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Griechische Tempel im Hellenismus
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Arbeitsberichte 2008-2011

1) Forschungen zu Tempeln in Magnesia am Mäander
In der Anfangsphase des Projekts bezogen sich die Recherchen auf die beiden hellenistischen Tempelbauten von Magnesia am Mäander. Da hier neben den Architekturresten auch eine aufschlussreiche und viel diskutierte inschriftliche Überlieferung zu Geschichte und Nutzung der Tempel zur Verfügung steht, eigneten sich die Tempel der Artemis und des Zeus Sosipolis, um methodische Wege zu erproben, Chancen und Grenzen des Projektes auszuloten. Darüber wurde beim Netzwerktreffen "Urbane Infrastruktur" am 21./22. November 2008 in München diskutiert (s. auf der Seite "Veranstaltungen" den kurzen Bericht zur Tagung).

2) Forschungen zu Tempeln von Pergamon
Im Rahmen der Recherchen zur Residenzstadt Pergamon ergaben sich neue Gesichtspunkte und Fragen insbesondere mit Blick auf zwei Heiligtümer, deren bauliche Entwicklung stark durch ihre Tempel geprägt wurde: das Heiligtum der Athena und das Heiligtum der Demeter. Die Tempel, in der Zeit des späten 4. Jhs. v. Chr. bzw. unter der Regierung des Philetairos entstanden, sind im Sinne der inhaltlichen Ausrichtung des Schwerpunktprogramms deswegen von großem Interesse, weil sie Aufschluss zu geben scheinen über das Verhältnis zwischen Königsherrschaft und Polis.

a) Athenaheiligtum
Der Tempel der Athena, das älteste erhaltene Monument innerhalb des Heiligtums und eines der ältesten der Stadt, ist an Hand seiner baulichen Merkmale zeitlich kaum exakt einzuordnen. Datierende archäologische Befunde wurden bei der alten Ausgrabung nicht beobachtet. So schwanken die Datierungen zwischen dem fortgeschrittenen 4. Jh. v. Chr. und der Regierungszeit des Philetairos (281-263 v. Chr.), wobei meist externe Anhaltspunkte für das frühere oder spätere Datum gesucht werden. Eine wichtige Rolle spielen in dieser Diskussion die Darstellungen eines archaistischen Athenabildes auf pergamenischen Goldstateren, deren Avers den Herakleskopf trägt. Wenigstens ein Exemplar dieser Prägung gehörte zu einem sidonischen Hortfund, für den mit einiger Gewissheit die Zeit um 320 v. Chr. als terminus ante quem angegeben werden kann (Westermark 1979/80). Es ist keineswegs sicher, dass das palladionartige Bild der Münzen mit dem Kultbild des Athenatempels identisch ist, noch weniger, ob die Emission der Münzen aus Anlass des Tempelbaus erfolgte. Ein Zusammenhang zwischen beiden ist dennoch wahrscheinlich, da Münzen und Tempelbau auch unabhängig voneinander in wenigstens ungefähr denselben Zeitraum datiert werden können.
Vor diesem Hintergrund hat man Überlegungen zu den Auftraggebern des Tempelbaus angestellt. Grundlegend ging man dabei von der Hypothese aus, dass derjenige, der den Bau des Tempels veranlasst hatte, auch die Münzen emittieren ließ. Der Gedanke findet sich explizit etwa bei E. Ohlemutz (1940, 22), der allerdings die Münzen in die Zeit von Lysimachos und Philetairos datierte. Auf Grund der revidierten Chronologie kam H.-J. Schalles (1985, bes. 15-19) auf eine Deutung von J.-P. Six (1890, 198-201) zurück, wonach der Kopf des Herakles auf den gleichnamigen, illegitimen seinerzeit in Pergamon ansässigen Sohn Alexanders hinweise. Dieser bzw. seine Mutter Barsine, die persische Geliebte des Königs, habe den Tempel und das dem Palladion von Ilion nachempfundene Kultbild ganz im Sinne religionspolitischer Vorstellungen Alexanders gestiftet. Schalles räumt zwar ein, dass es sich bei der fraglichen Münzserie „unzweifelhaft um eine städtische Prägung handelt“, sieht die Autonomie der Polis Pergamon in der Alexanderzeit wie unter den Attaliden aber als bloßen Schein, hinter dem sich die tatsächlichen politischen Akteure verborgen hätten (1985, 17). Nun weist jedoch O. Mørkholm (1991, 94) darauf hin, dass es sich bei den pergamenischen Palladion-Stateren um eine jener Emissionen handelte, die in der Alexanderzeit und in teilweiser Angleichung an königliche Prägungen zum Ersatz älterer Elektron- und Goldwerte für die Erfordernisse des Schwarzmeerhandels von Städten der Propontis-Region und angrenzender Gebiete Kleinasiens geprägt worden seien. Das Fehlen einer Münzlegende erkläre sich aus eben dieser Tradition der Gold- und Elektronmünzen. Diese Beobachtung ist folgenreich und spricht deutlich gegen die Interpretation von Six und Schalles: Kann man demnach doch nicht davon auszugehen, dass der Herakleskopf im Avers ein „type parlant“ sei, der auf den Alexandersohn hinweise und die „Inschriftlosigkeit“ nur eine Vorsichtsmaßnahme des „öffentlich zurückgesetzten“ Herakles. Vielmehr dürfte die Münzreihe tatsächlich in der Verantwortung der Polis Pergamon, angelehnt an Prägungen der Münzstätten z.B. von Abydos und Lampsakos emittiert worden sein. Insofern besteht wenig Anlass, den Alexandersohn als Stifter des Tempelbaus anzusehen.
PergamonAthenaheiligtumPlanA   [zoom]

