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Vorläufige Ergebnisse und Arbeitshypothesen
1)
Forschungen
zu Tempeln in Magnesia am Mäander
In
der Anfangsphase des Projekts bezogen sich die Recherchen auf die beiden
hellenistischen Tempelbauten von Magnesia am Mäander. Da hier neben den
Architekturresten auch eine aufschlussreiche und viel diskutierte
inschriftliche Überlieferung zu Geschichte und Nutzung der Tempel zur Verfügung
steht, eigneten sich die Tempel der Artemis und des Zeus Sosipolis, um
methodische Wege zu erproben, Chancen und Grenzen des Projektes auszuloten.
Darüber wurde beim Netzwerktreffen "Urbane Infrastruktur" am 21./22.
November 2008 in München diskutiert (s. auf der Seite
"Veranstaltungen" den kurzen Bericht zur Tagung).
2)
Forschungen
zu Tempeln von Pergamon
Im Rahmen der Recherchen zur Residenzstadt Pergamon ergaben
sich neue Gesichtspunkte und Fragen insbesondere mit Blick auf zwei
Heiligtümer, deren bauliche Entwicklung stark durch ihre Tempel geprägt wurde:
das Heiligtum der Athena und das Heiligtum der Demeter. Die Tempel, in der Zeit
des späten 4. Jhs. v. Chr. bzw. unter der
Regierung des Philetairos entstanden, sind im Sinne der inhaltlichen
Ausrichtung des Schwerpunktprogramms deswegen von großem Interesse, weil sie Aufschluss
zu geben scheinen über das Verhältnis zwischen Königsherrschaft und Polis.
a)
Athenaheiligtum
Der Tempel der Athena, das älteste erhaltene Monument
innerhalb des Heiligtums und eines der ältesten der Stadt, ist an Hand seiner
baulichen Merkmale zeitlich kaum exakt einzuordnen. Datierende archäologische
Befunde wurden bei der alten Ausgrabung nicht beobachtet. So schwanken die
Datierungen zwischen dem fortgeschrittenen 4. Jh. v. Chr. und der Regierungszeit
des Philetairos (281-263 v. Chr.), wobei meist externe Anhaltspunkte für das
frühere oder spätere Datum gesucht werden. Eine wichtige Rolle spielen in dieser
Diskussion die Darstellungen eines archaistischen Athenabildes auf
pergamenischen Goldstateren, deren Avers den Herakleskopf trägt. Wenigstens ein
Exemplar dieser Prägung gehörte zu einem sidonischen Hortfund, für den mit
einiger Gewissheit die Zeit um 320 v. Chr. als terminus ante quem angegeben werden kann (Westermark 1979/80). Es
ist keineswegs sicher, dass das palladionartige Bild der Münzen mit dem
Kultbild des Athenatempels identisch ist, noch weniger, ob die Emission der
Münzen aus Anlass des Tempelbaus erfolgte. Ein Zusammenhang zwischen beiden ist
dennoch wahrscheinlich, da Münzen und Tempelbau auch unabhängig voneinander in
wenigstens ungefähr denselben Zeitraum datiert werden können.
Vor diesem Hintergrund hat man Überlegungen zu den Auftraggebern
des Tempelbaus angestellt. Grundlegend ging man dabei von der Hypothese aus,
dass derjenige, der den Bau des Tempels veranlasst hatte, auch die Münzen
emittieren ließ. Der Gedanke findet sich explizit etwa bei E. Ohlemutz (1940,
22), der allerdings die Münzen in die Zeit von Lysimachos und Philetairos
datierte. Auf Grund der revidierten Chronologie kam H.-J. Schalles (1985, bes.
