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Projektbeschreibung
Stadtgeschichte
Mit der Gründung seiner nach ihm
benannten Residenzstadt im Jahre 309 v. Chr. an der Nahtstelle zwischen Europa
und Kleinasien offenbarte Lysimachos Ambitionen, die über seine damalige
Reichsgrenze hinausreichten. Denn erst mit dem Sieg bei Ipsos 301 v. Chr.
konnte er sein Herrschaftsgebiet über Thrakien hinaus bis nach Kleinasien
ausdehnen. Besonders Lysimacheia wird von dem Zuwachs an Reichtum aus diesen
Gebieten profitiert haben. Die Stadt wurde ex
novo an einer zuvor wahrscheinlich unbesiedelten Stelle auf der engsten
Stelle der thrakischen Chersones errichtet und zunächst durch Synoikismos der
Hafenstädte Kardia und Paktye bevölkert. Eine erste Zerstörung der Neugründung
resultiert aus dem schweren Erdbeben von
287 v. Chr. Nach dem Tod des Lysimachos fällt die Stadt 281 v. Chr. an Seleukos
I., der aber im darauf folgenden Jahr von Ptolemaios Keraunos in Lysimacheia
ermordet wird. Bereits 279 v. Chr. muss der Ptolemäer dem Ansturm der Gallier
weichen. Im Jahre 275 v. Chr. gewannen die Seleukiden wieder die Oberhand auf
der thrakischen Chersones, wurden jedoch 243 v. Chr. erneut von den Ptolemäern
abgelöst. Die Mitgliedschaft Lysimacheias im Aitolischen Bund währte nur von
207/5 v. Chr. bis zur Übernahme der Stadt durch den Makedonenkönig Philipp V.
202 v. Chr. Die Zerstörung im Zuge des Thrakereinfalls von 197 v. Chr. konnte
er jedoch nicht verhindern. Im Folgejahr überschritt Antiochos III. den
Hellespont und nahm Lysimacheia in Besitz, um es als Residenz für seinen Sohn
Seleukos wiederaufzubauen. Nach dem Rückzug aus Europa fiel die Stadt 190 v.
Chr. zunächst an die Römer, nach dem Frieden von Apameia 188 v. Chr.
schließlich an die Attaliden von Pergamon. 144 v. Chr. waren es erneut Thraker,
die unter der Führung von Diegylis Lysimacheia zerstörten – diesmal
endgültig.
Bisherige Forschungen
So wichtig die strategische
Bedeutung der Ortslage für die Errichtung von Lysimacheia an besagter Stelle
war, so sehr stand sie auch der bisherigen Erforschung dieses Geländes
entgegen. Bereits D. Hereward (Archaeology 11, 1958, 112) wies auf eine hohe
Funddichte im Bereich südlich von Bolayır hin. Bis in die 1980er Jahre
verhinderten militärische Interessen archäologische Untersuchungen auf der
thrakischen Chersones. Erst mit dem 1982 von M. Özdoğan durchgeführten
extensiven Survey erfolgte eine erste großflächige Geländeaufnahme, allerdings
beschränkt auf prähistorische Spuren. So beschäftigen sich die bisherigen
Abhandlungen zu Lysimacheia mit den literarischen und epigraphischen Quellen,
numismatischen Zeugnissen, Zufallsfunden und geomorphologischen Aspekten, ohne
die formulierten Thesen jedoch durch gezielte archäologische Feldforschungen
untermauern zu können. Daraus resultiert die abweichende Lokalisierung der
Stadt in Ortaköy, Kavak, Bakla Burnu (Kardia!) und Bolayır. Der von 1998-2006
jährlich von M. Sayar in Thrakien durchgeführte extensive Inschriftensurvey
erlaubt nun die genaue Lokalisierung der Stadt auf dem Isthmus der Halbinsel.
Topographie
Das antike Stadtgebiet erstreckt
sich an der engsten Stelle der Gallipoli-Halbinsel auf einem zum Teil
beträchtlich abfallenden Höhenrücken über mehrere Hügel, Senken und Plateaus.
