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Berichte von Veranstaltungen



Bericht zum zweiten Plenarkolloquium des DFG SPP 1209

Bericht zum 2. Plenarkolloquium des DFG-Schwerpunktprogramms 1209
„Inklusion und Exklusion in der hellenistischen Polis“

Städtischer Raum und Gymnasion am Beispiel von Pergamon
(Ralf von den Hoff)
Die Kategorien von Inklusion und Exklusion haben in den Sozialwissenschaften, entwickelt aus Analysen moderner Gesellschaftssysteme seit den 70er Jahren des 20. Jhs., dazu gedient, Beschreibungen von Gesellschaften als hierarchisch und/oder geschichtet zu ergänzen oder zu ersetzen (Rudolf Stichweh). Sie zeichnen sich diesen gegenüber als eher diskontinuierliche Kategorien durch eine stärkere prozessuale Komponente, eine relationale und nicht-hierarchische Beschreibungsform und durch Vieldimensionalität aus. Eine Übertragung auf die Beschreibung von Räumen des Sozialen, auf die Städte und ihre Architektur, müsste sowohl ihre personale Dimension (in der Frage nach den Relationen zwischen Institutionen/Orten und Akteuren des Handelns), als auch ihre lokal-funktionale, topologische Dimension (in der Frage nach den Relationen in der räumlichen Organisation von Orten/Bauten) im Blick haben. Insofern können sie allenfalls ergänzend zu weiteren Analysekategorien sozialer Räume treten.
Das Gymnasion spielt als Ort sozialer Interaktion und kollektiver Identitätsstiftung in griechischen Poleis eine entscheidende Rolle für die Frage nach Formen der Inklusion und Exklusion sozialer Gruppen in den Gesellschaften des Hellenismus. Der Beitrag geht einerseits der Frage nach, welche Hinweise vorliegen auf den Ausschluss oder Einschluss bestimmter Personengruppen aus dem / in das Gymnasion als Ort und als Institution. Andererseits untersucht er am Beispiel des Gymnasions von Pergamon, welche baulichen Gegebenheiten geschaffen wurden, um die Zugänglichkeit zu steuern und bestimmte Funktions- und Aktionsbereiche des Gymnasions in Relation zum Handeln innerhalb des städtischen Raumes zu setzen. Dabei erwiesen sich die deutliche architektonische Abgrenzung gegenüber dem urbanen Raum, die Abschließbarkeit und Kontrollierbarkeit der Zugänge und die architektonisch erreichte Verbindung zu sakralen Räumen der Stadt als wesentliche Kennzeichen des Pergamener Gymnasions. Es wird diskutiert, welche Rolle Ehrenstatuen im Gymnasion für die zumindest implizite Inklusion polisfremder Personen in das gesellschaftliche Kollektiv besitzen konnten.

Zur räumlichen und funktionalen Gliederung griechischer Tempel in Kleinasien – oder: Wer darf wann und wozu welchen Tempelraum betreten?
(Dirk Steuernagel)
Der Vortrag versuchte das Rahmenthema der Tagung auf Ordnungen und Funktionen gebauter Räume zu beziehen, konkret auf die Gliederung von Tempelhäusern in Vorhalle (Frontpteron, Pronaos, prostyle Halle), Hauptraum (Cella) und Nebenräume (z. B. Opisthodom). Diese Gliederung wird von der Architektur selbst häufig als hierarchische gekennzeichnet, etwa in dem das Frontpteron tiefer gestaltet wird als die Ptera der Langseiten und der rückwärtigen Seite, der Pronaos tiefer ausfällt als der Opisthodom, der Fußboden der Cella höher liegt als jener des Pronaos. Damit ist zugleich ein bestimmter Parcours festgelegt, in dem der Tempel idealtypisch erfahren werden sollte.
Weitere, heute oft nur noch auf Grund von Einlasslöchern, epigraphischen Erwähnungen oder literarischen Beschreibungen fassbare Elemente der räumlichen Gliederung geben Hinweise auf eine nach Tagen, Tageszeiten, Personenkreisen usw. differenzierte Zugänglichkeit einzelner Bereiche und Räume des Tempels. So war beispielsweise beim Tempel auf der Theaterterrasse von Pergamon die Begehbarkeit der Cella in doppelter Weise beschränkt: durch große Flügeltüren und durch ein vor diesen angebrachtes Gitter. Letzteres erlaubte, bei geöffneten Türen, den Einblick, insbesondere das Betrachten des Kultbildes. Es hinderte jedoch am Betreten der Cella, das nur bei selteneren Anlässen möglich gewesen sein dürfte.
An solchen Vorrichtungen, aber etwa auch in Gestalt von Abschrankungen unmittelbar vor den Kultbildern und inschriftlich überlieferten Vorschriften für das Aufstellen von Votiven beim Kultbild, wird ein Widerspruch deutlich, der für die räumliche und funktionale Gliederung der Tempelgebäude hellenistischer Zeit konstitutiv gewesen zu sein scheint. Das Betreten des zentralen Kultgebäudes hatte für Einzelpersonen und Kleingruppen – zur Verrichtung von Gebeten und Darbringung von Gaben – gegenüber früheren Zeiten wohl an Bedeutung gewonnen; man suchte die Nähe zur Gottheit durch ihr Bild und in ihrem ‚Haus‘. Mit diesem religiösen Bedürfnis kontrastierte das Bemühen der Priesterschaft, insbesondere die herausragenden Götterbilder vor einer Überflutung durch Zeugnisse individueller Kult- und Votivpraxis zu bewahren. Möglicherweise aus eben diesem Grunde wurden bestimmte Räume im Bereich des Tempels, etwa der Opisthodom des Artemistempels von Magnesia wie derjenige des Zeus-Sosipolis-Tempels am selben Ort, ferner z. B. der sog. Kapellenraum des Demetertempels von Priene, nachträglich für die Zwecke der individuellen Götterverehrung adaptiert.