15-19) auf eine Deutung von J.-P. Six (1890, 198-201) zurück, wonach der Kopf
des Herakles auf den gleichnamigen, illegitimen seinerzeit in Pergamon
ansässigen Sohn Alexanders hinweise. Dieser bzw. seine Mutter Barsine, die
persische Geliebte des Königs, habe den Tempel und das dem Palladion von Ilion
nachempfundene Kultbild ganz im Sinne religionspolitischer Vorstellungen Alexanders
gestiftet. Schalles räumt zwar ein, dass es sich bei der fraglichen
Münzserie „unzweifelhaft um eine städtische Prägung handelt“, sieht die
Autonomie der Polis Pergamon in der Alexanderzeit wie unter den Attaliden aber als
bloßen Schein, hinter dem sich die tatsächlichen politischen Akteure verborgen
hätten (1985, 17). Nun weist jedoch O. Mørkholm (1991, 94) darauf hin, dass es
sich bei den pergamenischen Palladion-Stateren um eine jener Emissionen
handelte, die in der Alexanderzeit und in teilweiser Angleichung an königliche
Prägungen zum Ersatz älterer Elektron- und Goldwerte für die Erfordernisse des
Schwarzmeerhandels von Städten der Propontis-Region und angrenzender Gebiete
Kleinasiens geprägt worden seien. Das Fehlen einer Münzlegende erkläre sich aus
eben dieser Tradition der Gold- und Elektronmünzen. Diese Beobachtung ist
folgenreich und spricht deutlich gegen die Interpretation von Six und Schalles:
Kann man demnach doch nicht davon auszugehen, dass der Herakleskopf im Avers
ein „type parlant“ sei, der auf den Alexandersohn hinweise und die
„Inschriftlosigkeit“ nur eine Vorsichtsmaßnahme des „öffentlich
zurückgesetzten“ Herakles. Vielmehr dürfte die Münzreihe tatsächlich in der
Verantwortung der Polis Pergamon, angelehnt an Prägungen der Münzstätten z.B.
von Abydos und Lampsakos emittiert worden sein. Insofern besteht wenig Anlass,
den Alexandersohn als Stifter des Tempelbaus anzusehen.
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| PergamonAthenaheiligtumPlanA
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Dass der Tempelbau eine
Unternehmung der Polis Pergamon war und im Bewusstsein der Bürger ein
städtisches Monument blieb, lässt sich auch auf anderem Wege wahrscheinlich
machen. Dabei ist insbesondere auf die Position des Tempels im Heiligtum zu
achten. Er war möglichst nahe an die alte, vorphiletairische Burgmauer heran
geschoben, wahrscheinlich nicht allein aus Platzmangel – diese Annahme ist
jedenfalls unbewiesen –, sondern aus dem Bestreben heraus, er solle möglichst
weithin sichtbar sein. Der Altar zum Tempel ist nicht erhalten. Dass es einen
Altar der Athena auf der Akropolis gegeben hat, geht aber zweifelsfrei aus
einer inschriftlich überlieferten Kultsatzung hervor (IvP 255, Z. 26-27). Es spricht nun Manches dafür, dass sich dieser Altar
südlich des Tempels befunden hat. Pläne und Beischreibungen bei R. Bohn zeigen,
dass sich hier ein gepflastertes Areal anschloss, das durch die Ausrichtung der
Pflasterplatten klar vom umliegenden Heiligtumsgelände unterschieden war (AvP 2,
23 u. Taf. 3). Diese Pflasterung dürfte den ursprünglichen Tempelbezirk markiert
haben, wie er bis zur Erweiterung und Monumentalisierung des Heiligtums durch
Attalos I. und Eumenes II. bestanden hatte. Die im Zuge dieser Maßnahmen errichteten
Bauten, vor allem die rahmenden Stoai, folgen bezeichnenderweise nicht der
Ausrichtung des Tempels, sondern sind eher an den Peristylkomplexen des
Palastes orientiert (vgl. Lauter 1986, 109). Städtische und königliche Bauten
ließen sich nach diesem Kriterium auseinanderhalten. Es blieb innerhalb des vom
Königtum geförderten und geprägten Heiligtums ein Bereich erkennbar, der dem
ursprünglichen, poliadischen Kult gehörte.
Einen Gegensatz zwischen Polis und
Königtum haben die Zeitgenossen an der baulichen Einbindung des Athenatempels
wohl kaum festgemacht. Eine Unterscheidung verschiedener Formen und Ebenen des
Athenakultes zeigt sich aber ebenso in den zwei wichtigsten Kultnamen der Göttin:
Polias heißt sie nie in den
Inschriften der Könige, die sie vielmehr als Nikephoros ansprechen (Ohlemutz 1940, 25 Anm. 25); in
Volksbeschlüssen der hellenistischen Zeit hingegen wird Athena als Polias (z.B. IvP 223, 156 v. Chr.) oder Polias kai Nikephoros (z.B. IvP 226,
149/148 v. Chr.) angesprochen. Offenbar war Athena im Rahmen des städtischen
Kultes das eine, für die Siegesfeiern der Dynastie das andere. Der Tempel, so
bleibt zu folgern, war gewiss der Polias
geweiht.