Der moderne Ort Bolayır liegt zwischen der höchsten Erhebung einer Hügelkette
im Süden und eines Steilabfalls im Norden, der auch die nördliche Begrenzung
Lysimacheias markiert haben wird. Antike Besiedlung kann innerhalb der modernen
Ortschaft und insbesondere auf den süd-südöstlich anschließenden,
landwirtschaftlich genutzten Flächen beobachtet werden. Der höchste Punkt ist
ebenso unüberbaut, wie das südlich davon abfallende Gelände, das sich zu einem
ca. 2 x 2 km großen Plateau öffnet. Die Form wird durch einen tiefen Einschnitt
durch ein Flusstal im Ostabhang vorgegeben. Die ersten Geländebegehungen legen
nahe, dass die antike Stadt einen Großteil dieser Fläche einnahm, ohne dass
jedoch zu diesem Zeitpunkt bereits eine genaue Umgrenzung möglich wäre. Auch im
Westen wird die maximale Ausdehnung Lysimacheias durch einen tief
einschneidenden Flusslauf limitiert, so dass besonders die Klärung der
südlichen Grenze des Siedlungsbereichs in das Zentrum der Forschungen rücken
muss. Mit Blick auf die Dardanellen erfasst man mit Maltepe einen deutlich
erkennbaren prähistorischen Tell, der vermutlich den antiken Küstenverlauf
markiert, nun aber 600 m vom Meer entfernt ist. An dieser Stelle werden
intensivere Untersuchungen wahrscheinlich zur Lokalisierung der antiken
Hafenstadt Paktye führen. Starke Verlandung lässt sich ebenfalls an der Küste
zum Golf von Saroz beobachten, dies gilt besonders für die Ebene südlich von
Bakla Burnu, in der einst das Hafenbecken von Kardia gelegen haben wird. Die Lage
dieser Hafenstadt kann durch reiche oberflächliche Streufunde zweifelsfrei
abgelesen werden.
Die strategisch günstige Lage
Lysimacheias wird noch heute dadurch dokumentiert, dass bestimmte Areale im
Gelände durch die Anlage von Bunkern aus dem 2. Weltkrieg stark gestört sind.
In dem sehr hügeligen Gebiet westlich davon konnten im Satellitenbild mehrere
mittelalterliche Forts geortet werden, von denen mit Çimpe Kalesi sogar eines
bis in das 20. Jh. genutzt wurde.
Survey
Die Orientierung im Felde konnte zu
Beginn in Ermangelung
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Abb. 3: Satellitenbild (© WWU Münster)
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Abb. 4: Topographische Karte (© WWU Münster)
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von Kartenmaterial in geeignetem Maßstab nur durch
Satellitenbilder (IKONOS, Quickbird) in hoher Auflösung gewährleistet werden (Abb. 3), mittlerweile wurde in
Kooperation mit dem Fachbereich Geowissenschaften der Universität Münster
daraus eine topographische Karte erstellt (Abb.
4). Das zu untersuchende Gebiet wurde bereits im Vorfeld in Quadranten
aufgeteilt, deren Staffelung (Seitenlänge: 1000m, 100m, 20m und 5m) eine
differenzierte Herangehensweise ohne Änderung der Systematik erlaubt. Die
Etablierung der Suchquadranten im Kerngebiet erfolgte über
Tachymetereinmessung, die
Positionsabfrage in den lateralen Bereichen über GPS-Geräte. Dort wurde
zunächst das Gelände nur extensiv begangen, um Aufschluss über die Ausdehnung
der Stadt und ihrer Befestigung zu erhalten.
Da von der antiken Architektur
oberirdisch keine Strukturen im Bauverband sichtbar sind, kann das antike
Siedlungsgebiet nur anhand der Oberflächenfunde eingegrenzt werden. Dies wird
dadurch ermöglicht, dass durch landwirtschaftliche Aktivitäten ständig eine
Vielzahl meist gut erhaltener Artefakte aus unterschiedlichen Materialien an
die Oberfläche gepflügt werden, die eindeutig der hellenistischen Besiedlung
zuzuordnen sind. Die archäologischen Schichten scheinen sich relativ
oberflächennah zu befinden, da sich Fundkomplexe noch sehr gut oberirdisch
abzeichnen. Ziel des intensiven Surveys soll es sein, diese Zusammenhänge
topographisch, quantitativ und qualitativ auswertbar zu machen. Zu diesem Zweck
wird an ausgesuchten Stellen in engmaschigen Quadranten (5x5 m) sämtliches
antikes Material aufgesammelt und dokumentiert.
An den Feldrändern und nahe bei
Gehöften und Wegen liegen zahlreiche von Bauern angelegte Lesesteinhaufen, die
sowohl behauene Steine als auch Keramik beinhalten. Neben diesen leicht
zugänglichen Funden wurde in Bolayır eine große Anzahl antike Architekturteile
und Artefakte modern als Spolien verbaut, deren Dokumentation einen wichtiger
Teilbereich des Surveys darstellt.
Geophysik
Die Eignung des Geländes der
ehemaligen Stadt Lysimacheia für den Einsatz geophysikalischer
Untersuchungsmethoden ist offenbar. Die Stadt zählt durch ihren gesicherten
Baubeginn im Jahre 309 v. Chr. noch zu den frühen hellenistischen Neugründungen
und wurde in kurzer Zeit neu errichtet, ohne auf Vorgängerstrukturen Rücksicht
nehmen zu müssen. Da sie nach ihrer endgültigen Zerstörung 144 v. Chr. nicht
wiederaufgebaut wurde, ergibt sich durch die nur 165 Jahre währende Existenz
für alle materiellen Hinterlassenschaften ein enger chronologischer Rahmen, der
die Überlagerung vieler Bauphasen kaum erwarten lässt. Daher wird besonders die
geophysikalische Prospektion der agrarisch genutzten Flächen entscheidend zur
Klärung der Topographie und Struktur der hellenistischen Stadt selbst in ihrer
Gründungsphase beitragen können. Die in Lysimacheia direkt unter dem
Pflughorizont erhaltenen Befunde sind für diese Methodik besonders gut
geeignet. Im Falle einer Arbeitsgenehmigung für 2009 könnte etwa ein Sechstel
der antiken Siedlungsfläche durch den Einsatz der Geomagnetik unter der Leitung
von Dr. H. Stümpel untersucht werden. Dadurch werden erste Aussagen zur
Stadtmauer, zum Straßennetz, zur Parzellierung und zu Funktionsbereichen
möglich.
