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Projektbeschreibung
Ziele
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Ziel des Projekts ist die umfassende Aufarbeitung von Sympolitien und Synoikismen in der hellenistischen Zeit und die Publikation der Ergebnisse in Form einer Monographie. Im Mittelpunkt stehen sollen die für das Schwerpunktprogramm zentralen Fragen der gesellschaftlichen und urbanistischen Implikationen und Folgen solcher Zusammenschlüsse. Dabei ist eine isolierte Behandlung dieser Aspekte nicht sinnvoll; eine ausgewogene und vertiefte Analyse ist vielmehr nur dann möglich, wenn die zentralen Untersuchungsziele in eine Gesamtschau des Phänomens eingebettet werden. Als erster Schritt ist eine umfassende Sammlung aller einschlägigen Quellen notwendig, sowohl der literarischen als auch der epigraphischen, um die chronologische und geographische Verteilung des Phänomens genauer zu erfassen und nach regionalen Rahmenbedingungen zu fragen, die die verschiedenen Formen von Zusammenschlüssen begünstigten. Der resultierende Katalog von Einzelfällen soll in einem zweiten Schritt für die systematische Untersuchung aufbereitet, ergänzt und für die Publikation bearbeitet werden. Dabei sollen die Texte im Original und in Übersetzung geboten und kommentiert werden, um die Synthese von Detailfragen zu entlasten. Zudem sollen (aus der Literatur, nicht durch Autopsie) die verfügbaren topographischen und archäologischen Informationen zur Lage und zum Siedlungsbild der erfaßten Orte und Gemeinden zusammengetragen und in knapper Form dargestellt werden. Im Hinblick auf die urbanistischen Folgen von Sympolitien ist dieser Schritt eine wichtige Ergänzung zu den schriftlichen Quellen. In einem dritten Schritt soll das Material zusammenfassend analysiert und eine systematische Darstellung erarbeitet werden. Entsprechend soll sich die abschließende Publikation in zwei Teile gliedern, die Darstellung als Hauptteil und den Katalog als längeren Anhang.
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Forschungsstand
Zur Terminologie sei vorab betont, daß der Begriff der Sympolitie sowohl in den antiken Quellen wie in der modernen Forschung auch auf Bundesorganisationen selbständiger Poleis angewandt wird (siehe nur Giovannini 1971). Solche Bundesorganisationen (etwa der Aitoler, der Achaier, der Lykier usw.) sind in jüngster Zeit intensiv erforscht worden und bilden nicht den Gegenstand des hier skizzierten Projekts. Dieses bezieht sich auf Zusammenschlüsse von zwei oder mehreren Partnern von meist sehr ungleichem Gewicht, die zu einem völligen Aufgehen der kleineren Gemeinden in einer Großpolis führten. Teilweise wurde dabei die Bevölkerung der kleinen Orte in den Zentralort umgesiedelt (Synoikismos im engeren Sinn), meist blieben die beteiligten Siedlungen aber bestehen und pflegten unter dem Dach der Großpolis ihre lokale Identität weiter (Sympolitie, "politischer" Synoikismos). Auch wenn in den Quellen die Bezeichnungen für dieses Phänomen variieren, wird im folgenden ausschließlich der Begriff der Sympolitie als zentrales Schlagwort für den gesamten Komplex verwendet.
Über Sympolitien in hellenistischer Zeit liegt ein umfangreiches Quellenmaterial vor, das sich aus meist knappen literarischen Notizen einerseits und einem stetig wachsenden Bestand an häufig langen und detailreichen Inschriften andererseits zusammensetzt. Die epigraphische Dokumentation bietet Verträge und andere Urkunden, die detaillierte Regelungen für den Abschluß einer Sympolitie enthalten und damit über die Interessenlage bei der Entstehung eines solchen Zusammenschlusses und seine intendierte Form Auskunft geben, nicht jedoch über seine praktische Umsetzung und seinen langfristigen Erfolg (vgl. den neupublizierten Vertrag zwischen Latmos und Pidasa: Blümel 1997; Jones 1999; Wörrle 2003). Andere Texte, etwa Dekrete von Teilgemeinden, beleuchten die politische Praxis in funktionierenden Sympolitien und sind für die Fragestellung ebenfalls sehr ergiebig. Sie beziehen sich allerdings zwangsläufig auf die konkrete Situation und enthalten eher schlaglichtartige, aus dem Zusammenhang gerissene Informationen (vgl. z. B. die neuen Texte aus Kos in Bosnakis/Hallof 2003, 2005). Diese verschiedenen Gattungen schriftlicher Quellen ergänzen sich gegenseitig, sind aber noch nie umfassend untersucht worden.