Dass der Tempelbau eine Unternehmung der Polis Pergamon war und im Bewusstsein der Bürger ein städtisches Monument blieb, lässt sich auch auf anderem Wege wahrscheinlich machen. Dabei ist insbesondere auf die Position des Tempels im Heiligtum zu achten. Er war möglichst nahe an die alte, vorphiletairische Burgmauer heran geschoben, wahrscheinlich nicht allein aus Platzmangel – diese Annahme ist jedenfalls unbewiesen –, sondern aus dem Bestreben heraus, er solle möglichst weithin sichtbar sein. Der Altar zum Tempel ist nicht erhalten. Dass es einen Altar der Athena auf der Akropolis gegeben hat, geht aber zweifelsfrei aus einer inschriftlich überlieferten Kultsatzung hervor (IvP 255, Z. 26-27). Es spricht nun Manches dafür, dass sich dieser Altar südlich des Tempels befunden hat. Pläne und Beischreibungen bei R. Bohn zeigen, dass sich hier ein gepflastertes Areal anschloss, das durch die Ausrichtung der Pflasterplatten klar vom umliegenden Heiligtumsgelände unterschieden war (AvP 2, 23 u. Taf. 3). Diese Pflasterung dürfte den ursprünglichen Tempelbezirk markiert haben, wie er bis zur Erweiterung und Monumentalisierung des Heiligtums durch Attalos I. und Eumenes II. bestanden hatte. Die im Zuge dieser Maßnahmen errichteten Bauten, vor allem die rahmenden Stoai, folgen bezeichnenderweise nicht der Ausrichtung des Tempels, sondern sind eher an den Peristylkomplexen des Palastes orientiert (vgl. Lauter 1986, 109). Städtische und königliche Bauten ließen sich nach diesem Kriterium auseinanderhalten. Es blieb innerhalb des vom Königtum geförderten und geprägten Heiligtums ein Bereich erkennbar, der dem ursprünglichen, poliadischen Kult gehörte.
Einen Gegensatz zwischen Polis und Königtum haben die Zeitgenossen an der baulichen Einbindung des Athenatempels wohl kaum festgemacht. Eine Unterscheidung verschiedener Formen und Ebenen des Athenakultes zeigt sich aber ebenso in den zwei wichtigsten Kultnamen der Göttin: Polias heißt sie nie in den Inschriften der Könige, die sie vielmehr als Nikephoros ansprechen (Ohlemutz 1940, 25 Anm. 25); in Volksbeschlüssen der hellenistischen Zeit hingegen wird Athena als Polias (z.B. IvP 223, 156 v. Chr.) oder Polias kai Nikephoros (z.B. IvP 226, 149/148 v. Chr.) angesprochen. Offenbar war Athena im Rahmen des städtischen Kultes das eine, für die Siegesfeiern der Dynastie das andere. Der Tempel, so bleibt zu folgern, war gewiss der Polias geweiht.