b)
Demeterheiligtum
Im Fall des Demeterheiligtums ist
der Tempel durch die Inschrift auf dem Architrav eindeutig als Stiftung des
Philetairos und seines Bruders Eumenes im Namen von beider Mutter, Boas,
ausgewiesen (Hepding 1910, 437 f. Nr. 22). Anders als
beim Athenaheiligtum lassen sich jedoch durchaus noch einige ältere,
vorphiletairische Strukturen erkennen. Es stellt sich daher die Frage, wie der
Tempelbau und damit verbundene weitere Architekturstiftungen das
Erscheinungsbild des Heiligtums verändert und den Kultbetrieb fortan geprägt
haben. Hierzu ist zunächst das Verhältnis zur älteren Bebauung zu klären.
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PergamonDemeterheiligtumPlan
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Wegen der Position des Tempels,
die aus der Achse des Heiligtums (in seiner endgültigen Größe und Gestalt) deutlich
nach Süden verschoben ist, wird im Allgemeinen angenommen, er sei an der Stelle
eines Vorgängerbaus errichtet, die Wahl des Bauplatzes mithin durch den Wunsch
nach Ortskontinuität bestimmt gewesen. Allerdings ist ein von der
vorphiletairischen südlichen Begrenzungs- und Stützmauer abzweigender Mauerzug bei
Grabungen unterhalb des Tempelpronaos angetroffen worden (sog. Mauerzug G-G:
AvP 13, 11 f. 49 f. Taf. 33. 40). Der Vorgänger, so es einen gab, muss demnach
anderswo gesucht werden und / oder anders orientiert gewesen sein (Kasper 1966,
437).
Die Ausdehnung des Temenos in der
Frühzeit ist auf Grundlage der Forschungen von W. Dörpfeld (1910, 355-384; 1912,
247-255) und C. H. Bohtz (AvP 13) relativ gut zu rekonstruieren, was kürzlich
nochmals von C. Piok Zanon (2007) unternommen wurde. Demnach muss sich das
Heiligtum im Osten bis zur Höhe des mittleren Treppengangs der wahrscheinlich
philetairischen Sitzstufenanlage (an der Nordseite des Areals) erstreckt und
die Altäre B, C und D eingeschlossen haben, während Altar E wohl in einem Vorhof
lag. Im Osten reichen südliche und nördliche Stützmauern der vorphiletairischen
Demeterterrasse wenigstens bis zur Höhe der späteren Tempelrückwand. Es ist, wegen des oben bereits erwähnten
Mauerzuges G-G, möglich oder sogar wahrscheinlich, dass der östliche Bereich
der Terrasse von dem Areal um die Altäre separiert war. Die vorphiletairische
Struktur des Heiligtums könnte demnach derjenigen der mittleren Terrasse des
Heiligtums für Demeter und Kore von Akrokorinth vergleichbar gewesen sein
(Bookidis – Stroud 1997, bes. 64-73). Auch diese war in
spätklassisch-hellenistischer Zeit offenbar dreigeteilt, ohne klaren
architektonischen Focus, aber mit einem zentralen, offenen Bereich, auf den
eine oberhalb gelegene Stufenanlage ausgerichtet war, die Plätze für Zuschauer
von kultischen Zeremonien bot.
Die Längsachse ist demnach in der
Frühzeit des Heiligtums von Pergamon nicht die einzige oder dominante Achse
gewesen. Vielmehr ist ein ‚plurifokales‘ Heiligtum mit separierten Räumen für
verschiedene Arten von Kulthandlungen anzunehmen. Dieser Zustand wird durch den
Bau des Tempels radikal verändert: Seine Fassade und der davor gelegene,
ebenfalls von Philetairos und Eumenes für Boa gestiftete Altar A (Hepding 1910,
438 Nr. 23; Kasper 1972) bilden nun die bauliche und kultische Folie für
sämtliche Aktivitäten im Heiligtum. Dennoch bleiben vereinzelte kreuzende
Handlungsachsen erkennbar. Der Altar B beispielsweise ist, wie man an einer
südlich angefügten Auftrittsfläche erkennen kann, weiterhin auf die Sitzstufenanlage
hin ausgerichtet gewesen (vgl. Dörpfeld 1912, 248). Letztlich war die
‚Sogwirkung‘ des Tempels aber offensichtlich stärker. Der Bau der langen
Südstoa und der oberen Nordstoa, die beide in den Rahmen von Stiftungen der
Königin Apollonis in der ersten Hälfte des 2. Jhs. v. Chr. fallen dürften,
schließt nicht nur das Heiligtum nach außen hin ab und verleiht ihm eine
Fernwirkung, die etwa mit jener der Theaterterrasse konkurrieren konnte. Vor
allem legte er die zuvor bereits vom Tempel definierte Längsachse als nunmehr
einzig relevante Handlungsachse fest. Der Eingriff der Monarchen in die
architektonische Ordnung des Heiligtums bereicherte diese nicht nur um einen
monumentalen Kultbau, den es so zuvor nicht gab, sondern hatte weiter reichende
Folgen auch für die Strukturierung des Kultbetriebs.