Konzepte der Inklusion: Epigameia als Aspekt der Isopolitie hellenistischer Poleis
(Sara Saba)
This paper explored the relation between the right of intermarriage, epigamia, and potential citizenship, isopoliteia in Hellenistic intercity agreements. The necessary assumptions are that both tools could have allowed including new, potential citizens in communities and that they were not mutually exclusive: potential citizenship did not include automatically all citizenship rights unless it was “activated”, i.e. switch of citizenship. Instead those who did not intend to actually change their status could still make use of the additional grants listed with isopolity, for example right of intermarriage (see Hennig in Chiron 1994, p. 334 for the right of ownership; this was probably true almost anywhere).
The survey of the evidence shows that the simultaneous grant of epigamia and isopoliteia is a regional phenomenon. It appears in Crete, Central Greece and Peloponnese when communities are involved that are either koina, are tied to one or there was a ‘tendency to federalism’. The only exception to this pattern is the isolated instance of Temnos-Teos. In all other cases the two concessions appeared back to back as independent grants that worked towards a communal goal: the reinforcement or the establishment of an alliance or the solution of boundary disputes. Finally, it must be stressed that the involvement or influence of Federal States, or “tendency to federalism” for Crete, suggests that these tools were more readily used together because these communities were already familiar with them.

Nothoi und nothai – eine Randgruppe in der hellenistischen Polis? Zur Auswertung milesischer Inschriften
(Linda-Marie Günther)
Die milesischen Neubürgerlisten bezeugen die Aufnahme von männlichen (nothoi) und weiblichen (nothai) – d.h. von Nachkommen milesischer Bürger mit Frauen aus anderen griechischen Städten – in das Bürgerrecht der hellenistischen Metropole. Wieviele solcher, nach dem rigiden Bürgerrecht nicht bürgerrechtsfähiger ‚Bastardkinder’ es dieser hellenistischen Metropole gab, ist unbekannt, da sie nur ausnahmsweise, eben im Moment ihrer Einbürgerung, fassbar sind. Für den Zeitraum von ca. 230 bis ca. 190 v. Chr. sind 28 Individuen bekannt, davon ist etwa die Hälfte dem Zeitraum „um 200 v. Chr.“ (nach der korrigierten Datierung bei A. Rehm in Milet I 3) zuzurechnen. Auf die Frage, warum nach ca. 190 derartige Einbürgerungen aufhörten, wird eine ‚Liberalisierung’ des Ehe-, Erb- und Bürgerrechts in Milet angenommen. Anhand einiger Beispiele wird gezeigt, dass die Inklusion der nothoi-Nachkommen in den Kreis der Bürger offenbar ein Oberschichtenphänomen ist, denn etwa die Hälfte der Vatersnamen begegnet ausschließlich oder überwiegend in Honoratiorenfamilien.
Desweiteren wird die fortgesetzte Exklusion der – für uns bis auf eine Ausnahme anonym bleibenden – ‚fremden’ Mütter der milesischen nothoi und nothai damit erklärt, dass die milesischen Großväter der ‚Bastardkinder’ ein Interesse an den Enkeln, nicht aber an deren Müttern hatten. Die Neubürgerlisten lassen allerdings generell keinen Zweifel daran, dass die Einbürgerung ‚gemischter’ Familien seit mindestens der Mitte des 3. Jhdts. v. Chr. gang und gäbe war, so dass Ehen, die in Milet nicht möglich gewesen wären, bei der Einbürgerung nicht anders behandelt wurden als ‚homogene’ Ehepaare. Dies dürfte die Bereitschaft der Milesier, schließlich ihr Bürgerrecht weniger rigoros zu gestalten, gefördert haben.

Demokratie in der Kleinstadt - Überlegungen zu den demographischen Bedingungen sozialer und politischer Interaktion am Beispiel Priene
(Daniel Kah)
Priene bietet sich durch seine vergleichsweise dichte epigraphische und archöologische Dokumentation als Paradigma dafür an, wie eine demokratische Polisverfassung in hellenistischer Zeit unter den demographischen Bedingungen einer kleinen Bürgergemeinde funktionierte. Hierbei stehen insbesondere die Thesen einer im Laufe des Hellenismus schwindenden Partizipation der Bürgerschaft und der Herausbildung eines Honorationrenregimes auf dem Prüfstand.
Auch wenn der Umfang der Bürgerschaft des hellenistischen Priene nicht mit Sicherheit zu bestimmen ist, so weist doch eine Reihe von Indizien auf eine Größenordnung von ca. 1000. Auf dieser Basis folgt aus der aus den Inschriften zu ermittelnden Zahl von 100 bis 150 öffentlicher Funktionsstellen, die im jährlichen Wechsel zu besetzen waren, ein hoher Grad politischer Partizipation.
Die Sozialstruktur der Stadt weist kaum Merkmale starker Heterogenität auf. Zwar führen die zahlreichen Ehrendekrete breit die Aktivitäten reicher Euergeten auf, weisen aber auch darauf, dass deren finanzielle Leistungsfähigkeit begrenzt war. Das zeigt sich u.a. darin, dass das mit umfangreichen Liturgien verbundenen eponyme Amt des Stephanephoros häufig nicht aus der Bürgerschaft besetzt werden konnte. Auch in den archäologischen Zeugnissen lässt sich nicht feststellen, dass sich die Oberschicht in ihrem Lebensstil erheblich von der Masse der Bürgerschaft absetzte. Ebenso fehlen Hinweise auf die Existenz einer breiten Unterschicht mittelloser Bürger, und auch Anzeichen für soziale Spannungen innerhalb der Bürgerschaft gibt es kaum.
Die in den Quellen erkennbare politische und soziale Stabilität der Polis ist keinesfalls selbstverständlich, vor allem, da Priene im ganzen Hellenismus dem territorialen Druck deutlich größerer Nachbarstädte (Samos, Ephesos, Magnesia und Milet) ausgesetzt war. Die erschlossene geringe Bürgerzahl und der damit verbundene Partizipationsgrad bieten eine strukturelle Erklärungsmöglichkeit für dieses Phänomen.