b) Demeterheiligtum
Im Fall des Demeterheiligtums ist der Tempel durch die Inschrift auf dem Architrav eindeutig als Stiftung des Philetairos und seines Bruders Eumenes im Namen von beider Mutter, Boas, ausgewiesen (Hepding 1910, 437 f. Nr. 22). Anders als beim Athenaheiligtum lassen sich jedoch durchaus noch einige ältere, vorphiletairische Strukturen erkennen. Es stellt sich daher die Frage, wie der Tempelbau und damit verbundene weitere Architekturstiftungen das Erscheinungsbild des Heiligtums verändert und den Kultbetrieb fortan geprägt haben. Hierzu ist zunächst das Verhältnis zur älteren Bebauung zu klären.
PergamonDemeterheiligtumPlan   [zoom]

Wegen der Position des Tempels, die aus der Achse des Heiligtums (in seiner endgültigen Größe und Gestalt) deutlich nach Süden verschoben ist, wird im Allgemeinen angenommen, er sei an der Stelle eines Vorgängerbaus errichtet, die Wahl des Bauplatzes mithin durch den Wunsch nach Ortskontinuität bestimmt gewesen. Allerdings ist ein von der vorphiletairischen südlichen Begrenzungs- und Stützmauer abzweigender Mauerzug bei Grabungen unterhalb des Tempelpronaos angetroffen worden (sog. Mauerzug G-G: AvP 13, 11 f. 49 f. Taf. 33. 40). Der Vorgänger, so es einen gab, muss demnach anderswo gesucht werden und / oder anders orientiert gewesen sein (Kasper 1966, 437).
Die Ausdehnung des Temenos in der Frühzeit ist auf Grundlage der Forschungen von W. Dörpfeld (1910, 355-384; 1912, 247-255) und C. H. Bohtz (AvP 13) relativ gut zu rekonstruieren, was kürzlich nochmals von C. Piok Zanon (2007) unternommen wurde. Demnach muss sich das Heiligtum im Osten bis zur Höhe des mittleren Treppengangs der wahrscheinlich philetairischen Sitzstufenanlage (an der Nordseite des Areals) erstreckt und die Altäre B, C und D eingeschlossen haben, während Altar E wohl in einem Vorhof lag. Im Osten reichen südliche und nördliche Stützmauern der vorphiletairischen Demeterterrasse wenigstens bis zur Höhe der späteren Tempelrückwand. Es ist, wegen des oben bereits erwähnten Mauerzuges G-G, möglich oder sogar wahrscheinlich, dass der östliche Bereich der Terrasse von dem Areal um die Altäre separiert war. Die vorphiletairische Struktur des Heiligtums könnte demnach derjenigen der mittleren Terrasse des Heiligtums für Demeter und Kore von Akrokorinth vergleichbar gewesen sein (Bookidis – Stroud 1997, bes. 64-73). Auch diese war in spätklassisch-hellenistischer Zeit offenbar dreigeteilt, ohne klaren architektonischen Focus, aber mit einem zentralen, offenen Bereich, auf den eine oberhalb gelegene Stufenanlage ausgerichtet war, die Plätze für Zuschauer von kultischen Zeremonien bot.
Die Längsachse ist demnach in der Frühzeit des Heiligtums von Pergamon nicht die einzige oder dominante Achse gewesen. Vielmehr ist ein ‚plurifokales‘ Heiligtum mit separierten Räumen für verschiedene Arten von Kulthandlungen anzunehmen. Dieser Zustand wird durch den Bau des Tempels radikal verändert: Seine Fassade und der davor gelegene, ebenfalls von Philetairos und Eumenes für Boa gestiftete Altar A (Hepding 1910, 438 Nr. 23; Kasper 1972) bilden nun die bauliche und kultische Folie für sämtliche Aktivitäten im Heiligtum. Dennoch bleiben vereinzelte kreuzende Handlungsachsen erkennbar. Am Altar B beispielsweise scheinen, wie man an Hand einer südlich angefügten Auftrittsfläche vermuten kann, auch Handlungen mit Blick auf die Sitzstufenanlage hin ausgeführt worden zu sein (vgl. Dörpfeld 1912, 248). Letztlich war die ‚Sogwirkung‘ des Tempels aber stärker. Der Bau der langen Südstoa und der oberen Nordstoa, die beide in den Rahmen von Stiftungen der Königin Apollonis in der ersten Hälfte des 2. Jhs. v. Chr. fallen dürften, schließt nicht nur das Heiligtum nach außen hin ab und verleiht ihm eine Fernwirkung, die etwa mit jener der Theaterterrasse konkurrieren konnte. Vor allem legte er die zuvor bereits vom Tempel definierte Längsachse als nunmehr einzig relevante Handlungsachse fest. Der Eingriff der Monarchen in die architektonische Ordnung des Heiligtums bereicherte diese nicht nur um einen monumentalen Kultbau, den es so zuvor nicht gab, sondern hatte weiter reichende Folgen auch für die Strukturierung des Kultbetriebs.

