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Soziale Konstruktionen religöser Funktionsträger
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Zusammenfassung

Im Zentrum des Forschungsprojektes steht das Kultpersonal, das in hellenistischen Poleis tätig ist. Die Religion und die damit verbundenen Kultpraktiken und Institutionen gehören konstitutiv zu den griechischen Bürgergemeinschaften. Die verschiedenen Bilder von Priestertümern und anderem Kultpersonal, die die Quellen entwerfen, sind daher von deren gesellschaftlichen Entstehungskontexten nicht zu trennen und können als soziale Konstruktionen bezeichnet werden.[1] Die daraus herauszuarbeitenden kollektiven (und davon manchmal abweichenden individuellen) Vorstellungen lassen ein normatives Bild von Bürgeridentität und Bürgerverhalten entstehen, das in den Gesamtrahmen der sowohl von Kontinuität als auch von Wandel der verschiedenen kulturellen, sozialen und politischen Strukturen geprägten hellenistischen Städte im Verhältnis zur klassischen Zeit einzubinden ist.
Gerade Religion und Kulte gelten als besonders statisch und traditionsorientiert, dennoch lassen sich zahlreiche Veränderungen (Kultpraxis, Bestellung der Priester und Dauer der Amtsdauer, Ausgestaltung von Festkultur und Prozessionen, Gestaltung und Strukturierung der Heiligtümer, Finanzen der Heiligtümer und Vergütung der Priester) beobachten, die es insbesondere im Hinblick auf den demographischen Wandel in den Städten (Formierung einer Honoratiorenschicht, Zunahme der Migration und des Anteils an Fremden in einigen Städten usw.) und des urbanistischen Wandels (neue Möglichkeiten der Selbstdarstellung durch finanzielles Engagement und Ehrungen usw.) zu untersuchen gilt.
In den vier Jahren der Mitarbeit am Schwerpunktprogramm (Juni 2008 bis Ende 2012) wurde die Städte Athen, Priene und die Insel Kos bearbeitet. Diese Städte haben unterschiedliche politische Geschichten, wirtschaftliche und soziale Rahmenbedingungen sowie religiöse Traditionen.
Die Entscheidung für diese Städte fiel wegen des großen Umfangs und der Art der Überlieferung sowie der intensiven wissenschaftlichen Diskussion zu diesen Städten.[2]. Die enge Zusammen­arbeit mit den klassischen Archäologen war für eine Reihe von Fragestellungen des be­antragten Projekts von zentraler Bedeutung, so zur Präsenz von Statuen im öffentlichen Raum, zur Einordnung und Funktion von Weihgaben, zu Baustiftungen und Verän­derungen in Heiligtümern, Gymnasien, Theatern und anderen öffentlichen Räumen sowie der übergeordneten Fragestellung des Zusammenhangs von urbanistischem Wan­del und sozio-politischen Strukturen.
Nicht auf diese drei Städte beschränkt, dafür auf den Kult des Dionysos wurde die Entwicklung des Verhältnisses von traditionellen 'öffentlichen' Kulten und von neuen oder privat-organisierten Kulten. Neben der prosopographischen Methode für die in den jeweiligen Kulten tätigen religiösen Funktionsträgern sind es auch andere Quellen und Methoden, die Aufschluss geben und damit Aussagen über die Akzeptanz, das Ansehen und die sinnstiftende Kraft dieser Kulte für die Bürgergemeinschaft oder auch einzelne Gruppen machen können. Die bisher publizierten Ergebnisse (siehe Liste) wie noch geplanten Publikationen sind ein wichtiger Beitrag zur Diskussion um die Umorientierung und Verschiebung religiöser Werte und damit auch des politischen (für Kulte als Teil der politischen Identität) Engagements der Bürger im Rahmen einer Polisgemeinschaft.
Die Bestandsaufnahme des Materials ist die Basis für die Analyse des Aspekts der „sozialen Konstruktion“ religiöser Funktionsträger, also der Einbindung und Prägung der Quellen durch die jeweiligen sozio-politischen Strukturen, die Sprachkultur, die kulturellen Praktiken und Symbole, der Darstellung von Werten und Vorstellungen der Bürgerideale und Bürgeridentitäten. Die Präsenz und Manifestierung dieser Phänomene im öffentlichen Raum der hellenistischen Poleis bilden dafür den äußeren Rahmen.


[1] Vgl. e.g. P.L. Berger und Th. Luckmann, Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit. Eine Theorie der Wissenssoziologie, Frankfurt a. M. 1969 (mit zahlreichen Neuauflagen; engl. Original 1966).
[2] Da einzig Kos bisher nicht im Schwerpunktprogramm vertreten ist, sei hier auch nur auf einige Publikationen zu Kos hingewiesen: S.M. Sherwin-White, Ancient Cos. An Historical Study from the Dorian Settlement to the Imperial Period, Göttingen 1978; K. Höghammar, Scupture and Society: A Study of the Connection between the Free Standing Sculpture and the Society in the Hellenistic and Augustan Periods, Uppsala 1993; R. Parker, D. Obbink, Aus der Arbeit der Inscriptiones Graecae VI: Sales of Priesthoods on Cos I, Chiron 30, 415-449; Sales of Priesthoods on Cos II, Chiron 31, 229-252.

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Letzte Änderung: 12.04.2012