Zwar liegen zahlreiche für das Thema relevante Einzelbeiträge vor, diese behandeln jedoch fast durchweg einzelne Fallbeispiele, häufig ausgehend von der Publikation oder Kommentierung einer oder mehrerer Inschriften (herausragend: Robert/Robert 1976). Systematische Ansätze sind dagegen selten. F. Gschnitzer hat in seiner 1958 erschienen Studie über "Abhängige Orte" viele Fragen aufgegriffen, die auch hier von Interesse sind, beschränkte sich aber auf die archaische und klassische Zeit. Ch. Habicht wies damals in seiner Rezension darauf hin, daß das "Phänomen der Außengemeinden (...) in noch erheblich größerem Umfang" in nachklassischer Zeit begegne. Habicht notierte u.a. eine Reihe von Sympolitien der hellenistischen Zeit und folgerte, "daß eine umfassende Behandlung der ‘Außengemeinden’ eine überaus lohnende Aufgabe" wäre (Habicht 1959, 708f.). An dieser Forschungslage hat sich bis heute trotz des stetigen Zustroms von neuem Material wenig geändert. M. Zimmermann verwies in seiner für das Thema insgesamt wichtigen Regionalstudie zu den kaiserzeitlichen Sympolitien in Lykien erneut auf das Fehlen einer systematischen Untersuchung des Phänomens hin (Zimmermann 1992, 123–141, hier 123 Anm. 1), und der von mir vor einigen Jahren formulierten Feststellung, die kleinasiatischen Sympolitien seien unzureichend erforscht (Schuler 1998, 43 Anm. 155), hat kürzlich G. Reger ausdrücklich zugestimmt (2004, 146): "The sympoliteia as a political phenomenon deserves a comprehensive study (...) that cries out to be done (...)." Reger entwickelt in dem zitierten Beitrag eine übergreifende Perspektive, konzentriert sich jedoch in Vorbereitung einer monographischen Darstellung der Geschichte von Mylasa weitgehend auf Karien (vgl. Reger 2004, 145 Anm. 1). Nützlich, aber keineswegs erschöpfend ist auch der 1994 erschienene Beitrag, in dem H. H. Schmitt vor allem terminologische Fragen erörtert.
Vor diesem Hintergrund verspricht eine Beschäftigung mit dem Phänomen der Sympolitien einen erheblichen Erkenntnisgewinn gerade im Hinblick auf die in dem Schwerpunktprogramm zur hellenistischen Polis gestellten Fragen:
Sympolitieprojekte zwangen die beteiligten Partner, bewußt darüber zu reflektieren, welche Gestalt die künftige Polis haben sollte. In Verträgen wurden dann die Rechte und Pflichten der verschiedenen Gruppen festgehalten. Entsprechend geben diese Dokumente besonders detailliert darüber Aufschluß, welche Elemente als konstitutiv für eine Bürgergemeinde verstanden wurden, in welchen konkreten und symbolischen Privilegien die Zugehörigkeit zur Polis zum Ausdruck kam und welchen Stellenwert diese Zugehörigkeit für den Einzelnen besaß.
Sympolitien beendeten insofern die politische Existenz der Teilgemeinden, als diese unter dem größeren Dach der Gesamtpolis verschwanden und von außen nicht mehr als eigenständige Einheiten wahrgenommen wurden. Dies stand im Widerspruch zum Ideal der politischen Selbständigkeit, das auch in hellenistischer Zeit zum Selbstverständnis der Poleis gehörte. Sympolitien sind deshalb ein erklärungsbedürftiges Phänomen, wobei grundsätzlich zwischen freiwilligen und unfreiwilligen Zusammenschlüssen zu unterscheiden ist. Viele Sympolitien kamen nur durch externen Druck zustande, insbesondere durch gezielte Eingriffe hellenistischer Herrscher. Der Umstand, daß solche Projekte nicht selten scheiterten und die beteiligten Partner später wieder als selbständige Poleis auftraten, ist ein deutlicher Indikator für die anhaltende Vitalität des traditionellen Polismodells und Autonomieideals in hellenistischer Zeit. Entsprechend spielen mögliche Widerstände gegen Sympolitien, zentrifugale Kräfte und das Beharren abhängiger Gemeinden auf ihrer eigenen politischen Identität in der Forschung eine herausragende Rolle (zuletzt wieder Reger 2004). Eine zusammenfassende Untersuchung fehlt jedoch, wobei besonders zu beachten wäre, aus welchen Gründen hellenistische Herrscher zum Instrument der Sympolitie griffen und unter welchen Bedingungen auch erzwungene Vereinigungen dauerhaft erfolgreich sein konnten.