c) Zitierte Literatur:
AvP 2: R. Bohn, Das Heiligtum der Athena Polias Nikephoros, Altertümer von Pergamon (AvP) 2 (Berlin 1885); AvP 13: C. H. Bohtz, Das Demeter-Heiligtum, AvP 13 (Berlin 1981); N. Bookidis – R. Stroud, The Sanctuary of Demeter and Kore. Topography and Architecture, Corinth 18, 3 (Princeton 1997); W. Dörpfeld, Die Arbeiten zu Pergamon 1908-1909. 1, Die Bauwerke, Mitteilungen des Deutschen Archäologischen Instituts, Abt. Athen (AM) 35, 1910, 346-400; W. Dörpfeld, Die Arbeiten zu Pergamon 1910-1911. 1, Die Bauwerke, AM 37, 1912, 235-276; H. Hepding, Die Arbeiten zu Pergamon 1908-1909. 2, Die Inschriften, AM 35, 1910, 401-493; IvP: M. Fränkel, Die Inschriften von Pergamon, AvP 8, 1-2 (Berlin 1890/1895); S. Kasper, Demeterterrasse, AA 1966, 436-438; S. Kasper, Zum großen Altar der Demeterterrasse in Pergamon, in: E. Boehringer (Hrsg.), Pergamon. Gesammelte Aufsätze, Pergamenische Forschungen 1 (Berlin 1972) 69-93; H. Lauter, Die Architektur des Hellenismus (Darmstadt 1986); O. Mørkholm, Early Hellenistic Coinage (Cambridge 1991); E. Ohlemutz, Die Kulte und Heiligtümer der Götter in Pergamon (Würzburg 1940; Nachdr. Darmstadt 1968); C. Piok Zanon, Dank an Demeter. Neue Gedanken zu Architektur und Bedeutung des Demeter-Kultes in Pergamon, IstMitt 57, 2007, 323-364; H.-J. Schalles, Untersuchungen zur Kulturpolitik der pergamenischen Herrscher im 3. Jahrhundert v. Chr., Istanbuler Forschungen 36 (Tübingen 1985); J. P. Six, Monnaies grecques, inédites et incertaines, Numismatic Chronicle 1890, 185-259; U. Westermark, Notes on the Saida Hoard (ICGH 1508), Nordisk Numismatisk Årsskrift / Scandinavian Numismatic Journal 1979-1980, 22-35

3) Forschungen zur Nutzung der Innenräume griechischer Tempel in hellenistischer Zeit
Erste Ergebnisse zu diesem Fragenkomplex sind auf dem Plenarkolloquium im November 2009 sowie beim Treffen des Netzwerks "Urbane Infrastruktur" im Februar 2010 vorgestellt worden. Kurze Zusammenfassungen finden sich unter der Rubrik "Veranstaltungen".
Bei einem Pariser Kolloquium Anfang Oktober 2011 konnten die bei jenen Treffen formulierten Thesen zur Platzierung von Votiven im Tempelinnern an manchen Punkten noch präzisiert und mit zusätzlichem Quellenmaterial unterfüttert werden. So lässt sich nicht nur im Fall der Agasigratis von Kalaureia (vgl. Bericht über das Netzwerktreffen im Februar 2010) feststellen, dass Bildnisstatuen von Stiftern im Tempel in Kulthandlungen einbezogen wurden; vielmehr deutet die häufiger bezeugte Schmückung und Bekränzung von Portraits auf die Tendenz zur engen und individuellen Verbindung der Weihenden an die Gottheit hin. Zugleich zeigte sich am Beispiel der (nur inschriftlich bezeugten) Bildnisse der Philotera im Demeterheiligtum von Pergamon, wie die Zurschaustellung von ‚privaten‘ Tugenden und Freigebigkeit als Euergetin, deren öffentliche Anerkennung und Instrumentalisierung zur Selbstdarstellung, wie schließlich Votivstatuen innerhalb und Ehrenmonumente außerhalb des Tempels zusammenwirken konnten. Damit wird nochmals deutlich, dass das Tempelinnere ein, und zwar ein besonders prominenter Ort für publikumswirksame Repräsentation der Eliten in der hellenistischen Polis war.


