospekte markierte die eusebeia der Pergamener. Sie erhielten so
eine spezifische, bildhafte Semantik. Erst im Durchschreiten der Stadt
prägten dann die Herrscher stärker das Bild. Neben die visuell
greifbare Gestaltung der ‚sakralen’ Stadtprospekte trat in der Stadt
und in ihrem Umfeld der Versuch, religiöse Zusammenhänge ideell durch
visuell nicht wahrnehmbare Achsbezüge (Athenatempel – Pergamonaltar;
Athenatempel – Kapikaya – Mamurt Kale) zu konzipieren. Im
nach-königszeitlichen Pergamon blieben die Stadtprospekte als
traditionalistische ‚Kulissen des Handelns’ erhalten. Waren Priestern
und Priesterinnen im Inneren der Stadt vorher nur in geringem Umfang
statuarisch präsent gewesen, so lässt sich auch nach 133 nur wenig
visuelle Präsenz von Kultpersonal im öffentlichen Raum konstatieren.
Religion und Kult sind stark mit Tradition und deshalb auch mit
bestimmten Familien der Oberschicht verbunden. Dies lässt sich durch
statuarische Ehrungen teilweise bis in der Kaiserzeit verfolgen
(Asklepios-Priester), bzw. wird dann wieder aufgenommen
(Athena-Priesterinnen). Tradition kann aber auch bewusst durch
Sichtbarmachung von Kult und Religion hergestellt werden. Dies scheint
besonders in politisch unstabilen Zeiten deutlicher ausgeprägt (Mitte
1. Jh. v. Chr.). Interessanterweise wurden in der Zeit nach 133 v. Chr.
aber vielfach das politisch-bürgerlich angehäufte Prestige und die
kultischen Verdienste visuell – also hier in Form von Ehrenstatuen –
nicht scharf voneinander getrennt. Religion und Tradition konnten in
nachattalidischer Zeit mit dem pergamenischen Königshaus in Verbindung
gebracht wurde, dies wurde durch das Bild der Stadt garantiert.
Religion und Tradition wurden nun aber weitergeführt durch die großen
Familien und Euergeten der Polis. Ihr Engagement in Kulten ging dabei
in ihrer bürgerlichen Wohltätigkeit auf.
Das extraurbane Artemisheiligtum von Ephesos und die visuelle Inszenierung seines Asylrechtes im Hellenismus
(Helga Bumke) Der
Kult der Artemis von Ephesos war einer der bedeutendsten des Altertums
und nicht zuletzt auch entscheidend für die herausragende Stellung der
Stadt. Fragt man nach den besonderen Qualitäten der Göttin und ihres
Kultes, so lässt sich feststellen, dass zu den prägnantesten
Eigenschaften der Artemis Ephesia, die immer wieder in den
schriftlichen Zeugnissen erwähnt werden, eine außergewöhnliche
Schutzfunktion gehörte, mit der ihre überwältigenden, ja ebenso
Schrecken verbreitenden Epiphanien verbunden waren. Überdies weisen die
Schriftquellen darauf hin, dass zwischen der berühmten, in gewisser
Weise exklusiven Asylie des Heiligtums und dem Wesen der Göttin selbst
ein unmittelbarer Zusammenhang bestanden haben muß. Dass schließlich
auch ihrem Kultbild eine außergewöhnliche Schutzfunktion zugesprochen
wurde, legt u. a. dessen Bezeichnung als brétas nahe – verwendete man
diesen Begriff doch nur für Götterbilder, die in besonderer Weise
eine schützende Funktion hatten, zu denen man sich flüchtete und deren
Berührung Asyl garantierte, die aber auch unheilvolle Kräfte besaßen,
mit denen sie Angst und Schrecken verbreiten konnten. Es ist diese
besondere Eigenschaft der Göttin und ihres Kultbildes, die in
hellenistischer Zeit, wahrscheinlich im 3. Jh. v. Chr., durch ein
neukonzipiertes Kultbild regelrecht inszeniert wird. Gemeint ist
hiermit die berühmte, durch zahlreiche statuarische Wiederholungen und
Darstellungen in der Flächenkunst bekannte Statue der Artemis Ephesia,
die sicherlich nicht – wie bisher allgemein angenommen wird – das aus
den Schriftquellen bekannte archaische Xoanon mit wechselnder Garderobe
wiedergibt. Vielmehr muß es sich bei dieser prägnanten Statue um ein
Zweitkultbild gehandelt haben, das dem Einsetzen seiner Münzbilder