`Bundesmünzprägungen´ im Spannungsfeld zwischen Ethnizität/ Bundesstaatlichkeit und Polisidentität im hellenistischen Griechenland
(Klaus Freitag)
Die sog. „Bundesmünzprägungen“ der hellenistischen Bundesstaaten waren Gegenstand meiner Forschungen in der 2. Antragsphase des SPP. In den ersten Monaten standen die Materialsammlung, umfangreiche Literaturrecherchen und die Zusammenstellung der numismatischen Quellen im Vordergrund. Weitgehend abgeschlossen sind nun die numismatischen Materialsammlungen zu den Poleis und den Koina auf der Peloponnes (Achaia, Arkadien), in Nordwestgriechenland (Akarnanien, Aitolien, die beiden Lokris) und in Mittelgriechenland (vor allem Boiotien und Phokis). Als Glückfall hat sich erwiesen, dass in der Zwischenzeit für den zugrunde gelegten Untersuchungsraum weitere wichtige Auktionskataloge zu Akarnanien, Aitolien, Boiotien, Elis und Olympia vorgelegt worden sind. Nun ist es möglich, bislang immer noch den Forschungsstand repräsentierende ältere Referenzwerke, wie Heads Historia Numorum (1911) oder Gardners „Peloponnesos“ im BMC zu ergänzen und zu korrigieren. Ein weiterer Glückfall bestand darin, dass während der Bearbeitungsphase mehrere große Studien zur numismatischen Entwicklung in Griechenland, besonders in Achaia (J. Warren und J. Benner) und Aitolien, erschienen sind, deren Ergebnisse in die Analyse miteinfließen. Als ein weiteres sehr hilfreiches Arbeitsinstrument hat sich jüngst auch der Band von W. Leschhorn, Lexikon der Aufschriften auf griechischen Münzen, Band II. Ethnika und Beamtennamen, Wien 2009, erwiesen, der die Ethnika und Beamtennamen auf Münzen zusammengestellt hat.
Die Projektarbeit konzentrierte sich keineswegs nur auf die Materialbeschaffung. Zwei Regionen, in denen sich in hellenistischer Zeit Bundesstaaten etablierten, habe ich näher in den Blick genommen, nämlich die Landschaften Akarnanien und Achaia auf der Peloponnes. Nach Auswertung der Materialsammlung ist es nun möglich, Datierungsfragen bezüglich der Politik der Bundesexpansionen abzuklären, die Bedeutung der Münzbilder im Achäischen Bund vor allem auch im Vergleich zu den Lokalprägungen zu analysieren und die Verbreitung der Bundesprägung in verschiedenen Städten der Peloponnes besser einzuschätzen. Insgesamt hat sich auf der Grundlage dieses numismatischen Befundes ein neues Bild von der Struktur des Achäischen Bundes und seiner Größe und Zusammensetzung im 2. und 1. Jh. v. Chr. ergeben. Im Vortrag, der im Rahmen des Kolloquiumsthematik „Inklusion“ und „Exklusion“ gehalten wurde, ging es vor allem um die Frage, wie man das plötzliche Auftauchen von Bundesprägungen, die von einer Vielzahl von Städten in Achaia im 2. Jh. v. Chr. geprägt wurden, erklären kann.

Beobachtungen zur In- bzw. Exklusion von Indigenen bei der Gründung von Neuen Poleis in Kleinasien
( Christian Mileta )
Im Vortrag wurde das Begriffspaar Inklusion/ Exklusion im Sinne neuerer soziologischer Ansätze verwendet, die untersuchen, wie die Assimilation von Einzelindividuen in Gesellschaften und Gemeinwesen gefördert oder unterbunden wird. Die dabei herausgearbeiteten Einzelaspekte der In- bzw. Exklusion liegen auf politisch-rechtlicher, räumlicher, ökonomischer, gesellschaftlicher und kultureller Ebene.
Die modernen Ansätze erwiesen sich mutatis mutandis als hilfreich für die Klärung der Frage, auf welche Art und in welcher Intensität Indigene in die Gründung der etwa 100 Neuen Poleis einbezogen wurden, die während der hellenistischen Zeit im Binnenland Kleinasiens entstanden. Aufgrund der überwiegend indigen geprägten Verhältnisse innerhalb des Binnenlandes und im Einklang mit den grundlegenden politischen Interessen der Zentralgewalt kam es bei der Gründung der Neuen Poleis zumeist zur Inklusion der umwohnenden Indigenen. Abhängig von der Vorgeschichte der Gründungen, das heißt vor allem von der ethnischen Zusammensetzung einer etwaigen Vorgängersiedlung, aber auch wegen spezieller Interessen der Zentralmacht oder der lokalen Verwaltung sind vereinzelt aber auch Fälle einer teilweisen bis vollständigen Exklusion der Indigenen zu beobachten. Der Regelfall war jedoch die Inklusion der Indigenen, die wie alle anderen Bürger der jeweiligen Neugründung individuell in den Demos und dessen Untereinheiten eingliedert wurden. Damit wurden die einzelnen Indigenen sowie ihre freien Familienmitglieder theoretisch sofort vollständig in die Neue Polis inkludiert. In der Realität war die Inklusion freilich ein Prozess, dessen einzelne Aspekte in interschiedlicher Weise und Schnelligkeit verliefen: So waren die politisch-rechtliche sowie die räumliche Inklusion vom Moment der Gründung der Neuen Polis an gegeben. Die ökonomische Inklusion setzte sich wegen des notwendigen Austausches von Waren und Dienstleistungen rasch durch, während sich die gesellschaftliche und die kulturelle Inklusion erst mit der Zeit durch die Teilhabe am Gemeinwesen und die griechische Erziehung der Kinder ergaben. Eine unter Umständen eintretende Verarmung und soziale Isolierung von einzelnen Bürgern einer Neuen Polis, gleich welcher Herkunft, führten nicht zu deren politisch-rechtlicher Exklusion aus dem Gemeinwesen. Sie waren und blieben Bürger, die auf Unterstützung von Seiten des Gemeinwesens hoffen konnten.

Religiöse Funktionsträger und Kultgruppen in Dionysus-Kulten
(Marietta Horster)
Im Dionysuskult sind Thiasoi und Thiasiten, weibliche Bakchen wie männliche Bakchoi keineswegs wie oft behauptet private Kultvereine oder privat organisierte Gruppen. Diese Vermutung wird zwar durch den dominierenden hellenistischen wie kaiserzeitlichen Sprachgebrauch von Thiasos / Thiasiten als Kultverein (nicht zwangsläufig für Dionysus) nahegelegt, einige Inschriften zeigen jedoch deutlich den öffentlich-städtischen Kontext solcher Gruppen. Es sind dies neben den Bakchoi in Knidos (4.? Jh. v. Chr., Syll.³ 978) und aus Callatis an der Schwarzmeerküste (2. Jh. v. Chr., I Callatis 47) insbesondere Thiasoi und Bakchen in Milet und Magnesia.
In Milet ist das Zusammenwirken von Personen in öffentlichen wie privat organisierten Kulten deutlich. Ein städtischer (demosios) Thiasos wird dabei von der städtischen Dionysus-Priesterin angeführt. Dieser Thiasos hat Vorrang im Ritus vor den anderen, den privaten Thiasoi, die aber offensichtlich in dieser Festveranstaltung mit dem städtischen zusammenwirken (3. Jh. v. Chr., I. Milet 1222, vgl. auch I. Milet 733, 3./2. Jh. v. Chr.).
In Magnesia werden drei Thiasoi von professionellen Mänaden aus Theben rekrutiert (I. Magnesia 215, kaiserzeitlich mit Zitat eines hellenistischen Orakels). Sie wirken im Namen der Stadt, die Thiasoi müssten entsprechend auch Aufgaben für den städtischen Kult übernommen haben. Hier ist es ein männlicher Dionysus-Priester, der den städtischen Kult betreut. Die im Vortrag diskutierten Beispiele haben einige Varianten des Zusammenwirkens von öffentlich-städtischen und privaten Gruppen bei Kulten und Festen aufgezeigt. Das methodische Problem der Identifizierung der einzelnen an Kulten beteiligten Personen und Gruppen und ihrer jeweiligen Zuweisung in die städtisch-öffentliche oder privat-exklusive Sphäre ist dabei deutlich geworden.