Seltener behandelt – oder auch nur gestellt – hat man die umgekehrte Frage, warum trotz der hohen Wertschätzung politischer Selbständigkeit viele Sympolitien auf eigene Initiative der Beteiligten hin zustandekamen, dauerhaften Bestand hatten und offensichtlich erfolgreich funktionierten (herausragende Beispiele: Rhodos; Kos). Man kann annehmen, daß der langfristige Erfolg eines solchen Zusammenschlusses auf einem Gleichgewicht in den Beziehungen zwischen Zentral- und Teilgemeinde beruhte, in dem die Interessen beider Seiten gleichermaßen berücksichtigt wurden. Die Frage nach den Motiven der beteiligten Partner drängt sich vor allem im Fall freiwillig abgeschlossener Sympolitien auf. Aber auch bei Sympolitien, die in erster Linie auf den externen Druck eines Herrschers oder den Sog eines übermächtigen Zentrums zurückgingen, greift das übliche Schema der aggressiven Expansion auf der einen und des hartnäckigen Widerstandes auf der anderen Seite zu kurz. Auch eine einseitige oder externe Initiative konnte bestehenden Wünschen entgegenkommen und zu einer gegenseitigen Öffnung und Integration führen. Drei Aspekte, die eng mit der Thematik des Schwerpunktprogramms zusammenhängen, sind hier besonders wichtig: 1) Seit dem 4. Jh. und verstärkt während des Hellenismus setzten sich überall in der griechischen Welt höhere Standards der städtischen Lebensführung und einer entsprechenden Infrastruktur durch, an der sich die Poleis orientierten. Zahlreiche Kleinpoleis verfügten aber nicht über die Ressourcen, um die erforderliche Modernisierung und Monumentalisierung auch nur ansatzweise zu bewältigen. Sympolitien waren eine Möglichkeit, sich in einem größeren Zentralort den Zugang zu diesen Errungenschaften zu verschaffen, und der Zentralort selbst gewann zusätzliche Ressourcen für einen weiteren Ausbau. Die Teilgemeinden verzichteten damit aber de facto für die Zukunft auf eigene Großprojekte (z.B. Gymnasien, Theater). 2) Die Exklusivität des Bürgerrechts spielt auch in hellenistischer Zeit nach wie vor eine große Rolle, während sich zugleich vielfältige Formen der Öffnung verbreiten, die mit der verstärkten Mobilität und Vernetzung in der hellenistischen Welt zusammenhängen (Isopolitie; Einbürgerung ganzer Gruppen, etwa von Söldnern; Beteiligung von Nicht-Bürgern an Kulten und Festen u.ä.). In diesen Zusammenhang ordnen sich auch die Sympolitien ein; sie erforderten jedoch eine besonders große Anstrengung der Beteiligten zur gegenseitigen gesellschaftlichen und institutionellen Öffnung. Sowohl im Hinblick auf ihre Voraussetzungen wie auf ihre Folgen sind die Sympolitien damit ein besonders lohnendes Studienobjekt, wenn es um Wandlungsprozesse innerhalb der hellenistischen Polis gehen soll. 3) Eine Sympolitie verschob die politischen Gewichte in den beteiligten Gemeinden, indem sie ein neues, größeres Gebilde schuf und die Möglichkeiten zur politischen Betätigung erweiterte. Dabei ist zwischen den einfachen Bürgern und den führenden Politikern zu unterscheiden. Erstere verloren ihre Selbstbestimmung in einem kleinen, überschaubaren Kollektiv, die einzelne Stimme ging in der größeren Masse auf und verlor damit an Einfluß. In anderer Hinsicht gewannen die Bürger an Gewicht, weil in einer Großpolis politische Entscheidungen von erheblich größerer Tragweite zu fällen waren. Vielfach betont hat man die Hartnäckigkeit, mit der Teilgemeinden von Sympolitien auf der Pflege ihrer lokalen Institutionen beharrten (eigene Amtsträger, Kulte und Feste, selbständige Regelung kommunaler Angelegenheiten). Aber bedeutet dieses oft erhebliche Engagement, daß sich die Mitglieder dieser Gemeinden ähnlich stark auf der Ebene der Gesamtpolis einsetzten? Oder war die ‘große Politik’ nur Sache weniger Lokalgrößen? In diesem Zusammenhang wäre zu fragen, inwieweit Sympolitien in erster Linie auf Initiativen führender Familien hin zustandekamen. Deren Mitglieder vor allem verfügten über die nötigen Verbindungen, um einen derartigen Zusammenschluß vorzubereiten, und besaßen die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Voraussetzungen, um davon besonders zu profitieren. Andererseits mußten sie möglicherweise in Kauf nehmen, daß sich die Konkurrenz um die politischen Führungsämter in einer Sympolitie verschärfte. Fungierten die Mitglieder ihrer Heimatgemeinden dabei in erster Linie als Klientel, auf die sie ihre künftigen Aktivitäten in der Gesamtpolis stützten? In dieser Hinsicht kann die Beschäftigung mit den Sympolitien zusätzliches Licht auf zwei seit langem und gerade in letzter Zeit wieder intensiv diskutierte Aspekte der hellenistischen Poleis werfen, die Rolle der Eliten sowie die Vitalität demokratischer Institutionen und die Intensität des politischen Engagements der ‘normalen’ Bürger.
