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Elaia
Eine aiolische Polis als Subzentrum der hellenistischen Metropole Pergamon

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Das Verhältnis zwischen alten Poleis und neuen Territorialmächten gehört zu den Kernfragen der hellenistischen Geschichte und bezeichnet darüber hinaus einen wesentlichen Faktor in der Entwicklung antiker Städte seit dem späten 4. Jh. v. Chr. Zugleich gewann unter den neuen politischen Rahmenbedingungen der Einfluß von Zentralorten auf das Erscheinungsbild sowie das politische, gesellschaftliche und wirtschaftliche Leben in den umgebenden Poleis an Bedeutung. Denn die Einrichtung monarchischer Herrschaftszentren wirkte über die Grenzen der Residenzstädte hinaus und führte zur funktionalen und symbolischen Besetzung ihres Umlandes. Insofern verspricht die Erforschung der Wechselbeziehungen zwischen Metropolen und ihren Subzentren Einblicke in grundlegende Veränderungsprozesse, die antike Stadtkultur im Hellenismus durchlaufen hat.

Das Projekt ging diesen Fragen am Beispiel der aiolischen Polis Elaia und ihrem Verhältnis zur Residenzstadt Pergamon nach. Aufgrund seiner Lage an der gleichnamigen Bucht bot Elaia, das über die von Süden kommende und in das Tal des Kaikos abzweigende Küstenstraße bestens an Pergamon angebunden war, die Möglichkeit zur Einrichtung ausgedehnter Hafenanlagen. Diese Vorteile machte sich offenbar schon Eumenes I. (reg. 263–241 v. Chr.) zunutze: Aufgrund literarischer, epigraphischer und numismatischer Quellen können wir davon ausgehen, daß Elaia als wichtiger Ankerplatz bald zentrale wirtschaftliche, militärische und kommunikationstechnische Funktionen für Pergamon und die Attaliden übernahm.

Der Gründungsmythos von Elaia reicht in die Zeit des trojanischen Krieges zurück, während sich die früheste schriftliche Erwähnung der Stadt erst in den Tributlisten des attisch-delischen Seebundes findet. Die wenigen oberirdisch sichtbaren Baureste gehören ganz überwiegend in die hellenistische Zeit, als Elaia infolge seines hohen Stellenwertes für Pergamon stark ausgebaut wurde. Von militärischer Bedeutung zeugen zunächst die Befestigungsanlagen, deren erkennbare Reste ein etwa dreieckiges Stadtgebiet umschreiben. Seine Form und Größe ist maßgeblich vom Bedürfnis nach einer langen Seeseite zur Anlage ausgedehnter Hafenanlagen bestimmt. Von ihnen hat sich besonders gut die eindrucksvolle Mole des Binnenhafens erhalten, der aufgrund seiner Geschlossenheit für eine militärische Nutzung prädestiniert war (siehe Abb.). Aber auch die mindestens 400 Meter lange Kaimauer des offenen Hafens ist im flachen Küstensaum gut erkennbar.

Mit Hilfe einer kombinierten Methode aus Luftbildphotogrammetrie, Geodäsie, Geophysik, verformungsgerechter Bauaufnahme und Keramiksurvey wurde das ca. 46 ha große Stadtgebiet von Elaia und die angrenzenden Nekropolen vermessen, prospektiert und im Rahmen eines Geoinformationssystems dokumentiert. Die so gewonnenen Daten lieferten folgende grundlegende Informationen für die Beurteilung des Verhältnisses von Elaia und Pergamon sowie der damit verbundenen Veränderungsprozesse in Stadtbild und materieller Kultur:
  • Exakter Verlauf der Stadtmauer und ihre architektonischen Gestaltung
  • Erkundung des Straßenrasters
  • Bebauungsstruktur in ausgewählten Bereichen, d.h. insbesondere am Hafen und auf der Akropolis
  • Baugeschichtliche, konstruktive und funktionale Analyse der großen Mole des Innenhafens
  • Aufbau und Organisation der unterschiedlichen Hafenanlagen
  • Beurteilung des hellenistischen Keramikspektrums insbesondere in Hinblick auf das Verhältnis zwischen lokaler Ware und Importen sowie bezüglich typologischer, technischer und qualitativer Differenzen zu Pergamon.
  • Erkundung des Umlandes von Elaia zur Klärung der wirtschaftlichen Grundlagen der Stadt und ihrer Einbindung in übergeordnete logistische und militärische Netzwerke
Auf Basis dieser Informationen soll dargestellt werden, inwiefern das hellenistische Elaia und sein urbanes Leben als Produkte eines engen Beziehungsgeflechtes mit der benachbarten Metropole gelten können. Gemeinsam mit der literarischen und inschriftlichen Überlieferung soll auf diese Weise gezeigt werden, welche Aufgaben das Subzentrum als maritime Schnittstelle für die Residenzstadt übernahm und welche Wandlungsprozesse es dabei durchlief.

Im Rahmen des Schwerpunktprogramms leistete das Projekt einen exemplarischen Beitrag zum besseren archäologischen und historischen Verständnis des Phänomens „Subzentrum“, das mit der Entstehung von monarchisch regierten Territorialmächten im Hellenismus eine neuartige Bedeutung gewann. Den gleichen Anspruch erhob das Projekt in Bezug auf Pergamon, das als Residenzstadt ebenfalls eine typisch hellenistische Form von Polis repräsentiert. Anhand der vielfältigen Funktionen, die Elaia für die Metropole übernahm, war zu prüfen, inwiefern Herrschersitze wie Pergamon erst im Verbund mit mehreren funktional differenzierten Subzentren langfristig überlebensfähig waren. Aus dieser Frage ergaben sich neue Gesichtspunkte für die Erforschung der Zusammenhänge zwischen Metropolen, Poleis und Territorien in hellenistischer Zeit, die zugleich methodische und inhaltliche Schnittstellen mit dem von Martin Zimmermann durchgeführten Forschungsprojekt „Landstädte, Dörfer und Gehöfte in der Umgebung von Pergamon“ herstellten.


Letzte Änderung: 03.04.2012