c)
Zitierte Literatur:
AvP 2: R.
Bohn, Das Heiligtum der Athena Polias Nikephoros, Altertümer von Pergamon (AvP)
2 (Berlin 1885); AvP 13: C. H. Bohtz, Das Demeter-Heiligtum, AvP 13 (Berlin
1981); N. Bookidis – R. Stroud, The Sanctuary of Demeter and Kore. Topography and Architecture, Corinth
18, 3 (Princeton 1997); W.
Dörpfeld, Die Arbeiten zu Pergamon 1908-1909. 1, Die Bauwerke, Mitteilungen des
Deutschen Archäologischen Instituts, Abt. Athen (AM) 35, 1910, 346-400; W. Dörpfeld,
Die Arbeiten zu Pergamon 1910-1911. 1, Die Bauwerke, AM 37, 1912, 235-276; H.
Hepding, Die Arbeiten zu Pergamon 1908-1909. 2, Die Inschriften, AM 35, 1910,
401-493; IvP: M. Fränkel, Die Inschriften von Pergamon, AvP 8, 1-2 (Berlin
1890/1895); S. Kasper, Demeterterrasse,
AA 1966, 436-438; S. Kasper, Zum großen Altar der Demeterterrasse in Pergamon,
in: E. Boehringer (Hrsg.), Pergamon. Gesammelte Aufsätze, Pergamenische
Forschungen 1 (Berlin 1972) 69-93; H. Lauter, Die Architektur des Hellenismus
(Darmstadt 1986); O.
Mørkholm, Early
Hellenistic Coinage (Cambridge 1991); E. Ohlemutz, Die Kulte und Heiligtümer
der Götter in Pergamon (Würzburg 1940; Nachdr. Darmstadt 1968); C. Piok Zanon,
Dank an Demeter. Neue Gedanken zu Architektur und Bedeutung des Demeter-Kultes
in Pergamon, IstMitt 57, 2007, 323-364; H.-J. Schalles, Untersuchungen zur
Kulturpolitik der pergamenischen Herrscher im 3. Jahrhundert v. Chr.,
Istanbuler Forschungen 36 (Tübingen 1985); J. P. Six, Monnaies grecques,
inédites et incertaines, Numismatic Chronicle 1890, 185-259; U. Westermark,
Notes on the Saida Hoard (ICGH 1508), Nordisk Numismatisk Årsskrift /
Scandinavian Numismatic Journal 1979-1980, 22-35
3) Forschungen zur Nutzung der Innenräume griechischer Tempel in hellenistischer Zeit
Erste Ergebnisse zu diesem Fragenkomplex sind auf dem Plenarkolloquium im November 2009 sowie beim Treffen des Netzwerks "Urbane Infrastruktur" im Februar 2010 vorgestellt worden. Kurze Zusammenfassungen finden sich unter der Rubrik "Veranstaltungen".
4) Forschungen zum
Letoon bei Xanthos
Das Letoon bietet durch seine Lage abseits des - im engeren
Sinne gesehen - griechischen Kulturraumes eine wichtige neue Perspektive für
die Erforschung von Tempelbauten des Hellenismus. Zudem liegt bislang noch
keine umfassende und aktuelle Darstellung der Entwicklung dieses extraurbanen
Heiligtums und seiner Tempel im Hellenismus vor, so dass versucht werden soll,
die seit den frühen 60er Jahren von französischer Seite betriebenen Forschungen
im Sinne des Projektes zusammenfassend zu beurteilen
Auf einem natürlichen Felsgrat, der nach Osten hin durch
umfangreiche Abarbeitungen des ansteigenden Hügels zusätzlich erweitert wurde,
liegen im Zentrum des Heiligtums die Tempel der Leto, der Artemis und des
Apollon (in dieser Reihenfolge von West nach Ost).