Die Inklusion der aiolischen Polis Elaia in das Territorium Pergamons: Funktion und Symbolik
(Felix Pirson)
Der Vortrag versucht zu zeigen, wie sich das gegensätzliche Begriffspaar „Inklusion- Exklusion“ gewinnbringend auf die Untersuchung der aiolischen Polis Elaia als Subzentrum der hellenistischen Metropole Pergamons anwenden läßt. Bereits anhand der noch vorläufigen Ergebnisse unseres Survey-Projektes wird deutlich, daß die Einbeziehung Elaias in das territoriale Gefüge Pergamons und der Ausbau der Stadt gemäß der Interessen der Attaliden die Stellung Pergamons als Territorialmacht mit Ansprüchen zu Land und zu Wasser wesentlich untermauerten. So ist auf funktionaler Ebene die Bedeutung Elaias und der umgebenden Plätze für die Sicherung des Kaikostales und für die Erschließung des Meeres unübersehbar. Auf symbolischer Ebene eröffnete die architektonische Besetzung und Gestaltung der Landschaft dem zeitgenössischen Betrachter die Möglichkeit, das Kaikostal als Kernland einer militärisch gut gesicherten Herrschaft wahrzunehmen, deren Ambitionen dank ihrer Flotte weit über das sichtbare Territorium hinausreichen. Monumente wie der Tumulus auf dem Bozyertepe könnten schließlich dazu gedient haben, die so präsentierte räumliche Ordnung und das ihr innewohnende System von Inklusion und Exklusion als althergebracht zu legitimieren"

Hellenistische Grabmonumente der Karischen Chersones
(Winfried Held)
Die Karische Chersones – ein ursprünglich eigenständiger Bund – wurde in hellenistischer Zeit Tel des rhodischen Staates. Anhand der Grabmonumente der Karischen Chersones wird die Frage gestellt, ob sich die Bewohner der Karischen Chersones in hellenistischer Zeit eher als Karer oder als Rhodier – also dorische Griechen – verstanden. Die Nekropolen der chersonesischen Siedlungen und Gehöfte sind vor allem durch die typischen Stufenbasen charakterisiert, die in dieser Form nur hier vorkommen und geradezu zu einer Art archäologischem Markenzeichen der Chersones geworden sind. Sie waren entweder direkt auf dem anstehenden Boden errichtet, oder auf Grabterrassen. Die Basen waren nur die Träger der Grabmonumente, die meist aus Marmor waren und von denen wenige Fragmente erhalten blieben. Originale Fragmente bezeugen: Statuen, Grabstelen mit Palmettenanthemien, Rundaltäre, Rechteckaltäre sowie eine Schlange.
Eine überzeugende Erklärung dieser Basen ist bisher nicht vorgeschlagen worden. Obwohl die Typen der Grabdenkmäler auf Rhodos verweisen, sind die Grabbasen in Rhodos unbekannt. Zwei Monumentalgräber in der Umgebung von Loryma geben hier wichtige Hinweise. Der Grabbau Değirmenburnu ist als Rundbau mit einem gestuften Kegel als Aufbau zu rekonstruieren, der Grabbau von Kalamaç als Dreieck mit einem dreieckigen Stufenaufbau. Letzterer wurde sogar von einem Monolith in Form einer dreiseitigen Pyramide bekrönt. Diese Monumentalgräber können, soweit es im archäologischen Befund nachvollziehbar ist, als Grabbau, zugleich aber auch als monumentale Statuenbasis verstanden werden. Auf der karischen Chersones hat man diese Grabform übernommen und variiert; die Stufenbasen sind eine Miniaturform dieses Grabtyps. Vorbild dafür sind karische Monumentalgräber, insbesondere das Maussolleion von Halikarnassos. Die Grabdenkmäler spiegeln damit eine doppelte – karisch-chersonesische und griechisch-rhodische – Identität der Chersonesier wider.

Atarneus - urbanistische Entwicklungen jenseits von Pergamon
(Albrecht Matthaei)
Der Vortrag setzte sich mit dem Thema „Inklusion und Exklusion“ im Sinne der Erschließung der hellenistischen Polis durch ihr Straßensystem auseinander. Insbesondere stand, dass das oftmals als typisches Kriterium der hellenistischen Polis aufgeführte rechtwinklige Straßenraster, zur Diskussion. Die Beobachtung, dass viele Städte, die bereits in vorhellenistischer Zeit entstanden sind, diese Gliederung des städtischen Weichbildes aus topographischen oder logistischen Gründen nie übernehmen, zeigt jedoch, dass diese Form der Straßenführung, mit der durch sie erreichten gleichmäßigen Erschliessung des innerstädtischen Terrains eine Ausnahmeerscheinung unter den hellenistischen Städten Kleinasiens bleibt.
Vorgestellt wurden die Überlegungen anhand des Beispiels der Polis Atarneus, wo während der letzten beiden Surveykampagnen, der Stadtplan soweit vervollständigt werden konnte, dass sich die innerstädtische Straßenführung und damit das urbanistische Gliederungsprinzip der Siedlung erschließen lässt. Anhand der Oberflächenbefunde, die bei dem Survey aufgenommen wurden, ist es nicht möglich die Entstehung des Stadtbildes zeitlich konkret einzuordnen, doch legen mittlerweile eine ganze Reihe von Indizien die Vermutung nahe, dass die Stadtanlage in ihren groben Grundzügen vor dem Ende des 4. Jh. v. Chr. bereits bestanden hat. Dabei ist die Stadt als Verbund einzelner Kompartimenten strukturiert, die auf Terrassen um den Siedlungshügel gruppiert sind und über zwei Hauptstrassen erschlossen werden. Selbst in den flachen Abschnitten des Siedlungsgeländes, und auf den weiten Terrassenflächen auf dem Westabhang, findet sich kein Hinweise darauf, dass man um eine rechtwinklige Anlage von Wegen und gebäudekomplexen bemüht gewesen wäre.
Die Stadt, die die Phase ihrer größten Bedeutung im 4 Jh. v. Chr. erlebt, wird mindestens bis zum beginn des 1 Jh. v. Chr. und damit durch weite Teile der hellenistischen Epoche hindurch besiedelt, ohne jedoch im Hinblick auf die Straßenführung, Züge einer neuen urbanistischen Gliederung anzunehmen. Die innerstädtische Erschliessung der Oberstadt und der Platzanlagen am Ost- und Westabhang erfolgte weiter über die alten, etablierten Hauptstrassen der klassischen Zeit. Damit steht Atarneus stellvertretend für eine Vielzahl von „alten“ Städten, die zumindest bis weit in das 2 Jh. v. Chr. hinein das Bild der hellenistischen Polis im westlichen Kleinasien geprägt haben dürften.

