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Die hellenistische Residenzstadt Lysimacheia
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Die hellenistische Residenzstadt Lysimacheia:
Feldforschungen in der Zentralsiedlung und der Chora

Lysimacheia wurde 309/08 v. Chr. von dem Diadochen Lysimachos an einer zuvor offenbar unbesiedelten, jedoch strategisch bedeutsamen Ortslage – an der Schnittstelle zwischen Asien und Europa – als Hauptstadt seines Reiches neugegründet. In der Folgezeit prosperierte Lysimacheia und stand im Focus hellenistischer Großmächte, bevor es schließlich 144 v. Chr. endgültig von den Thrakern zerstört wurde. Das Resultat der nur 165 Jahre währenden Existenz der Stadt ist ein enger chronologischer Rahmen für alle materiellen Hinterlassenschaften – ein einmaliges Zeitfenster.
Abb. 1: Marmorschild Philipps V. aus Lysimacheia [aus L. Robert, Hellenica 10 (Paris 1955) Taf. 35 (© Editions Adrien Maisonneuve)]   [zoom]

Bis vor kurzem war die Lokalisierung der ausschließlich aus literarischen Quellen bekannten Stadt umstritten, nun aber ist sie aufgrund eines Inschriftenfunds durch M. Sayar bei dem türkischen Ort Bolayır gesichert. Wenige Altfunde aus diesem Gebiet befinden sich im Archäologischen Museum Istanbul (Abb. 1), zudem sind in den letzten Jahren einige zufällig oder durch Raubgrabungen zu Tage gekommene Marmorskulpturen und Grabinventare ins Museum Çanakkale gelangt. Systematische archäologische Untersuchungen hat es jedoch in Lysimacheia bislang nicht gegeben.
Die antike Stadt erstreckt sich an der engsten Stelle der Gallipoli-Halbinsel auf einem zum Teil beträchtlich abfallenden Höhenrücken über mehrere Hügel, Senken und Plateaus. Der moderne Ort Bolayır liegt zwischen der höchsten Erhebung eines Höhenrückens im Süden und eines Steilabfalls im Norden. Antike Besiedlung kann innerhalb der modernen Ortschaft und insbesondere auf den umliegenden, landwirtschaftlich genutzten Flächen beobachtet werden. Der höchste Punkt ist ebenso unüberbaut, wie das südlich davon abfallende Gelände, das sich zu einem ca. 2 x 2 km großen Plateau öffnet (Abb. 2). Einen Großteil dieser Fläche nahm die antike Stadt ein. Bestimmte Areale im Gelände sind durch die Anlage von Bunkern aus dem 2. Weltkrieg allerdings stark gestört.
Von antiken Bauten sind oberirdisch keine Strukturen in situ erhalten, das antike Siedlungsgebiet lässt sich dennoch anhand der Oberflächenfunde relativ gut eingrenzen. Durch landwirtschaftliche Aktivitäten wurden und werden ständig Artefakte an die Oberfläche gepflügt, von denen viele außergewöhnlich gut erhalten sind. Das gilt nicht nur für Architekturfragmente und Keramik, sondern auch für Pavimentteile, Wandverputz, Metallfunde und organisches Material.
Abb. 2: Blick von Westen auf das antike Siedlungsgebiet südöstlich von Bolayır (Foto © WWU Münster)   [zoom]
Die archäologischen Schichten scheinen sich relativ oberflächennah zu befinden, da sich zusammenhängende Fundkomplexe noch sehr gut oberirdisch abzeichnen. An den Feldrändern und nahe bei Gehöften und Wegen liegen zahlreiche von den Bauern angelegte Lesesteinhaufen, die neben zum Teil behauenen Steinen auch Keramik beinhalten. Viele antike Steinobjekte wurden zudem als Spolien im modernen Ort Bolayır verbaut.