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Literaturhinweise
- Blümel 1997: W. Blümel, Vertrag zwischen Latmos und Pidasa, EpigrAnat 29, 1997, 135-142.
- Bosnakis/Hallof 2003: D. Bosnakis – K. Hallof, Alte und neue Inschriften aus Kos I, Chiron 33, 2003, 203-262.
- Bosnakis/Hallof 2005: D. Bosnakis – K. Hallof, Alte und neue Inschriften aus Kos II, Chiron 35, 2005 (im Druck).
- Debord 2001: P. Debord, Questions Stratonicéennes, in: A. Bresson – R. Descat (Hg.), Les cités d’Asie Mineure occidentale au IIe siècle a.C., Bordeaux 2001, 157-172.
- Debord/Varinlioglu 2001: P. Debord – E. Varinlioglu (Hg.), Les hautes terres de Carie, Bordeaux 2001.
- Giovannini 1971: A. Giovannini, Untersuchungen über die Natur und die Anfänge der bundesstaatlichen Sympolitie in Griechenland, Göttingen 1971.
- Gschnitzer 1958: F. Gschnitzer, Abhängige Orte im griechischen Altertum, München 1958 (Zetemata 17).
- Habicht 1959: Ch. Habicht, Rez. von Gschnitzer 1958, Gnomon 31, 1959, 704–711.
- Jones 1999: C.P. Jones, The Union of Latmos and Pidasa, EpigrAnat 31, 1999, 1-7.
- Marek 2006: Ch. Marek, Die Inschriften von Kaunos, München 2006 (Vestigia 55, im Druck).
- Reger 2004: Sympoliteiai in Hellenistic Asia Minor, in: St. Colvin (Hg.), The Greco-Roman East. Politics, Culture, Society, Cambridge 2004 (YClS 31), 145-180.
- Robert/Robert 1976: J. u. L. Robert, Une inscription grecque de Téos en Ionie. L’union de Téos et de Kyrbissos, JSav 1976, 153-235 (="Opera" Minora Selecta VII, 297-380).
- Schmitt 1994: H.H. Schmitt, Überlegungen zur Sympolitie, in: Symposion 1993, Köln u.a. 1994, 35-44.
- Schuler 1998: Ch. Schuler, Ländliche Siedlungen und Gemeinden im hellenistischen und römischen Kleinasien, München 1998 (Vestigia 50).
- Schuler/Walser (im Druck): Ch. Schuler – A.V. Walser, Neue Inschriften aus Kyaneai und Umgebung VII: Die Gemeinde von Trysa, in: F. Kolb (Hg.), Lykische Studien 7, ca. 25 S.
- te Riele/te Riele 1987: G.-J. u. M.-J. te Riele, Hélisson entre en sympolitie avec Mantinée: une nouvelle inscription d’Arcadie, BCH 111, 1987, 167-188.
- van Bremen 2000: R. van Bremen, The Demes and Phylai of Stratonikeia in Karia, Chiron 30, 2000, 389-401.
- Walser 2003: Rez. von Debord/Varinlioglu 2001, Bryn Mawr Classical Review 2003.01.09.
- Wörrle 2003: M. Wörrle, Inschriften von Herakleia am Latmos III. Der Synoikismos der Latmioi mit den Pidaseis, Chiron 33, 2003, 121-143.
- Zimmermann 1992: M. Zimmermann, Untersuchungen zur historischen Landeskunde Zentrallykiens, Bonn 1992 (Antiquitas 1,42).
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Letzte Änderung:
10.07.2006
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