Urbanistische Veränderungen in Priene. Die Arbeiten 2008 - 2009
(Wulf Raeck; Frank Rumscheid)
Informationen zu der Präsentation finden Sie unter folgendem link:
http://www.klassarch.uni-kiel.de/forsch/priene.-wohnen-in-einer-hellenistisch-griechischen-stadt






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Bericht zum ersten Plenarkolloquium des DFG SPP 1209

Bericht zum 1. Plenarkolloquium des DFG-Schwerpunktprogramms 1209
„Stadtbilder im Hellenismus“

Das 1. Plenarkolloquium des DFG-Schwerpunktprogramms 1209 „Die hellenistische Polis als Lebensform“ fand vom 01.–03. März 2007 mit dem Thema „Stadtbilder im Hellenismus“ in München statt.
Das zentrale Anliegen der Veranstaltung, die alle Projekte des Schwerpunktprogramms zusammenführte, war die interdisziplinäre Diskussion über Stadtbilder und die Entwicklung der Polis in hellenistischer Zeit. Indem die einzelnen Projekte ihre jeweils unter dem Gesichtspunkt unterschiedlicher Fragestellungen und diverser methodischer Herangehensweisen entwickelten Modelle des hellenistischen Stadtbildes vorstellten, konnten Gemeinsamkeiten der Terminologie und Herangehensweisen diskutiert werden. Dieser Austausch der neuen Ergebnisse stellt in seiner Summe einen ersten Zwischenstand der Erforschung der hellenistischen Stadt durch das SPP 1209 dar.
Um eine intensive interne Diskussion zu erreichen, war die Rednerliste des Kolloquiums in erster Linie mit Teilnehmern des SPP besetzt. Mit Andreas Thomsen (Rom) und Caroline Veit (München) waren zwei Gastredner eingeladen, die über Aspekte der hellenistischen Stadtentwicklung in Unteritalien sprachen. Da sich die Projekte im SPP bislang auf den östlichen Mittelmeerraum konzentrieren, erweiterten die Gastbeiträge die Diskussion um einen wesentlichen Aspekt der hellenistischen Mittelmeerwelt. Die Beiträge zu dem Kolloquium werden als Kongressakten in Buchform publiziert werden. Der Band wird im Frühjahr 2008 erscheinen.
Der vorliegende Bericht soll dazu dienen, die wesentlichen Diskussionspunkte, die bei dem Kolloquium zur Sprache kamen, zusammenzufassen; seine Gliederung orientiert sich an der Reihenfolge der bei dem Kolloquium gehaltenen Vorträge.

1. Abschnitt: „Polis und Stadt im Hellenismus“


M. Zimmermann (München)
Stadtbilder im Hellenismus
Der Vortrag begann mit einem grundlegenden Überblick über die von verschiedenen historischen Disziplinen betriebene Erforschung der hellenistischen Stadt und stellte auf diese Weise eine Einführung in das Thema des Kolloquiums dar.
In einem zweiten Abschnitt wendete sich der Vortragende der Frage zu, inwieweit die von der archäologischen Forschung beobachteten Veränderungen urbaner Befunde während der Zeit des Hellenismus eine Parallele oder einen Niederschlag in der textlichen Überlieferung finden. Zur Beantwortung der Frage wurden verschiedenen Textgattungen, die „Stadt“ und einzelne Gebäude thematisieren, besprochen. Dabei erwies sich die literarische Tradition durchaus als vielschichtig, jedoch aufgrund ihrer enormen Heterogenität auch als nicht unproblematisch. In Inschriften wird das Stadtbild zwar nicht unmittelbar angesprochen, doch lassen Anweisungen für die Aufstellung von Statuen und Berichte über die Ordnung von Prozessionen und Festen eine Reihe von Schlüssen über die zeitgenössische Wahrnehmung der Stadt zu. Das Stadtbild wird dabei mit den aus der Literatur bekannten Begriffen geschildert. Diese legen eine intensive Auseinandersetzung der Bürger mit dem Erscheinungsbild ihres Lebensraums nahe.
In der Diskussion wurde nochmals ausführlich auf die Problematik der heterogenen Überlieferung literarischer Quellen eingegangen. Als auffällige Eigenheit wurde betont, dass in ihnen die Größe von Städten und deren Konkurrenz untereinander keine explizite Rolle spielt und, wenn überhaupt, ohne klare Kategorien anklingt.