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| Letoon_Tempelterasse von O
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a)
Letotempel
Der Errichtung des hellenistischen Letotempels galt bislang durch
einen in der Nähe der Schwelle gefundenen „Münzhort“, der um die Mitte des 2.
Jh. schließt, als fest datiert (Hansen –
Le Roy 1976, 321 ff.). Eine unlängst erfolgte Neubewertung dieser und
der in späteren Jahren innerhalb des Tempels gefundenen Münzen ergibt jedoch
ein wesentlich differenzierteres Bild und lässt zudem Zweifel an der
Geschlossenheit des Befundes aufkommen (Marcellesi
2007, 88 ff.). Weiter unterstützt wird die Datierung in das 2. Jh. v.
Chr. jedoch zusätzlich durch die Untersuchung der Bauornamentik, die ihre
engsten Parallelen im späten Hellenismus findet.
Im Inneren der Cella brachten die Ausgrabungen die Reste
eines Vorgängerbaus zum Vorschein. Dieser frühere Kultbau, bei dem es sich
wahrscheinlich um eine Stiftung des lykischen Potentaten Arbinas aus der Zeit
um 400 v. Chr. handelt, weicht in seiner Ausrichtung leicht vom hellenistischen
Tempel ab.
b)
Artemistempel
Der kleinste der drei Tempel hat, wie auch der benachbarte
Apollontempel, besonders stark unter dem nachantiken Steinraub gelitten. Die
wenigen erhaltenen Bauteile sind von hoher Qualität, was in der Vergangenheit
dazu geführt hat den Tempel teils noch in das 4. Jh. v. Chr. datieren zu wollen
(Des Courtils 2003, 148).
Eine Neubewertung der Bauornamentik legt
jedoch auch für ihn eine Datierung in das 2. Jh. v. Chr. nahe.
Die Cella des Tempels wurde um den im Norden noch über einen
Meter hoch anstehenden gewachsenen Fels errichtet. Deutliche Abarbeitungen an
zwei Seiten dieses Felsens ermöglichen es hier einen Vorgängerbau zu rekonstruieren,
der in seiner Ausrichtung ebenfalls vom Nachfolgebau abwich.
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| Letoon_Vorgänger_Apollontemp
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c)
Apollontempel
Den östlichen Abschluss der Heiligtumsterrasse bildet ein dorischer
Ringhallentempel. Im südlichen Teil der Cella ist ein Tessera-Mosaik mit
apollinischen Motiven in den Boden eingesetzt, das stilistisch etwa in das 2.
Jh. v. Chr. zu datieren ist. Die zeitliche Stellung des Mosaiks zur Errichtung
des dorischen Tempel ist jedoch äußerst problematisch ist, weshalb es nicht
selbst für eine Datierung der Bauzeit herangezogen werden kann. Vereinzelte
Reste der Bauornamentik weisen jedoch darauf hin, dass auch dieser Tempel im
Späthellenismus entstanden sein muss.
Auf dem gleichen Niveau mit dem hellenistischen Mosaik fand
sich im Inneren der Cella der gut erhaltene steinerne Unterbau eines in
lykischer Tradition konstruierten Holztempels. Die Ausrichtung unterscheidet
sich erneut leicht von dem Neubau und entspricht in etwa dem Vorgängerbau des
Artemistempels.
d)
Bewertung
Trotz der Unsicherheiten in Hinsicht auf die genaue Datierung
der drei hellenistischen Tempel zeichnet sich dennoch deutlich die bauliche Geschlossenheit
des Ensembles ab. Hierdurch wird wahrscheinlich, dass im späten Hellenismus eine
groß angelegte Neugestaltung des Heiligtums erfolgte. Im Zuge dessen wurden die
drei alten, noch in lykischer Tradition stehenden Tempel, die wahrscheinlich
unter Arbinas in eine erste Stufe der „Hellenisierung“ des Heiligtums errichtet
wurden, durch Neubauten ersetzt. Diese neuen Tempel, deren Fertigstellung sich
vielleicht bis in das 1. Jh. v. Chr. hinein erstreckte, entsprechen äußerlich
nunmehr ganz dem griechisch-hellenistischen Baustil ihrer Zeit.