zufolge in hellenistischer Zeit geschaffen worden ist. Analysiert man
unter dieser Voraussetzung das umfangreiche Ausstattungsprogramm der
Artemis Ephesia lassen sich vielfältige Bezüge zur Schutzfunktion der
Göttin und der damit verbundenen Asylie rekonstruieren. Bemerkenswert
ist nicht zuletzt die Koinzidenz von neuem Kultbild und dem Asylrecht
des Heiligtums, das seit hellenistischer Zeit als Institution in
Erscheinung tritt. Nicht zuletzt wirft die durch Münzbilder vermutlich
bereits in das 3. Jh. v. Chr. datierte Konzeption des Zweitkultbildes
die Frage auf, ob sie im Zusammenhang mit der Verlegung der Stadt unter
Lysimachos gestanden haben könnte. Daß man offenbar auch mit den
Kopien der Artemis Ephesia die ihr eigenen spezifischen Funktionen und
die damit verbundene ‘Asyl-Garantie’ zumindest gezielt zu visualisieren
suchte, legen die in einigen Fällen rekonstruierbaren
Verwendungskontexte nahe. Abgesehen davon, dass die äußere Erscheinung
der Artemis Ephesia in römischer Zeit von einigen kleinasiatischen
Städten für die eigenen Kultbilder übernommen wurde, ist aus den
Schriftquellen bekannt, dass man in Filialkulten der ephesischen
Artemis ‘Kopien’ des Kultbildes aufstellte. Vor diesem Hintergrund ist
möglicherweise auch der auffälligen Konzentration von kaiserzeitlichen
Wiederholungen der Artemis Ephesia im Prytaneion von Ephesos besondere
Bedeutung beizumessen. So erscheint durchaus überlegenswert, dass man
auf diese Weise spätestens in der römischen Kaiserzeit auch im
Kultzentrum der Stadt die für deren Machtstellung und Selbstverständnis
maßgebliche Schutzfunktion der Göttin veranschaulichte, wenn nicht
sogar hier eine Art Filialkult installierte.
Die bauliche Entwicklung des Athenaheiligtums von Priene
(Arnd Hennemeyer) Die bauliche Entwicklung des Athenaheiligtums stellt sich als ein langer Prozeß dar, in dem die Nebenbauten – der Altar, eine Halle und ein Propylon – errichtet wurden und sogar das Areal des Temenos mehrmals erweitert wurde. Die Anlage wurde dabei jeweils erheblich umgestaltet. Hierunter lassen sich vier Hauptphasen unterscheiden. 1. Ursprünglich war die Anlage des Athenaheiligtums auf die Fernwirkung des freistehenden Tempelbaus hin konzipiert. 2. Durch den monumentalen Altarbau wurde sie gegen 200 v. Chr. weiter ausgebaut. Dabei ordnete man beide Bauten über Achs- und Fluchtenbezüge hinaus eng einander zu, indem der Altar das Schema des Tempels von 6 auf 11 Säulen in eine Halbsäulenordnung übertragen übernahm und er so der Gestalt des Tempels anglichen wurde. 3. In der zweiten Hälfte des 2. Jh. v. Chr. errichtete man im Süden, dem Tempel und Altarplatz entlang, eine Halle. Sie faßte im Innern das Heiligtum zu einer Gesamtanlage. Erstaunlicherweise öffnet sich die Halle hangabwärts, vom Heiligtum abgewandt, und kennzeichnet so das Temenos für den Anblick aus der Ferne bzw. von tiefer gelegenen Teilen der Stadt aus, vermutlich durch die beiden großartigen Prospekte der Terrassenheiligtümer von Lindos und Kamiros auf Rhodos angeregt. Beim Anblick von Süden schien das Heiligtum sogar hangaufwärts erschlossen durch an beiden Hallenenden hinaufführende Treppengassen. 4. Nicht vor der ersten Hälfte des 1. Jh. v. Chr. erhielt das Temenos schließlich seine größte Ausdehnung, als man es um die Breite einer halben Insula des Stadtrasters nach Osten erweiterte und die Halle bis zur nächsten Gasse verlängerte. Als letzter Bau im Heiligtum wird in der zweiten Hälfte des 1. Jh. v. Chr. am östlichen Ende ein Propylon errichtet und der Zugang ins Heiligtum wieder hangparallel organisiert.
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Letzte Änderung:
09.02.2009
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