Ergebnisse 2006
Bereits während der verkürzten
Kampagne 2006 konnten die Feldforschungen in Lysimacheia erste wichtige
Erkenntnisse zur Größe und zum Erscheinungsbild der antiken Stadt liefern:
Die Gesamtfläche wird nach
bisherigen Schätzungen 300-350 Hektar eingenommen haben. Basis hierfür sind die
während der extensiven Geländebegehungen gemachten Beobachtungen. Die
Lokalisierung der literarisch belegten Stadtmauer gelang bisher nicht, da sich
oberirdisch keine Spuren erhalten haben.
Auf der Akropolis im Nordbereich
von Lysimacheia wird, anhand der Funde zu urteilen, ein weithin sichtbarer
dorischer Tempel zu rekonstruieren sein. Es wurde dort unter anderem ein
Geisonblock gefunden, dessen Dimensionen auf eine dorische Sakralarchitektur
hindeuten, die selbst den Athenatempel in Ilion an Größe übertrifft.
Generell präsentiert sich
Lysimacheia offenbar als eine durchweg in dorischer Ordnung errichtete Stadt,
da den bisher 10 gefundenen Kapitellen keine ionischen gegenübergestellt werden
können. Da die Forschungen noch am Anfang stehen, kann zu diesem Zeitpunkt nur
über eine programmatische Intention im Sinne der Vermittlung von
Altehrwürdigkeit spekuliert werden.
Die Menge und Qualität der Funde,
die zunächst noch ohne konkreten Kontext betrachtet werden müssen, übertraf die
Erwartungen. Sie zeugen von sakralem, öffentlichem und privatem Leben in der
hellenistischen Polis und dem Ausstattungsluxus, der einer königlichen
Residenzstadt gebührt.
Wenn wir die Einzelfunde
betrachten, so ist zu betonen, dass aus dem Stadtgebiet bislang keine sicher
vor- oder nachhellenistischen Stücke geborgen werden konnten. Der
archäologische Befund bestätigt also bisher die in den antiken Quellen genannte
Existenz Lysimacheias von 309-144 v.
Chr. – ein methodischer Glücksfall.
Ziele
Es ist offensichtlich, dass durch unseren
Stadtsurvey die Chance besteht, vielfältige Informationen über die materielle
Kultur einer neugegründeten Königsstadt zu erlangen. Mit den Methoden eines
Oberflächensurveys wird es aber selbstverständlich nur eingeschränkt möglich
sein, die einzelnen Funde und Befunde kontextuell auszuwerten, so dass
mittelfristig auch Ausgrabungen an ausgewählten Stellen des antiken
Stadtgebietes anschließen müssen. Gleichwohl bleibt die Interpretation der
materiellen Kultur nicht in antiquarischen Detailfragen stecken. So stellt sich
z.B. bei der Verwendung der dorischen Ordnung die Frage, ob es sich um
programmatische Rückgriffe auf ältere Epochen oder um ein Festhalten an
traditionellem Formgut handelt. Hier bieten sich gute Ansatzpunkte aus dem
oberirdisch Vorhandenen Fragen städtischer und königlicher Identität
anzusprechen, so zum Beispiel, ob sich bei einigen Architekturen eine Tendenz
zur Monumentalisierung nachweisen lässt.
Mit der Auswertung aller
verfügbaren geowissenschaftlichen Informationen und der Erstellung einer Karte
wurde bereits Grundlagenarbeit zur Topographie des Geländes geleistet,
weiterhin bleibt aber die archäologische Erforschung der antiken Stadt und
ihrer Chora ein zentrales Ziel. Wirklich präzise und eindeutige Aussagen zu
städtischen und königlichen Identitäten, zur Kommunikation zwischen Stadt und
König und zu baulichen Entwicklungen wird man aber erst durch eine Ausgrabung
oder zumindest Sondagen erlangen können. Bis dahin gilt es, alle zusätzlich zur
Surveyarchäologie zur Verfügung stehenden Quellen auszuwerten, womit wir nicht
nur die literarischen und epigraphischen Zeugnisse meinen, sondern insbesondere
auch die städtische und die königliche Bronzeprägung des Lysimachos, deren
komparatistische Untersuchung neue Ergebnisse zur Kommunikation zwischen König
und Polis liefert.
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Letzte Änderung:
31.10.2008
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