Seit 2006 ist die archäologische Untersuchung der hellenistischen Residenzstadt Lysimacheia auf der thrakischen Chersones das Ziel eines Forschungsprojektes unter der Leitung von Prof. Dr. Dieter Salzmann, Prof. Dr. Achim Lichtenberger und Dr. H.-Helge Nieswandt vom Institut für Klassische Archäologie und Frühchristliche Archäologie/Archäologisches Museum der Universität Münster. Ermöglicht wird dieses Vorhaben durch die Förderung im Rahmen des Schwerpunktprogrammes ‚Die hellenistische Polis als Lebensform’ der Deutschen Forschungsgemeinschaft, sowie die Unterstützung durch die Rolf-Dierichs-Stiftung und die Westfälische Wilhelms-Universität Münster.
Angesichts der Verhältnisse am Ort sollten zu Beginn verschiedene Prospektionsmethoden im Vordergrund stehen, hierbei zunächst ein extensiver Survey zur Klärung der Ausdehnung der antiken Besiedlung und zur Suche nach besonderen Fundkonzentrationen. Ziel ist es, eine genauere Vorstellung von der Topographie zu gewinnen und auffällige Bereiche im Gelände für eine nähere Untersuchung zu ermitteln. Das heißt, dass in ausgewählten Bereichen ein intensiver Oberflächensurvey in 5x5 m Quadranten durchgeführt werden soll, bei dem alle antiken Objekte dokumentiert werden. Dieser verfolgt das Ziel, die Oberflächenfunde quantifizierbar und vergleichbar zu machen und Charakteristika verschiedener Siedlungsbereiche zu ermitteln. Die verstreut liegenden Lesesteinhaufen, die zum Teil schon bei früheren Besuchen oder durch den extensiven Survey entdeckt wurden, sollen systematisch umgeschichtet werden und auf antikes Material hin untersucht werden. Auf diese Weise können die zahlreichen großformatigen Architekturfragmente in diesen Lesesteinhaufen dokumentiert werden und zugleich ein erster Überblick über das großformatige Keramikspektrum (vorwiegend Dachziegel und Pithoi) gewonnen werden, ohne dass archäologische Fundsituationen gestört werden. Auch ein Spoliensurvey innerhalb des modernen Dorfes dient diesem Ziel.
Mit diesen Arbeiten war das Team, das aus 12 Studierenden und Doktoranden der Klassischen Archäologie und der Alten Geschichte von der Universität Münster sowie aus zwei Architektinnen von der TU Karlsruhe bestand, während der Kampagne im August 2006 beschäftigt. Aufgrund bedauerlicher Abstimmungsprobleme und Schwierigkeiten mit unserem türkischen Kooperationspartner Prof. Dr. M. Sayar musste die Kampagne 2006 vorzeitig abgebrochen werden. Seither scheiterte eine Fortführung der Feldforschungen in Bolayır an der fehlenden Genehmigung durch die türkische Antikendirektion. Im Falle einer Fortführung sind großflächig geophysikalische Prospektionen vorgesehen, für die das Gelände vorzüglich geeignet ist. Mit Dr. Harald Stümpel von der Universität Kiel konnte ein ausgewiesener Experte für diese Aufgabe gewonnen werden.
Durch die in der königlichen Residenzstadt Lysimacheia bereits durchgeführten und geplanten archäologischen und naturwissenschaftlichen Untersuchungsmethoden wird es schon bald möglich sein, weitreichende Aussagen zu dieser bedeutenden Sonderform der hellenistischen Polis zu machen. Da bisher nur wenige, immer wieder diskutierte Beispiele archäologisch erforscht sind, ist die Vertiefung der Kenntnis der Urbanistik hellenistischer Residenzstädte ein wichtiges Desiderat. Das weitgehend unüberbaute Stadtgebiet von Lysimacheia eignet sich auch durch seinem festen chronologische Rahmen (309 und 144 v. Chr.) dafür besonders gut. So können hier urbane Strukturen und bürgerliche Identitäten einer neu gegründeten Polis vor dem Hintergrund königlicher Präsenz zu untersucht werden. Für die Erweiterung unseres Wissens über die materielle und geistige Kultur hellenistischer Städte stellt dies einen enormen Fortschritt dar.




Letzte Änderung: 12.04.2012