Ch. Mileta (Halle)
Was ist eine Stadt? Zeitgenössische Vorstellungen von der Polis

Der Vortrag beschäftigte sich mit dem Vorhaben, eine begriffliche und inhaltliche Definition sowie eine Terminologie für unterschiedliche städtische Siedlungsformen im Hellenismus zu erstellen. Vorgeschlagen wurde eine Gliederung einerseits nach Alter und Gründungsweise der Städte, andererseits nach dem kulturellen Hintergrund der Bevölkerung. Da allen genannten Siedlungsformen in der Antike der Ausdruck „Polis“ gemeinsam war, sprach sich der Vortragende für eine Präzisierung der Begriffsfindung aus, um im wissenschaftlichen Diskurs unterschiedliche urbane Phänomene klarer benennen zu können.
In der Diskussion kam zunächst die grundsätzliche Frage nach der Notwendigkeit einer Erweiterung und Präzisierung der Begrifflichkeit auf. Problematisiert wurde dabei vor allem, wie rigide eine solche Typologisierung an das organische System unterschiedlicher Poleis in verschiedenen kulturellen Situationen herangetragen werden kann. Hinterfragt wurden sowohl der Ansatz des Vorhabens, als auch im besonderen die Frage nach der Kategorisierung der Poleis für eine neue Terminologie.


A. Matthaei (München)
Polisbild und Münzbild

Der dritte Vortrag des Kolloquiums ging der Frage nach, inwieweit sich aus der dichten Überlieferung städtischer Münzprägungen Informationen über das Selbstbild, das die kleinasiatischen Städte in der Zeit des Hellenismus von sich skizzieren, ergeben. Eine grundsätzliche Schwierigkeit für die Beantwortung der Frage ist darin zu sehen, dass die Münzen, die in dieser Zeit und in der entsprechenden Region geprägt wurden, zwar in großer Breite überliefert sind, aber mit ihrer bildlichen Aussage kaum als Bezüge auf aktuelle Ereignisse interpretiert werden können. Somit zeigen sie gut, welche Bandbreite an Themen den Städten bei Ihrer Repräsentation wichtig war, helfen aber kaum im Hinblick auf eine über andere Quellen hinausgehende Erweiterung der heutigen Vorstellung von hellenistischen Poleis weiter.
Die Diskussion konzentrierte sich auf zwei Aspekte: Erstens die Frage, inwieweit Münzen Einblicke in einen historischen Wandel von Stadtvorstellungen geben können; zweitens wurde neben einer Reihe numismatischer Details gefragt, ob und in welcher Form Münzbilder zu städtischen Wappenbildern, wie sie etwa bei Amphorenstempeln, Bleimarken etc. vorkommen, in Bezug stehen.

2. Abschnitt: Kult und Stadtbild


W. Ehrhardt (Freiburg i. B.)
Hellenistische Heiligtümer und Riten

Anhand des Beispiels der Stadt Knidos ging der Referent der Frage nach, inwieweit Veränderungen von Riten in hellenistischer Zeit sich in der Sakralarchitektur einer Stadt nachweisen lassen, bzw. wie sich die Architektur ihrerseits auf die Ritualpraxis auswirkt. Dabei verfolgte der Referent ferner die Fragen ob sich in den innerstädtischen Heiligtümern der südwestkarischen Stadt spezifisch hellenistische Elemente der Sakralarchitektur erkennen lassen, die sich von den in früheren Zeiten gestalteten Heiligtümern grundlegend unterscheiden.
Knidos besitzt mit der großen Traversale einen zentralen, innerstädtischen Prozessionsweg. Die Heiligtümer, die in hellenistischer Zeit am westlichen Ende der Straße errichtet wurden, scheinen hingegen nach neuesten Ergebnissen nicht nach axialen Schemata angelegt worden zu sein, wie dies etwa bei anderen zur selben Zeit in der Region entstandenen Heiligtümern der Fall war (wie z. B. das Asklepieion auf der Insel Kos). Die Baustruktur des gesamten Heiligtumkomplexes hat einen altertümlichen Charakter, der vom Vortragenden als ein möglicher, bewusst gestalteter baulicher Verweis auf das hohe Alter der Kulte interpretiert wurde. In der Diskussion wurden vor allem die Frage nach der Erfahrbarkeit und der Wahrnehmbarkeit von architektonischer Ordnung im Raum thematisiert.


H.-U. Wiemer (Giessen)
Städtische Festkultur im Hellenismus

Mit einer Gegenüberstellung von Festen, die Bürgerstaaten durchführten und Festen, die hellenistische Herrscher veranstalteten, diskutierte der Vortragende die Funktionalisierung von Festen in hellenistischer Zeit für nichtreligiöse Zwecke. Anhand der Beispiele des Festes von Ptolemaios II. in Alexandria, der Feiern für Zeus Sosipolis in Magnesia und dem Herrscherfest in Teos wurden unterschiedliche Feste mit einander kontrastiert. Die Inschriften, die hierüber berichten, machen deutlich, dass Feste grundsätzlich als Medien der Selbstrepräsentation verstanden werden können. Die Feste der Herrscher richten an die gesamte hellenistische Welt, die Feste der Polis hingegen im wesentlichen an die jeweiligen Politen.
In der Diskussion wurde die Frage aufgeworfen, inwieweit eine Trennung in Herrscherfeste und städtische Feste in allen Fällen möglich ist.

3. Abschnitt: Politische Organisation und Stadtbild


A. V. Walser (München)
Sympolitien und Stadtentwicklung

In seinen Ausführungen ging der Vortragende der Frage nach, wie sich jene Städte in politischer und baulicher Hinsicht entwickeln, die in hellenistischer Zeit Sympolitien eingingen. Unter der Einbeziehung der jeweiligen Inschriften und der baulichen Überlieferung der Städte wurden die Fälle von Milet und Pidasa, Latmos und Pidasa, Teos und Lebedos, Kos und Kalymna, Karthaia und Polessa, sowie in Ioulis und Koressa und Mantineia und Helison besprochen und verglichen. Allgemein ergibt sich bei vielen der besprochenen Siedlungen das Problem, dass sich Fragen nach den unmittelbaren Einflüssen des Synoikismos kaum beantworten lassen, da die Befunde oftmals nicht publiziert sind. Soweit der Befund es zulässt, zeigte sich, dass Sympolitien einen sehr unterschiedlichen Einfluss auf die jeweiligen Siedlungen haben konnten. Dies macht jeweils ein sehr differenziertes Vorgehen bei der Untersuchung notwendig. Die Diskussion widmete sich in erster Linie der Frage nach möglichen Ursachen für Synoikismen und Sympolitien.