4) Forschungen zum Letoon bei Xanthos
Das Letoon bietet durch seine Lage abseits des - im engeren Sinne gesehen - griechischen Kulturraumes eine wichtige neue Perspektive für die Erforschung von Tempelbauten des Hellenismus. Zudem liegt bislang noch keine umfassende und aktuelle Darstellung der Entwicklung dieses extraurbanen Heiligtums und seiner Tempel im Hellenismus vor, so dass versucht werden soll, die seit den frühen 60er Jahren von französischer Seite betriebenen Forschungen im Sinne des Projektes zusammenfassend zu beurteilen
Auf einem natürlichen Felsgrat, der nach Osten hin durch umfangreiche Abarbeitungen des ansteigenden Hügels zusätzlich erweitert wurde, liegen im Zentrum des Heiligtums die Tempel der Leto, der Artemis und des Apollon (in dieser Reihenfolge von West nach Ost).
Letoon_Tempelterasse von O   [zoom]

a) Letotempel
Der Errichtung des hellenistischen Letotempels galt bislang durch einen in der Nähe der Schwelle gefundenen „Münzhort“, der um die Mitte des 2. Jh. schließt, als fest datiert (Hansen – Le Roy 1976, 321 ff.). Eine unlängst erfolgte Neubewertung dieser und der in späteren Jahren innerhalb des Tempels gefundenen Münzen ergibt jedoch ein wesentlich differenzierteres Bild und lässt zudem Zweifel an der Geschlossenheit des Befundes aufkommen (Marcellesi 2007, 88 ff.). Weiter unterstützt wird die Datierung in das 2. Jh. v. Chr. jedoch zusätzlich durch die Untersuchung der Bauornamentik, die ihre engsten Parallelen im späten Hellenismus findet.
Im Inneren der Cella brachten die Ausgrabungen die Reste eines Vorgängerbaus zum Vorschein. Dieser frühere Kultbau, bei dem es sich wahrscheinlich um eine Stiftung des lykischen Potentaten Arbinas aus der Zeit um 400 v. Chr. handelt, weicht in seiner Ausrichtung leicht vom hellenistischen Tempel ab.
b) Artemistempel
Der kleinste der drei Tempel hat, wie auch der benachbarte Apollontempel, besonders stark unter dem nachantiken Steinraub gelitten. Die wenigen erhaltenen Bauteile sind von hoher Qualität, was in der Vergangenheit dazu geführt hat den Tempel teils noch in das 4. Jh. v. Chr. datieren zu wollen (Des Courtils 2003, 148). Eine Neubewertung der Bauornamentik legt jedoch auch für ihn eine Datierung in das 2. Jh. v. Chr. nahe.
Die Cella des Tempels wurde um den im Norden noch über einen Meter hoch anstehenden gewachsenen Fels errichtet. Deutliche Abarbeitungen an zwei Seiten dieses Felsens ermöglichen es hier einen Vorgängerbau zu rekonstruieren, der in seiner Ausrichtung ebenfalls vom Nachfolgebau abwich.
Letoon_Vorgänger_Apollontemp   [zoom]

