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Frauen und Mädchen in der Polisöffentlichkeit
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Projektbeschreibung



Ziele

Es soll das gesamte milesische Inschriftenmaterial, das zur Struktur von Bürger- bzw. Neubürgerfamilien aussagekräftig ist, ausgewertet werden unter dem speziellen Fokus auf die Rolle der Frauen, womit sehr viel mehr zu erreichen ist, als eine Vertiefung von 'gender-studies'. Mit einer kompletten und systematischen Untersuchung aller einschlägigen Dokumente zu den Oikos-Polis-Beziehungen sollen diejenigen Ergebnisse in einem angemessenen Rahmen fruchtbar gemacht werden, die schon in zahlreichen Diskussionen zu prosopographischen Fragen gewonnen werden konnten. Milet ist - neben Athen - die einzige hellenistische Polis, die eine derartige Untersuchung gestattet.
Wissenschaftlicher Ertrag wird sich zum einen für die Präzisierung des Bürgerrechts im Milet des 4.-1.Jh.v. Chr. ergeben, darunter zur Frage nach den sog. Bastardkindern und ihrer etwaigen sozialen Deklassierung; zum anderen für die Präzisierung der demographischen Lage dieser Polis bzw. allgemein der Polis in hellenistischer Zeit sowie (damit zusammenhängend) für diverse Aspekte der Zuwanderung nach Milet: für Mobilität, Integration und bürgerliche bzw. nichtbürgerliche Identitäten.

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Forschungsstand

Milesierin   [zoom]
Die althistorische Forschung hat sich seit den 1980er Jahren im Zuge der Frauen- und Geschlechterforschung der Frage nach Familienstrukturen in der Antike zugewendet, wobei der Schwerpunkt zwar in der klassisch-griechischen Welt und der (west)römischen Spätantike lag und liegt (Schaps, Just; Krause), es jedoch auch grundlegende Studien zur Hellenistischen Zeit gab und gibt (Vatin, Pomeroy). Gerade die ältere Vorstellung von einer Dominanz des Privaten im Hellenismus und von einer Entpolitisierung der Bürger infolge einer 'Krise der Polis', durch welche den Frauen mehr Rechte und neue Bewegungsfreiheiten zugewachsen seien, hat die Beschäftigung mit Frauen und der weiblichen Lebenswelt vom späten 4. bis zum späten 1. Jahrhundert v. Chr. angeregt (Stavrianopoulou). Die vergleichsweise günstige Quellenlage sowohl literarischer (nicht zuletzt poetischer) Texte und inschriftlicher Zeugnisse, die freilich zunächst noch nicht intensiv ausgewertet wurden, ist dabei hilfreich gewesen. Inzwischen wird die 'Krise der Polis' sehr viel differenzierter und weder 'das Private' noch eine fehlende Vitalität der hellenistischen Stadt als Signum der Epoche gesehen (vgl. Gehrke 1990; 2007; Weber). Auch hat die Genderforschung für das Alltagsleben von Männern und Frauen so viele Kontinuitäten von der archaisch-klassischen zur hellenistischen Zeit aufgezeigt, dass von einem plötzlichen Bedeutungswandel der Frauen und Familien "um 300 v. Chr." nicht mehr die Rede sein kann (Scheer; Günther).
In den allgemeinen (und für ein breiteres Publikum gedachten) Büchern über 'Frauen in der Antike' wird immer noch "die Frau in der hellenistischen Zeit" am Beispiel von Königinnen der zahlreichen hellenistischen Höfe thematisiert (am liebsten eine Ptolemäerin: vgl. jüngst Hartmann, die allein Arsinoe II. als Beispiel behandelt), zumeist unter Vernachlässigung geschlechterspezifischer Fragestellungen samt ihren jeweiligen Rahmenbedingungen. Indessen hat 2006 E. Stavrianopoulou eine grundlegende Untersuchung zur rechtlichen und sozialen Stellung der Frau auf den Kykladen im Hellenismus (und in der römischen Kaiserzeit) vorgelegt und das facettenreiche vornehmlich epigraphische Quellenmaterial durch ihre Analyse familienrechtliche Verhältnisse für das Themenfeld 'Frauen, Familie und Öffentlichkeit' fruchtbar gemacht. Im Kern geht es um die spezifisch hellenistische Definition des Verhältnisses von Oikos (Haushalt) und Polis (Stadt(-staat)), das in einem Profilierungsprozess zu einer wachsenden politischen Macht von Frauen aus der Honoratiorenschicht führt. Von besonderem Interesse ist diese Studie deshalb, weil sie das breite Spektrum lokaler Variationen der Grundstrukturen im insularen Mikrokosmos aufzeigt. Damit wird evident, dass etwaigen Pauschalisierungen Detailanalysen vorausgehen sollten, wo immer dies möglich ist.
Für die große ionische Metropole Milet fehlt bisher eine entsprechende Studie, obgleich hier ungewöhnlich umfangreiches epigraphisches Material zur Verfügung steht, das bei den deutschen Ausgrabungen seit 1899 zu Tage gekommen ist und immer noch durch Neufunde ergänzt wird. Inzwischen sind die milesischen Inschriften publiziert (Milet VI 1 mit Literaturnachträgen und Übersetzungen zu allen älteren Inschriften aus Milet>; Milet VI 2 <2002> & 3 <2006>: neue Corpusbände mit zahlreichen editiones principes). Somit liegt das Quellenmaterial für weitere Auswertungen aufgearbeitet vor.
Es ist hervorzuheben, dass neben Athen Milet die einzige antike Polis ist, für die ein so umfassendes Quellenmaterial existiert.
Einzelne Inschriftenkomplexe, wie z.B. die 'Kretereinbürgerungen' aus der 2. Hälfte des 3. Jh. v. Chr. oder die finanztechnisch aufschlussreiche 'Bürgeranleihe' von 211/0, sind in der Forschung schon wiederholt behandelt worden und können insofern als 'exemplarisch' gelten für die politische Rolle von Frauen in einer 'fortschrittlichen' hellenistischen Polis-Gesellschaft (Pomeroy 1982, 1997).