K. Freitag (Münster)
Bundesstaaten und die Siedlungsstrukturen griechischer Poleis in hellenistischer Zeit

Dem Vortrag lag die Frage zu Grunde, inwieweit sich das Wesen griechischer Bundesstaaten und verschiedener Ethnien auf die Genese von Poleis auswirkt. Als Beispiele wurden Entwicklungen in Triphylien, im boiotischen Bund sowie in Arkadien und Aitolien besprochen. In den einzelnen Fällen liefen jeweils komplexe, grundsätzlich verschiedene Urbanisierungsprozesse ab. Eine generelle Antwort auf die Frage nach Urbanisierungsprozessen als Folge der Gründung von Bundesstaaten gibt es entsprechend nicht. Sehr wichtig für die Fragestellungen des Kolloquiums war die Beobachtung, dass in der untersuchten Region eine Reihe von Entwicklungen, die gemeinhin mit dem Hellenismus in Verbindung gebracht werden, bereits in der ersten Hälfte des 4. Jhs. v. Chr. zu beobachten sind.
Besonders an diesem letzten Aspekt schloss sich eine lebhafte Diskussion darüber an, ob angesichts solcher chronologischen Abweichungen von dem bisherigen Entwicklungsmodell des Hellenismus Abstand genommen werden muss.

4. Abschnitt: Stadtbild und Bildwerke

R. Krumeich (Bonn) / Ch. Witschel (Heidelberg)
Bildwerke als Medien der Raumdefinition – Akropolis und Agora von Athen im Vergleich

Die Grundlage des Vortrages bildeten die Ergebnisse der bisherigen Forschungskampagnen, die die Referenten im Rahmen des SPP in Athen durchgeführt hatten. Sie gingen dabei der Frage nach, inwieweit über Statuen und Statuenaufstellungen der öffentliche Raum der Stadt im Hellenismus gegliedert und strukturiert wurde. Als Untersuchungsmaterial dienten dabei neben den Berichten des Pausanias Ehrendekrete und Statuenbasen aus Athen. Die bisherigen Untersuchung an den Basen haben ergeben, dass es während des betrachteten Zeitraumes zwischen dem 4. und 1. Jh. v. Chr. zu einer deutlichen Häufung von Aufstellungen im späten 4. sowie im frühen 1. Jh. kam. Den Statuen kam bei der Visualisierung der Erinnerung und der Kommunikation in der Stadt eine wesentliche Bedeutung zu. Durch sie wurde eine klare Raumstrukturierung geschaffen. Dabei ist es aus heutiger Sicht oft schwierig, die ursprüngliche Aufstellung der Monumente zu rekonstruieren. Methodisch ist demgemäß ein Vorgehen geboten, das vor allem die Konzentration von Denkmälern in bestimmten Teilen der Stadt, wie etwa der Agora und Akropolis von Athen, festhält. Hier lässt sich deutlich zeigen, dass hellenistische Herrscher bei ihrer Selbstdarstellung an verschiedenen prominenten Stellen im Stadtbild präsent waren, während römische Offizielle sich in erster Linie auf der Akropolis von Athen präsentierten.
Die Diskussion beschäftigte sich vor allem mit typologischen Fragen zu einzelnen Basisformen und den Folgen, die sich aus der Neueinführung von Pfeilerbasen bei Ehrenmonumenten für deren Repräsentation im Stadtbild ergeben.

M. Mathys (München)
Der Anfang vom Ende oder das Ende vom Anfang? Strategien visueller Repräsentation im späthellenistischen Pergamon

Der Vortrag verfolgte die Frage, inwieweit private Stifter das Stadtbild von Pergamon nach 133 v. Chr. prägten. Diese Fragestellung gewinnt vor dem Hintergrund, dass sich während attalidischer Zeit keine Stiftungen von Privatpersonen in Pergamon nachweisen lassen, an besonderer Brisanz. In der nachattalidischen Zeit lässt sich hingegen eine große Anzahl unterschiedlicher Stiftungen im Stadtgebiet Pergamon nachweisen. Hinsichtlich ihrer räumlichen und zeitlichen Verteilung lassen sich verschiedene Schwerpunkte erkennen: Die vom Demos geweihten Statuen der Athenapriesterinnen im Athenaheiligtum brechen im 1. Jh. ab und werden erst in der hohen Kaiserzeit wieder aufgegriffen. Im Gymnasion finden sich Statuen von Gymnasiarchen und Prytanen, aber nur selten von den Stiftern selbst. Als Stifter treten der Demos und vereinzelt die Neoi auf. Statuen von römischen Magistrate werden seit den 70er Jahren des 1. Jhs. v. Chr. vom Demos vornehmlich im Bereich der Heiligtümer auf der Oberburg aufgestellt.

R. von den Hoff (Freiburg i. B.)
Statuen im hellenitischen Gymnasion, Forschungsstand und Problemstellung
Der Referent ging in seinem Vortrag der Frage nach, wer in hellenistischer Zeit im Gymnasion geehrt wurde, wer dabei als Stifter auftrat und was dies wiederum über die Funktion des Gymnasions in der hellenistischen Stadt aussagt. Im Gymnasion von Pergamon werden während des 2. Jhs. v. Chr. Bilder von Heroen und lokalen Herrschern aufgestellt, während die Nutzer der Einrichtungen bildlich nicht in Erscheinung traten. Im späten 2. und frühen 1. Jh. v. Chr. kommen nun auch Statuen von Neoi und Gymnasiarchen hinzu. Die Funktion des Gymnasions als Aufstellungsraum tritt somit in den Vordergrund. Diese Tendenz bestätigt sich in der Beobachtung, das seit dem 1. Jh. v. Chr. zunehmend Nutzer und Wohltäter des Gymnasions als Stifter und Dargestellte vorkommen. Ein Vergleich mit den Gymnasien in Delos, Messene, Samos und Eretria zeigt, dass sich die in Pergamon gewonnenen Ergebnisse in ähnlicher Weise auch in den Gymnasien anderer Poleis nachvollziehen lassen, wobei in Pergamon während der attalidischen Zeit eindeutig die meisten militärischen Ehrendenkmäler aufgestellt waren.