c) Apollontempel
Den östlichen Abschluss der Heiligtumsterrasse bildet ein dorischer Ringhallentempel. Im südlichen Teil der Cella ist ein Tessera-Mosaik mit apollinischen Motiven in den Boden eingesetzt, das stilistisch etwa in das 2. Jh. v. Chr. zu datieren ist. Die zeitliche Stellung des Mosaiks zur Errichtung des dorischen Tempel ist jedoch äußerst problematisch ist, weshalb es nicht selbst für eine Datierung der Bauzeit herangezogen werden kann. Vereinzelte Reste der Bauornamentik weisen jedoch darauf hin, dass auch dieser Tempel im Späthellenismus entstanden sein muss.
Auf dem gleichen Niveau mit dem hellenistischen Mosaik fand sich im Inneren der Cella der gut erhaltene steinerne Unterbau eines in lykischer Tradition konstruierten Holztempels. Die Ausrichtung unterscheidet sich erneut leicht von dem Neubau und entspricht in etwa dem Vorgängerbau des Artemistempels.
d) Bewertung
Trotz der Unsicherheiten in Hinsicht auf die genaue Datierung der drei hellenistischen Tempel zeichnet sich dennoch deutlich die bauliche Geschlossenheit des Ensembles ab. Hierdurch wird wahrscheinlich, dass im späten Hellenismus eine groß angelegte Neugestaltung des Heiligtums erfolgte. Im Zuge dessen wurden die drei alten, noch in lykischer Tradition stehenden Tempel, die wahrscheinlich unter Arbinas in eine erste Stufe der „Hellenisierung“ des Heiligtums errichtet wurden, durch Neubauten ersetzt. Diese neuen Tempel, deren Fertigstellung sich vielleicht bis in das 1. Jh. v. Chr. hinein erstreckte, entsprechen äußerlich nunmehr ganz dem griechisch-hellenistischen Baustil ihrer Zeit.
Als Zeitpunkt für den Beginn eines solchen umfassenden Bauprogramms wurde bereits früher die wieder gewonnene Unabhängigkeit Lykiens von der rhodischen Fremdherrschaft (nach 167 v. Chr.) angenommen (Le Roy 1991, 141 ff.). Erst nach diesem Ereignis tritt der Lykische Bund regelmäßig inschriftlich und historisch als starkes und autonom handelndes politisches Gemeinwesen in Erscheinung (Behrwald 2000, 105 ff.). Die umfangreiche Neugestaltung und Modernisierung dieses wichtigen lykischen Heiligtums kann somit vielleicht als Versinnbildlichung der neu gewonnenen Souveränität verstanden werden.
Ein weiterer wichtiger Aspekt der Umbaumaßnahmen ist die besondere Art, mit der die klassisch-lykischen Vorgänger in die neuen Tempel einbezogen werden. Bei der Vereinheitlichung der unterschiedlichen Ausrichtungen der Vorgänger wurde sorgsam darauf geachtet, dass sich der Grundriss (bzw. im Fall des Artemistempels der anstehende Fels) komplett innerhalb der neuen Cella befindet. Beim Apollontempel hat man dies sogar genutzt, um den Vorgängerbau zumindest in Teilen innerhalb des Nachfolgers sichtbar zu machen. Unter den in der Antike ansonsten üblichen Formen der Bewahrung und Zurschaustellung altehrwürdiger Bauten (Buchert 2000; Hartmann 2010, 166 ff.) nimmt dieser Fall eine Sonderstellung ein. Anders als z. B. im Falle des archaischen Naiskos des Artemisions von Ephesos, das evtl. im Zuge des spätklassischen Wiederaufbaus seine alte Funktion beibehielt, scheint eine gezielte ‚kultische‘ Weiternutzung im Apollontempel nicht angestrebt worden zu sein. Wenig plausibel ist auch, in dem Einbezug der alten Fundamente (sowie evtl. noch sichtbarer Resten der aufgehenden Holzkonstruktion?) eine ‚denkmalpflegerische/konservatorische‘ Maßnahme zu sehen, wie dies für die steinerne Ummantelung des aus Lehmziegeln bestehenden ersten Apollontempels von Kyrene in der zweiten Bauphase vermutet wird. Entscheidend dürfte vielmehr die Visualisierung des Altehrwürdigen innerhalb des neuen Kultbaus gewesen sein. In dieser Form funktionieren die Überreste des alten Apollontempels als Beweis für die lange Tradition des Kultes an dieser Stelle, bezeugt durch die Überreste eines ‚primitiven‘ Holzbaus. Eine derartige Konstruktion mag im Falle des Letoons von besonderer Bedeutung gewesen sein, da die interpretatio graeca der ehemals hier verehrten lykischen Götter wahrscheinlich erst im ausgehenden 5. Jh. v. Chr. erfolgte, die mythische Legitimation aber auf deutlich weiter zurückliegende Zeiten zurückgreift.
e) Literatur zum Letoon
R. Behrwald, Der lykische Bund. Untersuchungen zu Geschichte und Verfassung, Antiquitas. Reihe 1, Abhandlungen zur Alten Geschichte 48 (Bonn 2000); U. Buchert, Denkmalpflege im antiken Griechenland (Frankfurt a. M. 2000); J. Des Courtils, A guide to Xanthos et du Létoôn (Istanbul 2003); E. Hansen – C. Le Roy, Au Létôon de Xanthos. Les deux temples de Léto, RA 1976, 317–336; A. Hartmann, Zwischen Relikt und Reliquie. Objektbezogene Erinnerungspraktiken in antiken Gesellschaften (Berlin 2010); C. Le Roy, Le développement monumental du Létôon de Xanthos, RA 1991, 341–351; M.-C. Marcellesi, Le "trésor" du temple du Létôon de Xanthos (1975-2002). Les monnaies rhodiennes et la circulation monétaire en Lycie à la basse époque hellénistique, RN 163, 2007, 45–90.






Letzte Änderung: 10.04.2012