Als Zeitpunkt für den Beginn eines solchen umfassenden
Bauprogramms wurde bereits früher die wieder gewonnene Unabhängigkeit Lykiens von
der rhodischen Fremdherrschaft (nach 167 v. Chr.) angenommen (Le Roy 1991, 141
ff.). Erst nach diesem Ereignis tritt der Lykische Bund regelmäßig
inschriftlich und historisch als starkes und autonom handelndes politisches Gemeinwesen
in Erscheinung (Behrwald 2000, 105 ff.). Die umfangreiche Neugestaltung und
Modernisierung dieses wichtigen lykischen Heiligtums kann somit vielleicht als Versinnbildlichung
der neu gewonnenen Souveränität verstanden werden.
Ein weiterer wichtiger Aspekt der Umbaumaßnahmen ist die
besondere Art, mit der die klassisch-lykischen Vorgänger in die neuen Tempel
einbezogen werden. Bei der Vereinheitlichung der unterschiedlichen
Ausrichtungen der Vorgänger wurde sorgsam darauf geachtet, dass sich der Grundriss
(bzw. im Fall des Artemistempels der anstehende Fels) komplett innerhalb der
neuen Cella befindet. Beim Apollontempel hat man dies sogar genutzt, um den
Vorgängerbau zumindest in Teilen innerhalb des Nachfolgers sichtbar zu machen. Unter
den in der Antike ansonsten üblichen Formen der Bewahrung und Zurschaustellung altehrwürdiger
Bauten (Buchert 2000; Hartmann 2010, 166 ff.) nimmt dieser Fall eine
Sonderstellung ein. Anders als z. B. im Falle des archaischen Naiskos des
Artemisions von Ephesos, das evtl. im Zuge des spätklassischen Wiederaufbaus
seine alte Funktion beibehielt, scheint eine gezielte ‚kultische‘ Weiternutzung
im Apollontempel nicht angestrebt worden zu sein. Wenig plausibel ist auch, in
dem Einbezug der alten Fundamente (sowie evtl. noch sichtbarer Resten der
aufgehenden Holzkonstruktion?) eine ‚denkmalpflegerische/konservatorische‘ Maßnahme
zu sehen, wie dies für die steinerne Ummantelung des aus Lehmziegeln
bestehenden ersten Apollontempels von Kyrene in der zweiten Bauphase vermutet wird.
Entscheidend dürfte vielmehr die Visualisierung des Altehrwürdigen innerhalb
des neuen Kultbaus gewesen sein. In dieser Form funktionieren die Überreste des
alten Apollontempels als Beweis für die lange Tradition des Kultes an dieser
Stelle, bezeugt durch die Überreste eines ‚primitiven‘ Holzbaus. Eine derartige
Konstruktion mag im Falle des Letoons von besonderer Bedeutung gewesen sein, da
die interpretatio graeca der ehemals
hier verehrten lykischen Götter wahrscheinlich erst im ausgehenden 5. Jh. v.
Chr. erfolgte, die mythische Legitimation aber auf deutlich weiter
zurückliegende Zeiten zurückgreift.
e)
Literatur zum Letoon
R. Behrwald, Der
lykische Bund. Untersuchungen zu Geschichte und Verfassung, Antiquitas. Reihe
1, Abhandlungen zur Alten Geschichte 48 (Bonn 2000); U. Buchert, Denkmalpflege
im antiken Griechenland (Frankfurt a. M. 2000); J. Des Courtils, A guide to
Xanthos et du Létoôn (Istanbul 2003); E. Hansen – C. Le Roy, Au Létôon de
Xanthos. Les deux temples de Léto, RA 1976, 317–336; A. Hartmann, Zwischen
Relikt und Reliquie. Objektbezogene Erinnerungspraktiken in antiken
Gesellschaften (Berlin 2010); C. Le Roy, Le développement monumental du Létôon
de Xanthos, RA 1991, 341–351; M.-C. Marcellesi, Le "trésor" du temple
du Létôon de Xanthos (1975-2002). Les monnaies rhodiennes et la circulation
monétaire en Lycie à la basse époque hellénistique, RN 163, 2007, 45–90.
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Letzte Änderung:
18.11.2010
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