Abendvortrag


A. Thomsen (Rom)
Hellenistische Städte in Unteritalien

Am Beginn des Vortrages stand zunächst ein Überblick über die historische Entwicklung, die die besprochene Region Unteritaliens, das südliche Kalabrien, in hellenistischer Zeit durchlief. In Folge der Krise, in der sich die unteritalischen Griechenstädte während des 4. Jhs. befanden, scheinen die im Hinterland ansässigen indigenen Kulturen an Bedeutung gewonnen zu haben. Diese Entwicklung geht dabei Hand in Hand mit einer intensiven Hellenisierung der indigenen Kulturen. Als Beispiel wurde in dem Vortrag die Bevölkerungsgruppe der Brettier vorgeführt. Deren Siedlungen lassen während der hellenistischen Zeit eine Neugestaltung als befestigten, urbanistisch strukturierten Zentralorten erkennen, um die sich eine Reihe von Fluchtburgen gruppieren. Insofern unterscheiden sich die Brettier deutlich von den Lukanern, die sich in Kampanien bereits im 4. Jh. in alten, griechischen Siedungen an der Küste festsetzen und deren Neugestaltung vorantreiben. Insgesamt scheint erst die Krise der Griechenstädte den Siegeszug der hellenistischen Stadt bei den Einheimischen ermöglich zu haben.
Inwieweit die Städte der Brettier als Staatswesen mit den hellenistischen Poleis aus dem östlichen Mittelmeerraum oder auf Sizilien verglichen werden können und wie dabei jeweils methodisch vorzugehen ist, war Gegenstand einer intensiven Diskussion.

5. Abschnitt: Stadtbild und Architektur


H. von Hesberg (Rom)
Die Funktion des Theaters in der hellenistischen Zeit

Dem Vortrag lag die Frage zu Grunde, welche Funktion Theater und Theaterbauten in hellenistischer Zeit für die Poleis haben.
Ein erster Abschnitt der Ausführungen war zunächst der Entwicklung der Bauform „Theater“ in hellenistischer Zeit gewidmet. Erst in diesem Zeitraum erhalten die Theaterbauten im gesamten hellenisierten Mittelmeerraum die von nun an kanonische Halbrundform, die durch die Segmentordnung eine klar untergliederte Zusammenkunft von Zuschauern bzw. der Bevölkerung ermöglicht. Es entsteht ein idealer architektonischer Raum, der die Politen ordnet und dadurch eine räumliche Akzentuierung bestimmter Bevölkerungsgruppen bei Versammlungen ermöglicht.
Ein zweiter Abschnitt des Vortrags behandelte die Nutzung der Gebäude in der Praxis. Es zeigte sich, dass Theater nur für eine sehr begrenzte Bandbreite von Veranstaltungen genutzt wurden. Hinsichtlich der Nutzung als Schauspielstätte kam es in hellenistischer Zeit zu einer Reihe von Veränderungen. So übernahmen nun Technitenverbände das Bühnenhandwerk. Das Repertoire setzte sich, soweit sich dies rekonstruieren lässt, oftmals aus wieder aufgenommenen alten Stücken zusammen, durch die bewusst panhellenische Werte vermittelt wurden.
Somit lassen sich die Theater als kollektives Bekenntnis zur griechischen Kultur interpretieren; dabei ist es die Gesellschaft, die eine kulturelle Rückversicherung im Theater erhält, ohne dass es dabei zu einer Säkularisierung oder Entpolitisierung der Bauten kommen würde.


W. Raeck (Frankfurt a. M.)
Urbanistische Veränderungen und archäologischer Befund in Priene

Anhand des archäologischen Befundes der Stadt Priene wurde in diesem Vortrag das Gesamtgefüge einer Stadt vorgestellt. Aufgrund der neueren und neuesten Grabungsergebnisse lassen sich in dieser Polis besser als in vielen anderen Orten Veränderungen in einem gesamturbanistischen Kontext nachvollziehen. Die beobachteten Veränderungen vollzogen sich im öffentlichen wie im privaten Stadtraum. Dabei manifestieren sich die in Neuerungen im hellenistischen Stadtbild nicht nur in architektonischen Befunden: Auch die Aufstellung von Statuen, durch die etwa die Agora in zwei Abschnitte gegliedert wird, liefert wichtige Erkenntnisse für das Stadtbild in hellenistischer Zeit.

C. Veit (München)
Syrakus in hellenistischer Zeit

Der abschließende Vortrag des Kolloquiums war der hellenistischen Metropole Syrakus gewidmet. Aufgrund der historischen Situation ist hier unter urbanistischen Gesichtspunkten besonders das 3. Jh. v. Chr. von Interesse, da in Syrakus unter Hieron II. eine Reihe aufwendiger Neubauten entstanden. Gleichsam als Legitimationsbasis seines Anspruches als hellenistischer Herrscher lässt Hieron zur Monumentalisierung der Neapolis von Syrakus ein mächtiges Theater und einen stadionlangen, für den Kult des Zeus Olympios errichteten Monumentalaltar. Architektur dient hier der Inszenierung des Herrschers und der Monumentalisierung der Polis, weniger aber den alltäglichen Bedürfnissen der Politen.
Diskutiert wurden im Anschluss an den Vortrag die Frage nach der Vorgängerbebauung des Altars und die Möglichkeit seiner Rekonstruktion. Ferner wurde ausführlich über die Rolle der Herrscher als Bauherren und umgekehrt jener der Architektur für die Repräsentationsstrategien der Herrscher gesprochen.

Abschlussdiskussion

In der sehr angeregten Abschlussdiskussion wurden die in den einzelnen Sektionen aufgegriffenen Themen noch einmal übergreifend besprochen.
Grundsätzlich stellte sich die Frage, inwieweit sich epochenübergreifende Phänomene speziell in der hellenistischen Epoche manifestieren und ob die von Gustav Droysen etablierte Periodisierung in dieser Form noch mit den, im Kolloquium beobachteten, organischen historischen Entwicklungen kompatibel und weiterhin anwendbar ist. Für den Aspekt des Stadtbildes und der Veränderungen, die es durchläuft, scheint die Entwicklung komplexerer Stadtentwicklungsmodelle angebracht. Zumindest ist zu fragen, ob sich das Phänomen Stadtentwicklung möglicherweise durch Zuhilfenahme anderer ausgefeilterer Modelle anders und passender erfassen lässt, als dies bisher der Fall ist.
Im Bezug auf den SPP 1209 wurde der Wunsch geäußert, dass es für ein vollständiges Erfassen des Phänomens „Hellenismus“ und „Hellenistische Stadt“ wünschenswert wäre, noch mehr Projekte aufzunehmen, die geographisch den gesamten Rahmen der hellenistischen Welt umfassen.
Einen abschließenden Aspekt der Diskussion stellte die wissenschaftliche und infrastrukturellen Koordination des SPP 1209 dar.

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Berichte von Teilkolloquien

Berichte zu den Teilkolloquien der Netzwerke des SPP finden Sie auf den Unterseiten der Netzwerke.
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Letzte Änderung: 19.07.2011