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Literaturhinweise

Literaturhinweise
- H.-J. Gehrke, Hellenismus (Oldenbourg Grundriss der Geschichte), München 1990, seither div. Aufl.
- E.Hartmann, Frauen in der Antike. Weibliche Lebenswelten von Sappho bis Theodora, München 2007
- R. Just, Women in Athenian Law and Life, 1986
- J.-U. Krause, Witwen und Waisen im Römischen Reich (4 Bde.), Stuttgart 1994-1995
- D. Ogden, Greek Bastardy in the Classical ald Hellenistic Periods, Oxford 1996
- S. B. Pomeroy, Charities for Greek Women, Mnemosyne 35, 1982, 115-135
- S. B. Pomeroy, Families in Classical and Hellenistic Greece, Oxford 1997
- D. Schaps, Economic Rights for Women in Ancient Greece, Edinburfh 1975
- E. Stavrianopoulou, ?Gruppenbild mit Dame?. Untersuchungen zur rechtlichen und sozialen Stellung der Frau auf den Kykladen im Hellenismus und in der römischen Kaiserzeit, Stuttgart 2006
- T. Scheer, Forschungen über die Frau in der Antike. Ziele, Methoden, Perspektiven, Gymnasium 107, 2000, S. 143-172
- W. Schmitz, Haus und Familie im antiken Griechenland, Oldenburg 2007 (="""Enzyklopädie""" der griechisch-römischen Antike, Bd.1)
- C. Vatin, Recherches sur le mariage et la condition de la femme mariée à l?époque hellénistique, Paris 1970
- G. Weber (Hg.), Kulturgeschichte des Hellenismus, Stuttgart 2007
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Eigene thematisch einschlägige Publikationen

Eigene thematisch einschlägige Publikationen

- Zur Familien- und Haushaltsstruktur im hellenistischen Kleinasien (am Beispiel zweier Inschriften aus Milet und Ilion), in: Studien zum antiken Kleinasien II (="""Asia""" Minor Studien 8) Münster 1992, 23-40
- Witwen in der griechischen Antike ? zwischen Oikos und Polis, Historia 42, 1993, 308-325
- Eine familienstolze Hydrophoren-Mutter: die Tantenschaft der Julia Hostilia Rheso (IvDidyma 372), Tyche 11, 1996, 113-121
- Rezension zu: S. B. POMEROY, Families in Classical and Hellenistic Greece (Oxford 1997): Klio 82, 2000, 231-232
- Geschlechterrollen bei Ammianus Marcellinus, in: R. Rollinger/ Chr. Ulf (Hgg.), Geschlechterrollen und Frauenbild in der Perspektive antiker Autoren, Innsbruck u.a. 1999 <2000>, 57-86
- Geschlechterrollen im Werk des Flavius Arrianus, in: R. Rollinger/ Chr. Ulf (Hgg.), Geschlechter ? Frauen ? fremde Ethnien in antiker Ethnographie, Theorie und Realität, Innsbruck 2002 <2003>, 436-450
- Frauenbild und Geschlechterrollen bei Theophylaktos Simokattes, in: R. Rollinger/ Chr. Ulf (Hgg.), Frauen und Geschlechter. Bilder ? Rollen ? Realitäten in den Texten antiker Autoren zwischen Antike und Mittelalter, Wien u.a. 2006, S. 295-305
- Familien und Geschlechterverhältnisse, in: G. Weber (Hg.), Kulturgeschichte des Hellenismus, Stuttgart 2007 S. 118-138
- Bürgersfrau oder Hetäre? Zum Frauenbild bei Herondas und Theokrit,
P. Mauritsch u.a. (Hgg.), Antike Lebenswelten. Konstanz ? Wandel ? Wirkungsmacht, Festschrift für Ingomar Weiler, Wiesbaden 2008, S. 265-276
- Rezension zu: E. STAVRIANOPOULOU, ?Gruppenbild mit Dame?. Untersuchungen zur rechtlichen und sozialen Stellung der Frau auf den Kykladen im Hellenismus und in der römischen Kaiserzeit, (Stuttgart 2006): HZ 285, 2007, S.160-162
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Letzte Änderung: 15.07.2009