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Zusammenfassung
Im Zentrum des Forschungsprojektes steht das
Kultpersonal, das in hellenistischen Poleis tätig ist. Die Religion und die
damit verbundenen Kultpraktiken und Institutionen gehören konstitutiv zu den
griechischen Bürgergemeinschaften. Die verschiedenen Bilder von Priestertümern
und anderem Kultpersonal, die die Quellen entwerfen, sind daher von deren
gesellschaftlichen Entstehungskontexten nicht zu trennen und können als soziale
Konstruktionen bezeichnet werden.[1] Die
daraus herauszuarbeitenden kollektiven (und davon manchmal abweichenden individuellen)
Vorstellungen lassen ein normatives Bild von Bürgeridentität und
Bürgerverhalten entstehen, das in den Gesamtrahmen der sowohl von Kontinuität
als auch von Wandel der verschiedenen kulturellen, sozialen und politischen
Strukturen geprägten hellenistischen Städte im Verhältnis zur klassischen Zeit
einzubinden ist. Gerade Religion und Kulte gelten als
besonders statisch und traditionsorientiert, dennoch lassen sich zahlreiche
Veränderungen (Kultpraxis, Bestellung der Priester und Dauer der Amtsdauer,
Ausgestaltung von Festkultur und Prozessionen, Gestaltung und Strukturierung
der Heiligtümer, Finanzen der Heiligtümer und Vergütung der Priester) beobachten,
die es insbesondere im Hinblick auf den demographischen Wandel in den Städten
(Formierung einer Honoratiorenschicht, Zunahme der Migration und des Anteils an
Fremden in einigen Städten usw.) und des urbanistischen Wandels (neue
Möglichkeiten der Selbstdarstellung durch finanzielles Engagement und Ehrungen
usw.) zu untersuchen gilt. Die zweijährige Arbeit im Schwerpunktprogramm
wird die Themenstellung an den Beispielen der Städte Athen, Priene, Pergamon
und der Insel Kos bearbeiten. Dabei wird Frau Prof. Dr. Horster das Thema der religiösen
Funktionsträger Athens untersuchen, Herr Probst
entsprechend zu den Städten Priene, Pergamon und der Insel Kos forschen. Diese
Städte haben unterschiedliche politische Geschichten, wirtschaftliche und
soziale Rahmenbedingungen sowie religiöse Traditionen. Die Entscheidung für diese Städte fiel wegen
des großen Umfangs und der Art der Überlieferung sowie der intensiven
wissenschaftlichen Diskussion zu diesen Städten.[2] Vor
allem aber ist durch die anderen Teilprojekte im Schwerpunktprogramm zu Athen,
Priene und Pergamon die Chance gegeben, nicht nur mit Experten für diese Städte
Ideen, Forschungen und Ergebnisse zu diskutieren, sondern auch bisher unpublizierte
Forschungen in die Untersuchung einfließen zu lassen. Die enge Zusammenarbeit
mit den klassischen Archäologen ist für eine Reihe von Fragestellungen des beantragten
Projekts von zentraler Bedeutung, so zur Präsenz von Statuen im öffentlichen
Raum, zur Einordnung und Funktion von Weihgaben, zu Baustiftungen und Veränderungen
in Heiligtümern, Gymnasien, Theatern und anderen öffentlichen Räumen sowie der
übergeordneten Fragestellung des Zusammenhangs von urbanistischem Wandel und
sozio-politischen Strukturen. Die Entwicklung des Verhältnisses von
traditionellen ‚öffentlichen‘ Kulten, von neuen Kulten (Herrscherkult, Zunahme
von Heilkulten, ‚orientalischen‘ Kulten/Mysterienkulten) und privaten Kulten
(neben den Kultvereinen auch privat organisierte Heroen- und Totenkulte) wird
ebenfalls untersucht werden. Hierüber verspricht die prosopographische Methode
für die in den jeweiligen Kulten tätigen religiösen Funktionsträgern Aufschluss
zu geben und damit Aussagen über die Akzeptanz, das Ansehen und die
sinnstiftende Kraft dieser Kulte für die Bürgergemeinschaft oder auch einzelne
Gruppen machen zu können. Dies wäre ein wichtiger Beitrag zur Diskussion um die
Umorientierung und Verschiebung religiöser Werte und damit auch des politischen
(für Kulte als Teil der politischen Identität) Engagements der Bürger im Rahmen
einer Polisgemeinschaft. Die Bestandsaufnahme des Materials ist die
Basis für die Analyse des Aspekts der „sozialen Konstruktion“ religiöser
Funktionsträger, also der Einbindung und Prägung der Quellen durch die
jeweiligen sozio-politischen Strukturen, die Sprachkultur, die kulturellen
Praktiken und Symbole, der Darstellung von Werten und Vorstellungen der
Bürgerideale und Bürgeridentitäten. Die Präsenz und Manifestierung dieser
Phänomene im öffentlichen Raum der hellenistischen Poleis bilden dafür den
äußeren Rahmen. Konkretes Ziel des Teilprojekts ist die
Aufarbeitung und Erforschung des Materials der obengenannten Städte unter
dieser Themenstellung und die damit verbundene Präsentation und Publikation
durch Frau Prof. Dr. Horster und Herrn Probst in mehreren Aufsätzen. Parallel
zur Bearbeitung der vier Städte werden die materiellen und schriftlichen
Zeugnisse zu religiösen Funktionsträgern hellenistischer Städte gesammelt und in
die Untersuchung der Einzelfallstudien vergleichend mit einbezogen. Zusätzlich
zu den unten im Arbeitsprogramm vorgesehenen Aufsätzen sind auf der Basis dieses
Materials weitere Beiträge geplant, die über die Untersuchung einzelner Städte
hinausgehend die Gemeinsamkeiten und die Heterogenität der religiösen
Institutionen und die Art ihrer Darstellung als Teil der Bürgeridentität und
Bürgerkultur in hellenistischen Städten thematisieren.
[1] Ich stütze mich
hierbei (wenn auch in abgeschwächter Form) vor allem auf die
wissenssoziologischen Ansätze von P.L. Berger und Th. Luckmann, Die
gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit. Eine Theorie der
Wissenssoziologie, Frankfurt a. M. 1969 (mit zahlreichen Neuauflagen; engl.
Original 1966).
[2] Da einzig Kos bisher nicht im
Schwerpunktprogramm vertreten ist, sei hier auch nur auf einige Publikationen
zu Kos hingewiesen: S.M. Sherwin-White, Ancient Cos. An
Historical Study from the Dorian Settlement to the Imperial Period, Göttingen
1978; K. Höghammar, Scupture and Society: A Study of the Connection between the
Free Standing Sculpture and the Society in the Hellenistic and Augustan
Periods, Uppsala 1993; R. Parker, D. Obbink, Aus der Arbeit der Inscriptiones
Graecae VI: Sales of Priesthoods on Cos I, Chiron 30, 415-449; Sales of
Priesthoods on Cos II, Chiron 31, 229-252.
bs
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Letzte Änderung:
18.07.2008
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